Zwei Meinungen, ein Medium – ist das noch „Sagen, was ist“?

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Beim SPIEGEL standen gestern zwei Meinungsbeiträge zur Rente mit 63 gleich untereinander. Sabine Rennefanz meint, bei der Rentengerechtigkeit zähle offenbar nur der Westen. Benjamin Bidder hält dagegen und nennt den Widerstand der Ost-Ministerpräsidenten „gefährlich und dreist“.

Viel weiter auseinander kann man bei demselben Thema kaum liegen. Allerdings fällt mir dazu auch die inzwischen seit Jahren laufende öffentliche Diskussion zur Rente mit 63 ein. Waren nicht „alle“ gegen sie? Ich habe es so empfunden, als sei die Einführung so ziemlich das Dümmste gewesen, was politisch je gemacht wurde. Vor allem war sie doch so teuer und die Alten werden angeblich ja so dringend gebraucht – angesichts des Fachkräftemangels … Dass ich nicht lache! Als ob nicht den meisten klar wäre, dass die Unternehmen ihre älteren, teuren und leider nicht mehr so leistungsfähigen MA am liebsten heute statt morgen los wären! Sogar ihre Geburtshelferin, Frau Nahles (SPD), hatte eingesehen, dass sie ein Fehler gewesen sei. Und nun ist es wie nach dem Atomausstieg, den plötzlich – nach Fukushima – auch jeder wollte. Freilich will heute keiner mehr was davon wissen.

Diese Wankelmütigkeit irritiert mich schon. Wir reden seit Wochen über die Rentenreform und jetzt plötzlich, in der Saure-Gurken-Zeit kommen die Medien mit dem Thema raus und ziehen es so groß auf, dass sich keiner wundern wird, dass sich ein paar Ministerpräsidenten ermuntert fühlen, einen überraschenden Vorstoß zugunsten der Rente mit 63 zu machen. Da kenne sich noch einer aus. Der SPIEGEL antizipiert solche Dinge und nimmt in sein Medium die Kontroverse auf, versorgt quasi alle Seiten mit genügend Sprengstoff. Es ist genug Material, um Merz endgültig vom Amt zu entfernen. Auf dem Trip sind wir in Deutschland. Uns interessiert nicht die Bohne, was danach folgt.

Mich irritiert das alles. Schließlich verbindet man mit dem SPIEGEL noch immer Rudolf Augsteins berühmten Satz: „Sagen, was ist.“ Aber was ist denn nun? Würde „Sagen, was ist“ nicht bedeuten, dass man sich auf eine Position festlegt oder sind die inzwischen so beliebig, dass man sich in den Medien sogar gut dabei fühlt, sich opportunistisch zu geben?

Auf der Sachebene muss man sich fragen, ob die ostdeutschen Ministerpräsidenten nicht einen berechtigten Punkt haben. Ich schätze ja. Aber war das nicht schon vorher bekannt? Was sitzen da eigentlich für Leute, die es erst mal ein paar Wochen köcheln lassen, um dann, angesichts des schweren Sturms in dessen Zentrum sich die Merz-Regierung befindet, diese richtig in die Bredouille zu bringen?

Natürlich liegt darin nur scheinbar ein Widerspruch. Beide Texte sind ausdrücklich als Meinung gekennzeichnet. Trotzdem zeigt das Beispiel wunderschön, wie sich das Selbstverständnis großer Medien verändert hat. Beliebigkeit herrscht und allen Dauerempörern werden die Argumente übers eigene Medium an die Hand gegeben. Man gewinnt auf diese Weise irgendwie immer.

Vom Meinungsblatt zur Debattenplattform

Zeitungen und Magazine hatten früher eine deutlich erkennbare publizistische Linie. Die FAZ war die FAZ, die taz die taz und auch beim SPIEGEL wusste man ungefähr, aus welcher Richtung der Wind wehte.

Das ist nicht völlig verschwunden. Aber große Medien präsentieren sich heute viel stärker als Plattformen, auf denen unterschiedliche Autoren zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen dürfen. Darauf ist man inzwischen sogar stolz: Meinungsvielfalt gilt als journalistische Tugend.

Dagegen wäre nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Eine Redaktion, in der alle dasselbe denken, wäre mir deutlich unheimlicher. Aber muss das auch durch das Medium vertreten werden? Bloß nicht so sein, wie die ÖRR, denken sich vermutlich manche Verantwortliche. Die AfD spielt bei dieser Sorgen eine Hauptrolle, denn deren Protagonisten werfen jedem, der nicht ordentlich hetzt, Meinungsmache zugunsten der Regierung vor.

Eine Antwort auf den Linksverdacht?

Seit Jahren hält sich der Vorwurf, der deutsche Journalismus sei politisch zu homogen und insbesondere in gesellschaftspolitischen Fragen stark linksliberal geprägt.

Über das Ausmaß lässt sich trefflich streiten. Aber allein die Hartnäckigkeit dieses Vorwurfs stellt große Medien vor ein Problem. Denn Vertrauen lässt sich schwerlich zurückgewinnen, indem eine Redaktion ihren Lesern einfach versichert, selbstverständlich ausgewogen zu sein.

Ist es überzeugend, den Widerspruch sichtbar zu machen?

Genau das versucht das SPIEGEL-Beispiel. Niemand kann angesichts dieser beiden Beiträge ernsthaft behaupten, „der SPIEGEL“ vertrete zur Rente mit 63 eine einheitliche Meinung. Das Medium zeigt vielmehr: Unsere Autoren streiten darüber genauso wie unsere Leser. Die Deklaration als Meinungsartikel helfen da m.E. nicht.

Vielleicht ist diese demonstrative Binnenpluralität deshalb auch eine Reaktion auf den Verdacht politischer Einseitigkeit.

Entscheidend sind nicht linke und rechte Kolumnisten

Trotzdem wäre mir eine bloße Ausgewogenheit nach politischer Farbenlehre zu wenig. Journalismus wird nicht automatisch besser, wenn auf drei linke Kommentare drei konservative folgen.

Interessanter ist eine andere Frage: Welche Auffassungen gelten innerhalb einer Redaktion überhaupt noch als diskutabel?

Politische Prägung zeigt sich nämlich nicht nur in Antworten. Sie zeigt sich bereits bei der Auswahl der Themen, in der Sprache und vor allem darin, welche Voraussetzungen als selbstverständlich gelten.

Ein Medium kann deshalb äußerlich eine beeindruckende Meinungsvielfalt präsentieren und trotzdem vermutlich einen ziemlich engen Meinungskorridor besitzen. Ich denke an FOCUS oder WELT (Springer).

Bei den Fakten endet die Vielfalt

Vielleicht lässt sich Augsteins Satz deshalb heute sogar präziser formulieren: Bei den Fakten darf es keine Meinungsvielfalt geben. Bei den Schlussfolgerungen schon.

Wie viele Menschen von einer Rentenreform betroffen wären, wie sich Erwerbsbiografien zwischen Ost und West unterscheiden oder was eine Regelung kostet, lässt sich untersuchen. Darüber sollte eine Redaktion nicht zwei Wahrheiten anbieten.

Ob daraus allerdings folgt, dass die Rente mit 63 erhalten bleiben muss oder abgeschafft werden sollte, ist eine politische Bewertung. Darüber dürfen Rennefanz und Bidder streiten. Meinetwegen auch heftig. Ich bin mir im Zweifel darüber, ob das in einem Medium geschehen sollte und hoffe, ich habe hier meine Ansichten dazu deutlich machen können. Sollte es für Debatten dieser Art nicht einen Debattenraum geben – auch technisch?

Mir ist ein Medium, das einen Streit offen austrägt, zwar lieber als eines, das seine redaktionelle Haltung als objektive Wahrheit verkauft. Nur eines sollte dabei nicht passieren: Aus „Sagen, was ist“ darf nicht „Sagen, was sich alles irgendwie vertreten lässt“ werden.

Sonst wird aus Meinungsvielfalt irgendwann ein Meinungssupermarkt.

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