
Es gibt Tage, bei denen man noch Jahrzehnte später weiß, wo man war, als die Nachricht kam. Der 11. September 2001 ist so ein Tag. Ich sehe die Bilder noch heute vor mir. Es war die Zeit, bevor ich Blogger war. An diesem Tag besuchte ich eine Schulung und wir (die Teilnehmer) sahen den Horror an der Hotelbar im TV. Ein Flugzeug im World Trade Center. Rauch über Manhattan. Dann das zweite Flugzeug. Spätestens in diesem Augenblick begriff die Welt, dass hier kein entsetzlicher Unfall geschah. Menschen sprangen aus den Türmen, weil hinter ihnen das Feuer und vor ihnen nur noch der Himmel war. Wenig später stürzten die Türme ein.
2.977 Menschen wurden an diesem Tag getötet. Hinter dieser Zahl stehen fast dreitausend Leben, Familien, Kinder, Partner, Freunde und Kollegen. Vielleicht sollte man sich daran gelegentlich erinnern, bevor der 11. September wieder einmal nur als historischer Ausgangspunkt geopolitischer Betrachtungen dient.
Denn zunächst waren da Menschen.
Und dann kam die Politik.
Die Welt nach diesem Morgen
Der Anschlag war nicht nur gegen Gebäude gerichtet. Er traf das Sicherheitsgefühl einer ganzen westlichen Welt. Wenn Passagierflugzeuge zu Waffen werden konnten und Männer mit Teppichmessern die mächtigste Nation der Erde verwundeten, schien plötzlich beinahe alles möglich.
Die USA reagierten mit dem „War on Terror“. Afghanistan wurde angegriffen, weil das Taliban-Regime Osama bin Laden und Al-Qaida Schutz gewährt hatte. Sicherheitsbehörden wurden aufgerüstet, Geheimdienste erhielten neue Möglichkeiten, Flughäfen verwandelten sich, Überwachung wurde ausgeweitet. Der Kampf gegen den Terror veränderte das Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit.
Und er veränderte unseren Blick auf Menschen.
Muslime gerieten unter Generalverdacht. Aus Angst wurden Verallgemeinerungen, aus Erfahrungen Zuschreibungen. Etwas davon ist geblieben. Vielleicht ist dies eine der weniger sichtbaren Folgen des 11. September: Menschen wurden zunehmend als Angehörige einer Gruppe wahrgenommen und weniger als Individuen.
Doch die westlichen Demokratien wurden nicht nur Opfer dieser Entwicklung. Sie trafen selbst Entscheidungen, die ihr moralisches Ansehen schwer beschädigten.

Vom 11. September nach Bagdad
Hier beginnt für mich eines der dunkelsten Kapitel dieser Geschichte.
2003 marschierten die USA und Großbritannien mit ihren Verbündeten in den Irak ein. Saddam Hussein sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen, hieß es. Die Gefahr sei akut. Zudem wurde in der politischen Kommunikation immer wieder eine Nähe zwischen seinem Regime und Al-Qaida suggeriert.
Beides erwies sich in der behaupteten Form als nicht haltbar.
Die amerikanische 9/11-Kommission fand später keine glaubwürdigen Belege dafür, dass der Irak und Al-Qaida bei Anschlägen gegen die Vereinigten Staaten zusammengearbeitet hätten. Kontakte hatte es gegeben, eine operative Zusammenarbeit ließ sich jedoch nicht belegen.
Noch schwerer wiegt die Geschichte der angeblichen Massenvernichtungswaffen. Der Geheimdienstausschuss des US-Senats stellte fest, dass wesentliche Aussagen der Geheimdienste über irakische Waffenprogramme übertrieben oder durch die vorhandenen Informationen nicht gedeckt waren. Jahre später kam die britische Chilcot-Untersuchung zu einem ähnlich vernichtenden Urteil: Die Gefährlichkeit der irakischen Massenvernichtungswaffen sei mit einer Sicherheit dargestellt worden, die nicht gerechtfertigt gewesen sei. Auch die Folgen einer Invasion seien unterschätzt und die Zeit nach Saddam Hussein völlig unzureichend vorbereitet worden.
Das Wort „Lüge“ liegt deshalb nahe. Ich würde trotzdem genauer formulieren: Amerikanische und britische Regierungen machten aus zweifelhaften, widersprüchlichen und teilweise falschen Erkenntnissen öffentlich eine Gewissheit, die es nicht gab. Selbst dort, wo sich eine bewusste persönliche Lüge nicht nachweisen lässt, bleibt die politische Verantwortung dafür gewaltig.
Ein Krieg braucht schließlich keine nachträgliche Fußnote. Wenn die Bomben fallen, ist die Differenz zwischen „wir wussten es“ und „wir hielten es für wahrscheinlich“ für diejenigen am Boden nicht mehr besonders groß.
Der Krieg gegen den Terror gebar neuen Terror
Das ist die bittere Ironie dieser Geschichte. Der Westen wollte den Terrorismus besiegen und schuf mit seinen Kriegen zugleich Räume, in denen neuer Terror wachsen konnte.
Der Irak zerfiel. Staatliche Strukturen brachen zusammen, konfessionelle Gewalt explodierte. Aus Al-Qaida im Irak entstanden Strukturen, aus denen schließlich der sogenannte Islamische Staat hervorging. Der Terror bekam andere Namen und andere Fahnen, aber er verschwand nicht.
Und er kam nach Europa.
Madrid, 11. März 2004: Bomben in Pendlerzügen, 191 Tote.
London, 7. Juli 2005: Anschläge auf U-Bahn und Bus, 52 Opfer neben den Attentätern.
Paris 2015: Charlie Hebdo, der jüdische Supermarkt, später Bataclan, Cafés und Restaurants. Im November allein 130 Tote.
Berlin, 19. Dezember 2016: Ein Lastwagen rast über den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Zwölf Menschen starben unmittelbar oder an ihren Verletzungen; ein weiteres Opfer wurde später amtlich dem Anschlag zugerechnet.
Andere Anschläge ließen sich hinzufügen. Brüssel, Nizza, Manchester. Jeder Ort hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Toten und Hinterbliebenen.
Und jedes Mal kehrte für einen Augenblick dieses Gefühl zurück: Es kann überall passieren.
Terror verändert nicht nur seine Opfer
Vielleicht war genau das der größte Erfolg der Terroristen.
Nicht, dass sie den Westen besiegt hätten. Das haben sie nicht. Al-Qaida ist heute wesentlich schwächer und dezentraler als 2001, auch wenn die Organisation und ihre Ableger keineswegs verschwunden sind.
Aber Terrorismus bemisst seinen Erfolg ohnehin nicht allein an Toten.
Er will Angst erzeugen. Misstrauen. Überreaktionen. Er möchte Gesellschaften dazu bringen, ihre eigenen Prinzipien infragezustellen. Und wenn wir auf einen Anschlag reagieren, indem wir Millionen Menschen aufgrund ihrer Religion verdächtigen, wenn wir Folter rechtfertigen, rechtsstaatliche Grenzen verschieben oder einen Krieg mit Behauptungen begründen, deren Gewissheit nicht vorhanden ist, dann haben Terroristen zumindest einen Teil ihres Ziels erreicht.
Sie haben uns verändert.
25 Jahre später
Heute, am 11. September 2026, sind 25 Jahre vergangen.
Eine ganze Generation kennt die Welt vor diesem Tag nur noch aus Erzählungen. Für sie waren Flughafenkontrollen, Terrorwarnungen, Afghanistan, Irak, Drohnenkrieg und die Bilder schwer bewaffneter Polizisten vor Weihnachtsmärkten schon immer Teil der Wirklichkeit.
Für meine Generation gibt es dagegen ein Davor und ein Danach.
Vielleicht besteht die Aufgabe des Erinnerns deshalb nicht darin, jedes Jahr dieselben Bilder zu zeigen. Erinnern heißt auch, die Entscheidungen anzusehen, die danach getroffen wurden – einschließlich unserer eigenen Fehler.
Wir können gleichzeitig sagen, dass der 11. September ein barbarisches Verbrechen islamistischer Terroristen war und dass der Irakkrieg ein verheerender politischer Fehler war. Wir können der amerikanischen Opfer gedenken und der irakischen. Wir können islamistischen Fanatismus bekämpfen, ohne Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Und wir können Sicherheitsinteressen ernst nehmen, ohne Freiheit und Rechtsstaatlichkeit als lästiges Gepäck zu betrachten.
Das eine relativiert das andere nicht.
Vielleicht liegt darin sogar eine Lehre dieser vergangenen 25 Jahre: Die Antwort einer Demokratie auf ihre Feinde entscheidet mit darüber, was von ihr selbst übrig bleibt.
Der 11. September hat die Welt verändert. Aber was danach geschah, haben Menschen entschieden.
Was schreiben andere über das Datum und seine Bedeutung?
Bilder für immer | Thomas Gigold
9/11 | QueerGedacht
11.9.2026 – nine eleven? | In jawls humble opinion.
Nine Eleven – Friedrichshain, Berlin und die Welt
9/11, und wie die Welt sich in drei Stunden für immer veränderte – scrapimpulse
Erinnerungen an 9/11: Persönliche Erlebnisse in Costa Mesa
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