Bloggen

17 Jahre bloggen, Tagebuch für alle

Es gibt auch heute noch genug Leute, die sich unter einem Blog nichts vorstellen können. Dabei gibt es X Mio., die allein unter dem  freien Content-Management-System »WordPress« laufen. WordPress gibt es seit 2003. Über 30 % aller Websites laufen weltweit unter »WordPress«, sogar mehr als 60 % aller CMS. Im Monat werden auf der Welt über 70 Millionen Postings via »WordPress« geschrieben. Das war 2019. Heute liegt die Zahl bei über 81 Mio. Blogposts. Soviel mal zum Bedeutungsverlust von Blogs. ?

Es gibt große Websites, die mit WordPress realisiert wurden. Das hat allerdings wenig mit unserem Thema zu tun. Betrachtet man nur unsere kleineren und mittleren Blogs, so kann man an den zeitweise minütlichen Aktualisierungen (nur in Deutschland) ihrer Inhalte erkennen, dass Blogs ziemlich lebendig sind. Das darf für mich gerne so bleiben.

Meine zwanzig Beiträge im Monat fallen da kaum ins Gewicht. Früher ™ waren es über einhundert im Monat! Offensichtlich hat sich was geändert, nicht nur bei mir.

Seit 2004

Bevor ich 2004 meinen ersten Blog unter WordPress eingerichtet habe, nutzte ich eine Plattform für Blogger. Es gab eine ganze Reihe von Auswahlmöglichkeiten. Das ist übrigens heute noch der Fall. Die Zahl der Anbieter ist nicht so hoch, dafür bieten sie ein beachtliches Spektrum. Nach ungefähr einem Jahr war mir danach, die Vorteile einer selbst gehosteten Blogsoftware zu erkunden.

architecture business clean computer
Photo by Ken Tomita on Pexels.com

Schon damals lag mein Interesse ziemlich einseitig bei gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen. Ich erinnere mich gut daran, dass ich mit denen von PI-News, die sich auf der gleichen Plattform tummelten, heftig ins »Gespräch« kam. Dass es diese Seite (heute natürlich ebenfalls unter WordPress) immer noch gibt, gehört zu den ernüchternden Tatsachen rund ums Bloggen. Man spricht dabei immer noch von Meinungsfreiheit. Vor allem durch die »sozialen« Medien bin ich diesbezüglich heute viel kritischer als damals.

Was sind Blogs, was macht ein Blogger?

Meine Freunde, früher auch meine ArbeitskollegInnen, nahmen es eher mit Fragezeichen in den Augen zur Kenntnis, wenn es mal ums Bloggen ging. Natürlich änderte sich daran auch nichts, als später technische Fragen zum Thema dazu kamen. Weil ich vor einigen Jahren die Fotografie als Hobby für mich entdeckt habe, ergaben sich gelegentlich neue Anknüpfungspunkte. Es ist bloß nicht abendfüllend, Fotos von anderen anzuschauen und jedes Mal ein Like oder gar einen Kommentar zu spendieren. Und ehrlich gesagt mag ich es auch nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand nur aus Höflichkeit oder dem Anliegen eines möglichen Gegenbesuches einen Kommentar da lässt. Ich glaube, wenn wir ehrlich sind, teilen die meisten diese Ansicht.

Blogparade

Sind Blogs eigentlich noch rel­e­vant — oder ein Medi­um von gestern? Natür­lich ist es legit­im, solche Fra­gen zu stellen. Ich finde es auch gut, grund­sät­zlich darüber nachzu­denken, was in der Kom­mu­nika­tion Sinn macht und was nicht

Quelle: Das Blog – ein Medium von gestern? #Blogparade #liveloveblog (start-talking.de)

Ich freue mich, wenn ich das Gefühl habe, mit einem Text ein paar Menschen erreicht zu haben. Es ergeben sich manchmal gute Diskussionen, die ich auch tatsächlich als Bereicherung empfinde. Aber geht es beim Bloggen tatsächlich um Anerkennung, die in Form von Kommentaren oder ein paar Likes gewährt wird? Ist das mein Ansporn in den letzten 17 Jahren gewesen? Schreibe ich einen Artikel, weil ich auf einen Kommentar scharf bin? Bitte! Nicht falsch verstehen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Wahrscheinlich ist das die Währung für uns Blogger. Eher jedenfalls als die paar Cents, die einige von uns via Google-Adsense abgreifen. Das ist ein bisschen so, wie der Applaus das Elixier für den Künstler ist.

Motivation

Nach 17 Jahren sollte ich genau wissen, was mich antreibt. Warum schreibe ich Artikel, von denen ich weiß, dass sie bei manchen Leuten Desinteresse, vielleicht auch Ablehnung auslösen? Ist mein Sendungsbewusstsein etwa so stark, dass ich die ganze Zeit investiere? Was löst mein Text bei den LeserInnen aus? Natürlich wird der Prozess des Schreibens auch von solchen Gedanken begleitet. Denke ich etwa, dass einer, der der Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung absolut kritisch und ablehnend gegenüber steht, sich von meinen Texten überzeugt lassen würde?

man in gray suit jacket sitting beside books
Photo by cottonbro on Pexels.com

Warum bin ich dann trotzdem beleidigt, wenn in einer möglichen Diskussion die vehemente Ablehnung meiner Sichtweise so radikal deutlich wird? Warum mache ich trotzdem weiter? Gerade das Thema Flüchtlingspolitik eignet sich in meinen Augen sehr gut, um das aufzuarbeiten. Jetzt gehts um Corona und gelernt habe ich eher wenig. Ich gehe mit meinen Texten immer noch frontal auf die los, die meiner Meinung nach falsch liegen. Wie soll es unter diesen Voraussetzungen dazu kommen, Leser an diesen Blog zu binden? Wie kann ich erwarten, dass auf diese Art verprellte LeserInnen noch mal wiederkommen, um sich womöglich mit einer diametral abweichenden Sichtweise zu Wort zu melden?

Das ist mir nicht so wichtig. Ich glaube, darauf habe ich selten geachtet.

Ich produziere einen Text und es ist mir egal, wie er ankommt. Ich bin froh und fühle mich bestärkt in meiner Meinung, wenn ich Kommentare erhalte, die zustimmend auf das eine oder andere Detail eingehen. Aber mich hält auf der anderen Seite nichts davon ab, einen kontroversen Text zu schreiben, weil ich an die möglichen negativen Reaktionen denke.

Mehrwert eines Textes?

Bietet ein solcher Text, der unter solchen Voraussetzungen entsteht, einen Mehrwert für mögliche LeserInnen? Ich bin nicht nur Sender, sondern auch Empfänger. D.h., ich lese bei vielen anderen Bloggern/innen mit. Als reger Kommentator bin ich allerdings eher nicht bekannt. Es gibt BloggerInnen, die mir das nicht bloß einmal klar gesagt haben. Bin ich so ignorant, dass ich nicht einsehe, dass Kommentare natürlich auch für andere Bedeutung haben? Gut, ich arbeite meine Feeds (ja, ich nutze immer noch einen Feedreader) ab und kommentiere, wenn ich Lust habe, einigermaßen systematisch. Aber zu wenig ist das trotzdem immer.

Aber verstehe ich den Teil der Kommunikation als festes Element, als integralen Bestandteil dieses »Geschäftes«? Ich glaube, eher nicht. Dafür spricht auch die Tatsache, dass ich zwischendurch immer mal kurz davor war, meine Kommentare ganz abzuschalten. Ich habe das auch schon einmal durchgezogen und dann aber schnell wieder rückgängig gemacht. Ich kenne nicht nur einen Blogger, der es ebenso hielt. Deshalb frage ich mich, ob ich wegen fehlender Kommentare vielleicht beleidigt gewesen bin und sie deshalb abgeschaltet habe?

Hier stelle ich einige Hilfsmittel für Blog – Kommentatoren zur Verfügung, die wir anderswo nicht häufig finden. Dazu zählt die Benachrichtigungen bei weiteren Kommentaren, die so genannten Quicktags, um Links oder per Klick im Kommentarbereich Formatierungen einzufügen. Verunglückte Kommentare können nachträglich editiert oder gelöscht werden. Hier kann jeder kommentieren – auch anonym übrigens. Die IP – Adressen werden NICHT gespeichert. Alle Kommentare sind sofort sichtbar. Hier ist kein anonymer Großblogger am Werk, der nicht am Austausch interessiert wäre. Ich mag vieles sein, ignorant bin ich nicht.

Design und Features

Solche Features fehlen leider in vielen Blogs ganz. Trotzdem haben sie viele BesucherInnen. Über einen Mangel an LeserInnen und Kommentatoren brauchen sie nicht zu klagen. Der Content macht den Unterschied. Er wird durch nichts aufgewogen. Durch kein Design, keine technischen Features. Das ist es, was die Leute suchen und sie anzieht. Das wissen alle BloggerInnen. Auch die, die eben weniger guten Content auf die Rille bringen. Darüber mag man sich grämen oder gar die Lust am Bloggen verlieren.

Ich habe mir eingebildet, dass die Einbeziehung der »sozialen« Netzwerke für die Attraktivität des Blogs förderlich sein könnte. Was für ein Quatsch! Natürlich kann man behaupten, dass man auch das auf die richtige UND auf die falsche Art tun kann. Schon richtig. Aber mir sind die Methoden von Twitter, Facebook oder Instagram so zuwider, dass ich ihren Nutzen immer aufs Neue infrage stelle. Ich plädiere dafür, die Netzwerke gezielt zu zerschlagen und im Interesse unserer Demokratien andere Wege zu beschreiten.

Ein Tagebuch für alle

Insofern sehe ich Blogs nicht als Medium von gestern. Im Gegenteil, ein Blog hat etwas Bleibendes. Jedenfalls wenn man sie nicht immer mal wieder löscht und diesen Teil der »eigenen Vergangenheit« in den virtuellen Orkus schüttet. »Soziale« Netzwerke haben den Vorteil, das sie leicht und beinahe in Echtzeit zu versorgen sind. Man erreicht die Community in einem Höllen – Tempo. Ob das gut ist und zu Ergebnissen führt, die einen zufriedenstellen können, das stelle ich einmal sehr infrage. Es ist auch wahr, dass gerade während dieser Pandemie »soziale« Medien ein wichtiges Kommunikationsmedium darstellen. Da werden viele nicken. Aber die Nachteile überwiegen in meinen Augen.

Es bleibt die Abwägung zu treffen, ob uns die Demokratie wichtiger ist als dieses Spielzeug. Wenn die Politiker sich an Twitter, Facebook und die anderen nicht herantrauen, werden wir unsere Demokratien, wie wir sie einmal gekannt haben, bald nicht mehr wiedererkennen.


8 Gedanken zu „17 Jahre bloggen, Tagebuch für alle“

  1. Ach, jetzt muss ich wieder so viel nachdenken… 😉
    Warum blogge ich eigentlich (immer noch. mehr oder minder regelmäßig)?

    Ich muss also mal nachdenken…

    (Danke für diesen sehr erhellenden Artikel!)

  2. Du warst schon immer derjenige, der geschrieben hat was er denkt. Ich glaube, dass dein Blog auch gerade deshalb gelesen wird. Auch von mir!!!! Ändern solltest du das auf keinen Fall.

    PS: Cool, dass es noch Blogparaden gibt. Ich habe wieder einige Blog kenn gelernt.

  3. Spannend! Wirklich spannend. Du hast mir so viele Jahre beim Thema Bloggen voraus, da finde ich es doppelt interessant, wie du dich über die Jahre immer wieder motivierst.

    Wo wir uns treffen: Bei der Langlebigkeit. Ich finde, das ist einer der besten Aspekte beim Bloggen überhaupt. Dass ein Thema auch nach Jahren noch gelesen und eben auch kommentiert werden kann. So entstehen Diskurse, die so verzweigt und vielfältig sind, dass wir Linguisten nicht einmal ansatzweise hinterherkommen. Ich finde es richtig, auch alte Beiträge auf dem Blog zu behalten, denn auch sie sind Teil unserer Blogger-Karriere. Vielleicht (bestimmt) würde ich Artikel von vor fünf Jahren heute anders schreiben. Aber damals war es eben das, was ich sagen wollte.

    Und ja, auch beim Thema „man muss mich nicht mögen“ treffen wir uns. Denn ich glaube eben auch, dass es nicht um Anerkennung geht, sondern um den Spaß an Themen. Wenn meine Texte jemanden vor den Kopf stoßen, dann ist auch das Teil des Diskurses – wir müssen nicht jeden mögen und andersrum.

    Wo wir auseinandergehen ist das Thema Social Media: Derzeit ist das einfach eine gute Möglichkeit, nahezu in Echtzeit über Themen zu „sprechen“. Und das mit relativ vielen Menschen „gleichzeitig“. Für mich als Dienstleisterin ein großer Vorteil gegenüber anderen Kommunikationsformen – es kommt eben immer auf das Kommunikationsziel an.

    Danke für deinen starken Text – auch für mich als „Blogküken“ ist da ne ganze Menge drin 😉

  4. Hallo Anna, schön, dich hier zu lesen. Freut mich sehr, dass der Text dir gefallen hat. Dass wir beim Thema der „sozialen“ Netzwerke unterschiedlicher Ansicht sind, ist nicht überraschend. Vielleicht ist es eine Altersfrage? Andererseits war ich auch Jahre Nutzer von Twitter und Facebook. Bei Twitter hatte ich über 5000 Follower. Gebracht hat dieses „Engagement“ wenig. Außerdem überwog der Ärger über die Politik der beiden Unternehmen. Diese sollte sich ändern. Aber nicht in der Form übrigens, wie das jetzt im Fall Trump abgelaufen ist. Den hätte man viel früher sperren sollen. Jetzt hat die Aktion einen unangenehmen Beigeschmack bekommen. Aber was solls? Danke für deinen netten Kommentar.

  5. Hallo Horst,
    ich bin auch Teilnehmer bei Meikes Blogparade und lese mich grade (grade ist gut, bei dem Teilnehmerfeld und der Länge und Inhaltsdichte der Beiträge ist das eine Aufgabe für mehrere Tage) durch die anderen Beiträge durch.
    Bei Social Media bin ich bei Dir – absolute Zeitverschwendung Twitter oder Facebook zu nutzen um weitere Leser zu generieren. Ich hatte letztens 10jähriges Twitterjubiläum – ich habe in der ganzen Zeit, 2 neue Leser gefunden – und das jetzt hier in den letzten 2 Wochen durch die Blogparade.
    Was wir als Blogger jeder Social Media Plattform voraus haben: Wir können so frei schreiben, wie wir wollen. Wir sind Verfasser, Publisher und Zensor in einem. Political Correctness? Och nöö, ich sag’s lieber frei heraus wenn etwas kacke ist – und ich muss keine Angst haben, dass irgendeine Melde-Uschi sich einen abfreut, wenn ein Kommentar wegen eines „Unwortes“ oder einer vermeintlichen Beleidigung gelöscht wurde.
    Viel Spaß beim weiterbloggen
    CU
    Peter

  6. Hallo Peter, deinen Blog habe ich schon besucht. Den Artikel zur Blogparade hatte ich noch nicht gelesen. Werde das gleich nachholen. Noch ein Vorteil von Blogs. Bei den „sozialen“ Medien verschwinden Beiträge schnell in der Timeline und werden von LeserInnen i.d.R. nie wiedergefunden. 🙂 Dir auch weiterhin viel Spaß am Bloggen.

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