Nach dem Interview mit Jörg Kachelmann ließ mich ein Gedanke nicht los. Nicht einmal seine gewohnt freundliche Charakterisierung von Journalisten als „Deppen“ war es, obwohl so etwas natürlich hängen bleibt. Interessanter fand ich seine Beschreibung unserer Gesellschaft als hedonistisch. Wir wissen inzwischen ziemlich genau, was geschieht, und möchten trotzdem möglichst wenig an unserem Leben ändern. Der Rasen soll grün bleiben, das Auto sauber, die Klimaanlage laufen und selbstverständlich möchten wir auch weiterhin über jeden Politiker schimpfen dürfen, der uns mit irgendwelchen Zumutungen kommt.
Das ist zugespitzt. Vielleicht sogar ungerecht. Aber Kachelmann trifft damit einen Punkt, über den man nachdenken sollte. Denn natürlich sind nicht alle Menschen ignorant, die Zweifel an einzelnen Maßnahmen der Klimapolitik haben. Ich habe diese Zweifel selbst. Man kann über Wärmepumpen, Verbrennerverbote, Windräder, CO₂-Preise oder die deutsche Energiewende streiten, ohne deshalb den Klimawandel zu leugnen. Man muss es sogar tun. Politik, die sich gegen Kritik immunisiert, wird nicht dadurch besser, dass sie ein gutes Ziel verfolgt.
Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen Kritik an Klimapolitik und der systematischen Relativierung des Problems, das diese Politik überhaupt erst hervorgebracht hat. Und an dieser Stelle kommen einige Medien ins Spiel, die sich selbst als Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien verstehen. Dazu gehören etwa Tichys Einblick, Achgut, NIUS oder die Junge Freiheit. Die Bundeszentrale für politische Bildung zählt mehrere dieser Angebote zum Spektrum rechtsgerichteter Alternativmedien. (bpb.de)
Der Klimawandel wird nicht mehr unbedingt geleugnet
Das Interessante ist nämlich, dass die Argumentation heute viel raffinierter funktioniert als mit dem schlichten Satz: „Den Klimawandel gibt es nicht.“ Den findet man zwar noch, aber er ist längst nicht mehr nötig. Stattdessen heißt es: Natürlich verändert sich das Klima. Das hat es schließlich immer getan. Natürlich hat CO₂ einen Einfluss. Aber wie groß ist er wirklich? Natürlich wird es wärmer. Aber sind die Folgen tatsächlich so dramatisch? Und selbst wenn sie es sind: Was soll Deutschland daran ändern?
Jeder einzelne dieser Einwände kann Gegenstand einer vernünftigen Debatte sein. In ihrer ständigen Wiederholung ergeben sie allerdings eine Erzählung, deren politische Botschaft ziemlich eindeutig wird: So schlimm wird es schon nicht werden – und deshalb müssen wir auch nicht allzu viel ändern.
Bei Tichys Einblick lässt sich dieses Muster gut beobachten. Dort erschien 2024 ein Beitrag von Fritz Vahrenholt unter der Überschrift „Klimawandel: CO2 allein kann es nicht sein“. Der außergewöhnliche Temperaturanstieg der Jahre 2022 bis 2024 wird darin wesentlich mit El Niño, dem Ausbruch des Vulkans Hunga Tonga und Veränderungen der Sonneneinstrahlung erklärt. Die deutsche Politik sei dagegen auf CO₂ fixiert und „selbstzerstörerisch“. (Tichys Einblick) Im Februar dieses Jahres begrüßte Roland Tichy Trumps Abkehr von der amerikanischen Klimapolitik sogar als „Zeitenwende“ und „Chance für Deutschland“. (Tichys Einblick)
Noch deutlicher wird die Sprache bei Achgut. Dort ist von „Klimakrisen-Propaganda“ und jahrzehntelanger „Dauer-Klimapropaganda“ die Rede. (Die Achse des Guten) NIUS veröffentlichte erst vor wenigen Monaten einen Kommentar über „Klimahysterie“, in dem Klimaschutz in den Zusammenhang mit politisch erzeugter Angst gestellt wird. (NIUS)
Das alles beweist natürlich nicht, dass jede dort veröffentlichte Kritik falsch ist. Das wäre genau die Art von Schwarz-Weiß-Denken, die ich anderen nicht vorwerfen möchte, um sie anschließend selbst zu praktizieren. Aber die Auswahl, Häufigkeit und sprachliche Verpackung solcher Beiträge erzeugen ein bestimmtes Bild. Und Medien bestehen nun einmal nicht nur aus einzelnen Tatsachenbehauptungen. Sie bestehen auch daraus, welche Tatsachen sie auswählen und welche Geschichte sie daraus erzählen.
Eine ausgesprochen angenehme Geschichte
Und damit bin ich wieder bei Kachelmann.
Denn diese Geschichte hat für uns einen unschätzbaren Vorteil: Sie verlangt wenig von uns. Wenn die Klimamodelle übertreiben, die Medien Panik verbreiten, die Grünen ohnehin ideologisch verblendet sind, Deutschlands CO₂-Anteil verschwindend gering ist und China weiterhin Kohlekraftwerke baut – warum sollte ausgerechnet ich etwas verändern?
Warum sollte ich meinen Rasen nicht wässern, wenn Wasser knapp wird? Warum sollte ich über meinen Energieverbrauch nachdenken? Warum sollte ich politische Maßnahmen akzeptieren, die Geld kosten oder unbequem sind?
Man kann sich sogar für besonders aufgeklärt halten, während man exakt das tut, was man ohnehin tun wollte.
Vielleicht ist es das, was Kachelmann mit seinem Vorwurf des Hedonismus meint. Wir haben uns eine Gesellschaft geschaffen, in der Verzicht fast schon als persönliche Niederlage empfunden wird. Gleichzeitig gibt es ein großes Angebot medialer Argumente, mit denen wir diesen Unwillen intellektuell hübsch verpacken können.
Ich musste dabei unwillkürlich an das Interview denken, das Maximilian Tichy vor einigen Tagen mit Helmut Markwort führte. Zwei Herren in einem wunderbar grünen Garten, die sich über die Politik des neuen grünen Münchner Oberbürgermeisters ausließen. Mir kam diese Szene nach Kachelmanns Äußerungen wieder in den Sinn. Nicht weil ich weiß, wie viel Wasser dieser Garten verbraucht oder woher es kommt – das weiß ich ausdrücklich nicht. Sondern wegen des Bildes: Wir sitzen im Grünen und diskutieren darüber, wie unerträglich die Zumutungen jener Politik sind, die sich mit den Folgen einer wärmer und trockener werdenden Welt beschäftigen soll.
Das hat eine gewisse unfreiwillige Komik.
Vielleicht ist die Wahrheit unangenehmer
Natürlich dürfen wir schlechte Klimapolitik kritisieren. Wir sollten es sogar. Aber irgendwann müssen wir uns der Möglichkeit stellen, dass hinter unserer Kritik manchmal auch ein sehr menschlicher Wunsch steckt: Bitte sagt mir, dass ich nichts ändern muss.
Genau dafür existiert inzwischen ein publizistischer Markt.
Kachelmann macht es sich mit seinen Beschimpfungen manchmal etwas einfach. Aber vielleicht braucht es gelegentlich jemanden, der die gemütliche Runde stört. Denn wenn seine meteorologische Einschätzung stimmt und wir uns auf eine Entwicklung zubewegen, die wir in Deutschland bislang nicht kannten, wird die entscheidende Frage irgendwann nicht mehr lauten, ob die Grünen übertreiben oder ob irgendein Journalist wieder ein ausgetrocknetes Flussbett falsch bebildert hat.
Dann lautet sie: Warum haben wir so lange darüber gestritten, wer uns die angenehmere Geschichte erzählt?
Ich fürchte, Kachelmann hat Recht, Es gibt nicht die geringste Bereitschaft, zugunsten anderer auch nur das kleinste am Lebensstil zu ändern. Es scheint sich ähnlich zu verhalten, wie nach der Analyse von Andreas Püttmann in Blaetter zum Thema „Rechtspopulismus“. Anspruchsegozentrik und der Gedanke, man habe den Lebensstil „verdient“, daher ist jede Aufforderung zur Änderung eine inakzeptable Anmaßung.
Ich empfinde auch den Pessimismus als angemessen. Leider.
@Christof Zachl: Welche anderen Schlüsse sollte man auch dem Verhalten dieser und anderer Gesellschaften ziehen? Es ist einfach nur deprimierend.