
Kazim trifft einen wunden Punkt
Hasnain Kazim hat einen Satz geschrieben, der zunächst ziemlich radikal klingt. Eine Regierung aus Parteien, die außer der Ablehnung der AfD kaum noch etwas miteinander verbindet, sei „nicht besser als eine AfD-Regierung“. Pest oder Cholera, Not oder Übel.

Den letzten Vergleich würde ich nicht wörtlich nehmen. Natürlich macht es einen erheblichen Unterschied, ob eine demokratische Regierung aus CDU, SPD oder Grünen besteht oder ob die AfD regiert. Gerade deshalb sollte man Kazims Satz nicht als Gleichsetzung missverstehen. Interessant ist der Gedanke dahinter: Eine Demokratie kann auf Dauer nicht davon leben, dass sich immer mehr Parteien zusammentun müssen, um eine andere Partei von der Regierung fernzuhalten.
Und genau an diesem Punkt sind wir inzwischen angekommen.
Die Zahlen sind ziemlich brutal. Bei Infratest dimap lag die AfD Anfang August bundesweit bei 28 Prozent, die Union bei 21, SPD bei 12, Grüne bei 15 und Linke bei 11 Prozent. Ende August sah INSA die AfD sogar bei 29 und die Union nur noch bei 20 Prozent. Das sind Umfragen und keine Wahlergebnisse. Aber die Entwicklung lässt sich kaum wegdiskutieren.
Das Problem der immer größeren Koalitionen
Unser Parteiensystem ist fragmentierter geworden. Früher reichten Union und FDP oder SPD und FDP, später Union und SPD. Heute braucht es unter Umständen drei Parteien – und irgendwann vielleicht noch mehr –, um überhaupt eine Mehrheit gegen die AfD zustande zu bringen.
Mathematisch funktioniert das. Politisch wird es immer schwieriger.
Nehmen wir eine Koalition aus Union, SPD und Grünen. Zwischen diesen Parteien bestehen erhebliche Unterschiede bei Migration, Sozialstaat, Steuern, Energie, Klima oder Wirtschaftspolitik. Natürlich können demokratische Parteien Kompromisse schließen. Genau davon lebt parlamentarische Demokratie. Aber ein Kompromiss ist etwas anderes als eine Koalition, deren eigentliche Geschäftsgrundlage lautet: Wir müssen zusammenbleiben, weil sonst die AfD regiert.
Dann wird aus dem politischen Gegner plötzlich der Kitt der Regierung.
Das halte ich für fatal.
Denn eine solche Regierung muss ständig Positionen abschleifen, die ihre jeweiligen Wähler gerade deshalb gewählt haben. Die Union kann nicht so konservativ regieren, wie es Teile ihrer Anhänger erwarten. SPD und Grüne können ihre Vorstellungen ebenfalls nur eingeschränkt verwirklichen. Am Ende entsteht Politik auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner.
Und wer profitiert davon? Ausgerechnet die Partei, die man verhindern wollte.
Die AfD bekommt die bequemste Opposition der Republik
Je breiter die Koalition, desto größer das Geschenk an die AfD. Sie muss keine Kompromisse schließen und keine Verantwortung übernehmen. Sie kann praktisch jede unpopuläre Entscheidung der Regierung angreifen und gleichzeitig behaupten: Seht ihr, die anderen gehören sowieso alle zusammen.
Das Schlagwort von den „Altparteien“ bekommt dadurch eine scheinbare Bestätigung, obwohl die Unterschiede zwischen CDU, SPD und Grünen selbstverständlich real sind.
Noch problematischer wird es, wenn die AfD irgendwann 30 oder 35 Prozent erreicht. Dann müssten theoretisch immer größere Teile des übrigen Parteienspektrums zusammenrücken. Was geschieht bei 40 Prozent? Eine Koalition von CDU bis Linke?
Die Entwicklung in Sachsen-Anhalt zeigt, dass diese Frage längst nicht mehr theoretisch ist. Dort liegt die AfD vor der Landtagswahl in Umfragen bei mehr als 40 Prozent. Gleichzeitig werden bereits CDU-geführte Minderheitsregierungen als mögliche Alternative diskutiert.
Eine Brandmauer kann eine politische Grenze markieren. Sie kann aber keine Regierungsstrategie ersetzen.
Was also tun?
Im Grunde bleiben nur wenige Möglichkeiten.
Die erste ist die bisherige: möglichst breite Koalitionen gegen die AfD. Sie hält die Partei von Regierungsämtern fern, jedenfalls solange rechnerische Mehrheiten vorhanden sind. Aber der Preis sind zunehmend heterogene Regierungen und eine Opposition, die von der AfD dominiert wird.
Die zweite Möglichkeit wäre eine Minderheitsregierung. Eine Regierung aus beispielsweise Union und SPD könnte sich für ihre Vorhaben wechselnde parlamentarische Mehrheiten suchen. Das wäre ungewohnt für Deutschland, aber keineswegs undemokratisch. Sachsen und Thüringen zeigen bereits, dass solche Konstruktionen grundsätzlich funktionieren können.
Das hätte sogar einen gewissen Charme. Das Parlament würde wieder wichtiger. Gesetze müssten tatsächlich um Mehrheiten werben. Nicht jede Entscheidung wäre bereits im Koalitionsausschuss festgezurrt.
Aber auch dieses Modell hat einen Haken: Was passiert, wenn ein Gesetz nur mit Stimmen der AfD eine Mehrheit bekommt? Darf man es dann beschließen? Muss man einen eigenen Antrag zurückziehen, weil die falschen Leute dafür stimmen?
An solchen Fragen sieht man, wie absurd die Lage inzwischen geworden ist. Eine Demokratie kann auf Dauer schwerlich so funktionieren, dass Parteien nicht mehr danach entscheiden, was beschlossen wird, sondern danach, wer ebenfalls zustimmt. Selbst über diese Frage wird inzwischen offen gestritten; in einer aktuellen Debatte über die Brandmauer wird gerade für fallweise parlamentarische Mehrheiten argumentiert.
Und dann gibt es noch die AfD-Regierung
Die dritte Möglichkeit wäre schließlich das, was bislang ausgeschlossen wird: Die stärkste Partei versucht selbst, eine Regierung zu bilden.
Ich halte davon politisch überhaupt nichts. Aber wir sollten uns klarmachen, dass diese Möglichkeit mit jedem weiteren Wahlerfolg der AfD wahrscheinlicher wird. Vor allem dann, wenn sie irgendwann eine absolute Mehrheit der Mandate erreicht. Dann ist die gesamte Koalitionsarithmetik erledigt.
Die Hoffnung mancher Leute, eine AfD-Regierung werde sich durch die Realität schon selbst entzaubern, halte ich allerdings für leichtsinnig. Regierungen besitzen Macht. Sie besetzen Ministerien, verändern Behörden, beeinflussen Bildungspolitik und verfügen über erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten. Man sollte demokratische Institutionen nicht zum Versuchslabor machen, nur um herauszufinden, ob eine Partei beim Regieren vielleicht an Zustimmung verliert.
Die eigentliche Aufgabe wird verdrängt
Deshalb liegt Kazim meines Erachtens im Kern richtig – allerdings mit einer wichtigen Einschränkung. Das Problem besteht nicht darin, dass demokratische Parteien die Zusammenarbeit mit der AfD ablehnen. Dafür gibt es gute Gründe. Das Problem beginnt dort, wo die Ablehnung der AfD zum Ersatz für eine gemeinsame politische Idee wird.
„Wir sind nicht die AfD“ ist kein Regierungsprogramm.
Eine Regierung muss erklären können, wohin sie dieses Land führen möchte. Sie muss Probleme lösen, Prioritäten setzen und Konflikte austragen. Und die Parteien müssen wieder erkennbar dafür stehen, was sie selbst wollen.
Das wird unangenehm. Vielleicht müssen wir uns an Minderheitsregierungen und wechselnde Mehrheiten gewöhnen. Vielleicht werden Koalitionen kürzer halten. Vielleicht wird das Parlament wieder stärker zum Ort echter politischer Auseinandersetzung.
All das erscheint mir jedenfalls gesünder als eine Entwicklung, bei der irgendwann vier Parteien gemeinsam regieren, obwohl sie sich bei zentralen politischen Fragen kaum noch einigen können – und draußen steht eine AfD mit 30 oder 40 Prozent und schaut genüsslich dabei zu.
Die Brandmauer mag notwendig sein. Aber hinter einer Mauer muss etwas stehen, das die Menschen überzeugt.
Sonst wird sie irgendwann einfach überflüssig, weil auf der anderen Seite die Mehrheit steht.
Zitat: „Eine Demokratie kann auf Dauer nicht davon leben, dass sich immer mehr Parteien zusammentun müssen, um eine andere Partei von der Regierung fernzuhalten” und „Vielleicht wird das Parlament wieder stärker zum Ort echter politischer Auseinandersetzung”
Dem stimme ich zu. Danke für die Analyse!
@Fred Lang: Sehr gern. Danke, Fred.