
Die Flüchtlinge, deren Namen wir heute verehren
Manchmal sieht man eine Dokumentation und merkt erst hinterher, dass sie etwas angestoßen hat, das einen nicht mehr so schnell loslässt. Mir ging es so mit „Letzte Sommer in Sanary“ auf ARTE. Ich hatte von Sanary-sur-Mer und den deutschen Emigranten gehört, die dort in den dreißiger Jahren Zuflucht fanden. Aber wenigstens rudimentäres Wissen ist das eine. Diese Menschen in ihrer damaligen Situation vor Augen geführt zu bekommen, ist etwas anderes. Da sitzen Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Klaus und Erika Mann, Franz Werfel und andere in einem kleinen Ort am Mittelmeer. Namen, die heute zur deutschen Kulturgeschichte gehören. Menschen, auf die dieses Land stolz ist. Damals waren sie vor allem eines: Flüchtlinge. Deutschland wollte sie nicht mehr haben.
Es ist grau in der Welt und unheimlich. Seit drei Wochen hängen wir zwischen Krieg und Frieden. Und wir hier heimatlos, der Sprache, unkundig und in fremdester Fremdheit. Ich sehne mich nach Hause. Aber wo ist das?
Alma Mahler-Werfel
Vielleicht hat mich gerade dieser Gegensatz so beschäftigt. Sanary, die Sonne, das Meer, die Cafés – und darin Menschen, denen der Boden unter den Füßen weggezogen worden war. Sie schrieben weiter, diskutierten, stritten miteinander, verliebten sich, hatten Geldsorgen und versuchten, einen Alltag aufrechtzuerhalten. Währenddessen wurden in Deutschland ihre Bücher verbrannt und ihre Namen aus dem kulturellen Leben getilgt. Später wurden manche von ihnen in Frankreich sogar als „feindliche Ausländer“ behandelt. Ausgerechnet diejenigen, die vor Hitler geflohen waren, wurden plötzlich wieder zu Deutschen, als dieses Deutschsein gefährlich für sie wurde. Wir betrachten das heute mit dem Wissen um den weiteren Verlauf der Geschichte. Sie selbst hatten dieses Wissen nicht. Sie wussten nicht, ob sie jemals zurückkehren würden. Manche wussten nicht einmal, ob ihnen die nächste Flucht gelingen würde.
Was wir heute wissen, wussten die Menschen damals nicht
Genau an diesem Punkt begann die Dokumentation für mich über ihre eigentliche Geschichte hinauszugehen. Denn natürlich fällt es uns heute leicht, mit diesen Flüchtlingen mitzufühlen. Thomas Mann war Nobelpreisträger, Brecht einer der bedeutendsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts, Feuchtwanger ein weltberühmter Schriftsteller. Wir wissen, welchen kulturellen Verlust Deutschland sich selbst zufügte, indem es solche Menschen vertrieb. Aber was wäre, wenn wir ihre Namen nicht kennen würden? Was wäre, wenn damals nicht Thomas Mann vor uns gestanden hätte, sondern ein Maurer, ein Landarbeiter, eine Näherin oder jemand, der kaum lesen und schreiben konnte? Wäre seine Vertreibung weniger schlimm gewesen? Natürlich nicht. Und trotzdem fürchte ich, dass unser Mitgefühl sehr viel schneller versiegt, wenn ein Flüchtling nichts mitbringt, was wir bewundern oder gebrauchen können.
Damit war ich plötzlich mitten in unserer heutigen Migrationsdebatte. Und mir ist bewusst, wie problematisch historische Vergleiche auf diesem Feld sind. Die deutschen Emigranten nach 1933 und die heutige Migration nach Europa sind nicht dasselbe. Die Ursachen sind verschieden, die politischen Verhältnisse sind verschieden, und auch unter den Menschen, die heute nach Deutschland kommen, gibt es völlig unterschiedliche Motive. Politische Verfolgung, Krieg und wirtschaftliche Migration darf man nicht einfach in einen Topf werfen. Ebenso wenig halte ich etwas von der Vorstellung, Deutschland könne unbegrenzt Menschen aufnehmen. Ein Staat muss Zuwanderung steuern können. Er muss wissen, wer kommt, Asylanträge prüfen, seine Regeln durchsetzen und Menschen ohne Aufenthaltsrecht gegebenenfalls zurückführen. Das alles gehört für mich zu einer vernünftigen Migrationspolitik.
Aber damit ist eine andere Frage noch lange nicht beantwortet: Was ist uns ein Mensch wert, der uns nichts Besonderes anzubieten hat?
Wir reden gern über die dringend benötigte Ärztin aus Syrien, den Ingenieur aus dem Iran oder den indischen IT-Spezialisten. Natürlich tun wir das. Solche Beispiele passen hervorragend zu der Vorstellung, Migration könne ein Gewinn sein. Schwieriger wird es beim ungelernten Arbeiter, beim Analphabeten, beim Menschen, der unsere Sprache nicht spricht, der möglicherweise jahrelang Unterstützung benötigt und dessen Integration vielleicht nie so gelingt, wie wir es uns wünschen. Er wird uns vermutlich keinen Roman hinterlassen, den unsere Enkel in der Schule lesen. Vielleicht wird keine Straße nach ihm benannt. Vielleicht bleibt er einfach irgendein Mensch, dessen Namen kaum jemand kennt.
Gerade deshalb hat mich Sanary erneut zum Nachdenken über dieses Thema gebracht. Wir kennen heute das spätere Werk dieser Emigranten. Aber ein französischer Beamter, vor dem einer von ihnen damals mit seinen Papieren stand, sah vielleicht gar keinen großen Schriftsteller. Er sah zunächst einen Ausländer. Einen Deutschen. Einen Menschen, der bleiben wollte und eine Genehmigung brauchte. Was sehen wir heute, wenn ein Syrer, Afghane oder Afrikaner vor einer deutschen Behörde sitzt? Wir kennen seine Zukunft ebenso wenig. Vielleicht wird er Arzt, Unternehmer oder Künstler. Vielleicht arbeitet er irgendwann in einer Fabrik, fährt Pakete aus oder lebt dauerhaft von staatlicher Unterstützung. Vielleicht gelingt seine Integration, vielleicht scheitert sie. Aber seit wann hängt die Würde eines Menschen davon ab, welche dieser Möglichkeiten später eintritt?
Und dann wird am Sonntag gewählt
Dieser Gedanke lässt sich für mich gerade jetzt schwer von der politischen Situation in Deutschland trennen. Am kommenden Sonntag wird in Sachsen-Anhalt gewählt, drei Wochen später in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Migration ist längst eines der Themen, an denen sich unsere Gesellschaft festgebissen hat. Die AfD steht in Sachsen-Anhalt unmittelbar vor der Wahl mit großem Abstand an der Spitze der Umfragen. Menschen wählen die AfD aus unterschiedlichen Gründen, und zu diesen Gründen gehören zweifellos auch Fehler der anderen Parteien und eine Migrationspolitik, die über Jahre Widersprüche produziert hat, statt sie aufzulösen.
Aber ebenso wenig möchte ich übersehen, wie sich unsere Sprache verändert hat. Aus Menschen werden Zahlen, aus Flüchtlingen Belastungen, aus einzelnen Straftätern Belege für die Eigenschaften ganzer Bevölkerungsgruppen. Wir reden über „die Migranten“, obwohl sich hinter diesem Wort Millionen völlig verschiedener Biografien verbergen. Und manches, was vor einigen Jahren noch als sprachliche Entgleisung gegolten hätte, gehört inzwischen beinahe zum normalen politischen Vokabular.
Nein, Deutschland im Jahr 2026 ist nicht Deutschland im Jahr 1933. Die AfD ist nicht die NSDAP, heutige Migranten sind nicht die deutschen Exilanten von Sanary. Vielleicht kann Geschichte etwas anderes leisten. Sie kann uns sensibel machen. Für Sprache. Für Ausgrenzung. Für den Moment, in dem Menschen nicht mehr als Individuen wahrgenommen werden, sondern nur noch als Angehörige einer Gruppe. Und vielleicht auch für die erstaunliche Selbstgewissheit, mit der gegenwärtige Generationen glauben, sie könnten den Wert der Menschen beurteilen, denen sie eigentlich (nach selbstgeschaffenen Regeln) doch helfen sollten. Von gewissen Relativierungen unberührt: Die Elemente von AfD-Politik, die völkisch-nationales Denken in ihren Mittelpunkt stellen, verabscheue ich zutiefst.
Das ist vermutlich der Gedanke, der mir von dieser ausgezeichneten Dokumentation bleiben wird. Heute verehren wir viele der Menschen, die damals in Sanary Zuflucht suchten. Wir lesen ihre Bücher, spielen ihre Stücke, nennen Schulen und Straßen nach ihnen. Deutschland ist stolz auf Menschen, die Deutschland einst vertrieben hat.
Die Lehre daraus kann aber doch nicht ernsthaft lauten, dass man große Schriftsteller besser nicht vertreiben sollte. Sie müsste viel einfacher sein: Die Würde eines Menschen hängt nicht davon ab, ob sich später herausstellt, dass er ein Thomas Mann war.
Vielleicht sollten wir daran denken, wenn wir über diejenigen reden, deren Namen wir heute nicht kennen.
Mehr als eine halbe Million Menschen flohen zwischen 1933 und 1945 aus Deutschland vor dem NS-Regime beziehungsweise wurden ins Exil gezwungen. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung
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