Wir reden Deutschland schlecht und halten seine Vorzüge für selbstverständlich

Manchmal braucht es jemanden von außen, damit man wieder sieht, was längst vor der eigenen Nase liegt.

Der israelisch-deutsche Professor Guy Katz hat auf Facebook einen Beitrag veröffentlicht, der mich genau deshalb angesprochen hat. Vor 22 Jahren kam er aus Israel nach Deutschland. Eigentlich nur zum Studieren, für ein paar Semester. Er blieb.

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Zum Jahrestag zählt Katz 22 Dinge auf, die er an Deutschland schätzt. Keine Hymne, kein „Deutschland, Deutschland über alles“, sondern eine ziemlich sympathische Mischung aus großen Errungenschaften und kleinen Alltagsbeobachtungen.

Kostenloses Studium, duale Ausbildung, Ehrenamt, Grundgesetz und Erinnerungskultur stehen neben Brot, Biergarten, Sonntagsruhe und deutscher Pünktlichkeit. Letztere würde ich angesichts meiner Erfahrungen mit der Deutschen Bahn vielleicht mit einem kleinen Sternchen versehen.

Wir sehen zuverlässig, was nicht funktioniert

Vielleicht liegt darin schon das Problem. Wir Deutschen besitzen ein ziemlich fein eingestelltes Messinstrument für Missstände.

Die Bahn kommt zu spät. Die Brücken und Straßen sind marode. Beim Amt fehlt Formular 17b. Das Internet ist zu langsam (kein Glasfaser!!??), die Schule renovierungsbedürftig, die Rente unsicher und die Regierung sowieso eine Katastrophe.

Vieles davon stimmt sogar. Ich schreibe selbst häufig genug darüber, was mich an diesem Land, seiner Politik und inzwischen auch an Teilen seiner politischen Kultur stört. Und diese meine eigene Einseitigkeit geht mir oft genug selbst auf den Keks.

Aber während wir jeden Mangel sorgfältig registrieren, behandeln wir das Funktionierende wie vieles scheinbar Selbstverständliche. Es ist eben da.

Das ist ein merkwürdiges Missverhältnis, findet ihr nicht?

Das eigentlich Kostbare ist ziemlich langweilig

Katz erinnert an Dinge, über die wir normalerweise nicht reden.

Wer einen Krankenwagen ruft, muss nicht vorher seine Kreditwürdigkeit nachweisen. Aus dem Wasserhahn kommt Wasser, das man bedenkenlos trinken kann. Junge Menschen können studieren, ohne dafür Schuldenberge anzuhäufen. Millionen engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen, Feuerwehren, Hilfsorganisationen und sozialen Einrichtungen.

Wir besitzen einen Sozialstaat, über dessen Leistungen wir leidenschaftlich streiten, während wir seine bloße Existenz kaum noch erwähnenswert finden.

Und über allem steht ein Grundgesetz, dessen erster Satz nicht zufällig lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Vielleicht liegt das Besondere dieses Landes gerade in solchen Selbstverständlichkeiten.

Denn selbstverständlich sind sie überhaupt nicht.

Historisch betrachtet schon gar nicht.

Der Luxus der Erwartbarkeit

Ich glaube, wir unterschätzen, wie wertvoll es ist, in einem Land zu leben, in dem man bestimmte Dinge erwarten darf.

Dass Gerichte unabhängig entscheiden. Dass eine Regierung eine verlorene Wahl akzeptiert. Dass der politische Gegner nicht im Gefängnis landet. Dass Eigentum geschützt wird. Dass ein Rettungswagen kommt. Dass Schulen, Universitäten und Bibliotheken existieren. Dass Polizei und Verwaltung an Gesetze gebunden sind.

Natürlich funktioniert all das nicht immer so, wie es sollte.

Aber grundsätzlich funktioniert es.

Diese Erwartbarkeit ist vermutlich eine der größten Errungenschaften moderner Gesellschaften. Und zugleich eine der unsichtbarsten.

Zivilisation ist eben meistens ziemlich langweilig.

Erst wenn sie ausfällt, wird sie aufregend.

Ausgerechnet die Kritik beweist unser Vertrauen

Deshalb halte ich es auch für falsch, aus solchen Gedanken einen patriotischen Wohlfühlabend zu machen.

Deutschland hat große Probleme. Manche davon sind hausgemacht. Wir haben jahrelang Investitionen verschleppt, Infrastruktur verkommen lassen, Bürokratie aufgebaut und notwendige Reformen vertagt. Darüber muss gesprochen werden.

Aber unsere permanente Unzufriedenheit enthält einen interessanten Widerspruch.

Wir ärgern uns über den verspäteten Zug, weil wir erwarten, dass er pünktlich fährt.

Wir schimpfen über Behörden, weil wir erwarten, dass sie funktionieren.

Wir kritisieren Politiker, weil wir erwarten, dass sie vernünftig handeln.

Unsere Klage setzt also voraus, dass wir diesem Land grundsätzlich zutrauen, besser zu sein.

Das ist eigentlich ein ziemlich großes Vertrauensvotum.

Wenn aus Kritik Verachtung wird

Problematisch wird es dort, wo diese notwendige Kritik in eine völlig andere Richtung kippt.

Deutschland sei heruntergewirtschaftet. Nichts funktioniere mehr. Der Staat habe versagt. Die Demokratie sei nur noch Fassade. Politiker seien grundsätzlich korrupt oder unfähig.

Solche Sätze begegnen einem inzwischen täglich. Überwiegend in den sozialen Medien.

Sie sind deshalb gefährlich, weil sie Unterschiede einebnen. Ein verspäteter ICE wird zum Beweis des Staatsversagens, eine falsche politische Entscheidung zum Beleg dafür, dass „die da oben“ ohnehin alle gegen das Volk arbeiten.

Wer lange genug erzählt, ein demokratischer Staat sei vollständig gescheitert, bereitet damit zwangsläufig den Boden für diejenigen, die versprechen, ihn durch etwas ganz anderes zu ersetzen.

Dann wird aus berechtigter Kritik Verachtung.

Und aus Verachtung irgendwann Bereitschaft zum Abriss.

Wenn es dem Esel zu wohl wird

An dieser Stelle gerate ich allerdings mit mir selbst in einen Widerspruch. Auch ich schreibe seit einiger Zeit darüber, dass uns möglicherweise ein politischer Systemwechsel bevorsteht. Gleichzeitig beschreibe ich hier ein Land, dessen Institutionen funktionieren, dessen Rechtsstaat trägt und dessen soziale Sicherung historisch betrachtet alles andere als selbstverständlich ist.

Wie passt das zusammen?

Ein Lehrer traktierte uns früher gern mit seinem Lieblingsspruch: „Wenn’s dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Glatteis.“

Vielleicht steckt darin mehr politische Weisheit, als ich damals vermutet hätte.

Denn offenbar schützt Wohlstand nicht davor, die Voraussetzungen dieses Wohlstands geringzuschätzen. Im Gegenteil: Je länger Sicherheit, Freiheit und Rechtsstaat funktionieren, desto selbstverständlicher erscheinen sie. Irgendwann werden sie nicht mehr als Errungenschaften wahrgenommen, sondern als unverrückbare Naturgesetze. Man kann dann kräftig an den tragenden Balken sägen und gleichzeitig davon ausgehen, dass das Dach schon stehenbleiben wird.

Hinzu kommt etwas anderes. Disruption ist längst zu einem politischen Versprechen geworden. Nicht verbessern, sondern aufräumen. Nicht reparieren, sondern abreißen. Das Bestehende erscheint manchen gerade deshalb verdächtig, weil es besteht.

Darin steckt womöglich auch ein Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit. Wer sich gegenüber einer komplizierten Welt ohnmächtig fühlt, erlebt den Ruf nach radikaler Veränderung als Befreiung. Endlich passiert etwas. Endlich wird nicht mehr herumgeredet. Endlich wird der Tisch abgeräumt.

Von mir aus gern erst einmal vom Schreibtisch aus.

Vielleicht sollten wir gelegentlich die Perspektive wechseln

Genau deshalb gefällt mir der Beitrag von Guy Katz.

Nicht weil er Deutschland schönredet. Das tut er ausdrücklich nicht.

Sondern weil jemand, der dieses Land nicht von Geburt an als selbstverständlich erlebt hat, Dinge wahrnimmt, die für uns längst Hintergrundrauschen geworden sind.

Vielleicht sollten wir uns diesen Blick gelegentlich ausleihen.

Nicht um Probleme kleinzureden. Eine kaputte Brücke wird durch gutes Brot schließlich nicht wieder heil. Und auch 3.000+X Brotsorten machen aus einer schlechten Regierung keine gute.

Aber zwei Gedanken können gleichzeitig wahr sein:

Deutschland hat erhebliche Probleme.

Und Deutschland ist ein verdammt lebenswertes Land.

Das eine wird nicht wahrer, indem wir das andere verschweigen.

Vielleicht besteht sogar eine unserer derzeit größten Schwierigkeiten darin, dass wir vergessen haben, zwischen einem Land mit Problemen und einem kaputten Land zu unterscheiden.

Deutschland gehört für mich ziemlich eindeutig zur ersten Kategorie.

Und gerade deshalb lohnt es sich, dafür zu streiten, dass es nicht in die zweite gerät.

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