Vom Recht auf Befindlichkeit und der Lust am Rant

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Da hat einer aber schlechte Laune

Ich habe offenbar etwas angerichtet. Mein Beitrag (als Reaktion auf den Beitrag eines anderen Bloggers) über den ⁠„letzten aufrechten Non-KI-Blogger“ hat andernorts eine Reaktion ausgelöst, die schon im Titel keinen Zweifel daran lässt, wohin die Reise geht. ⁠„Akt Acht: Eine Trilogie des Versagens“ heißt das Stück bei Rantgebiet. Nicht zum ersten Mal und nicht nur ich bekomme dort mein Fett weg, sondern gleich mehrere Blogger, deren Äußerungen der Autor mit erkennbarer Freude durch den satirischen Fleischwolf dreht.

großem Anteil Müll
Nicht schön, wie Blogger über ihre KollegInnen denken. Oder verstehe ich das falsch?

Das darf er natürlich. Ich habe schließlich selbst nicht gerade mit Wattebäuschchen geworfen. Wer Begriffe wie „Genöle“, „Alles-noch-selbst-Schreiber“ oder „Blogger-TÜV“ verwendet, sollte anschließend nicht erschrocken abtauchen, wenn einer zurückschießt. Dafür bin ich zu lange im „Geschäft“. Ich kann über manche Spitze sogar lachen. Über andere weniger. Das gehört dazu.

Interessant wird die Sache für mich an einem anderen Punkt.

Befindlichkeiten sind offenbar nur in eine Richtung erlaubt

Beim Lesen des Rantgebiet-Beitrags entsteht bei mir der merkwürdige Eindruck, als sei schon die Beschäftigung mit den Befindlichkeiten anderer Blogger ein bisschen anrüchig. Dabei bestehen hier die allermeisten Beiträge doch aus Reaktionen auf irgendwelchen externen Äußerungen. Warum regen die sich auf? Warum schreiben die darüber? Warum können sie die anderen nicht einfach machen lassen?

Eine bemerkenswerte Frage in einem Text, der fast ausschließlich daraus besteht, sich ausführlich mit den Befindlichkeiten anderer Blogger zu beschäftigen.

Das muss man erst einmal hinbekommen.

Ich thematisiere die Klagen einiger Blogger über KI-Texte und bekomme sinngemäß vorgehalten, ich solle mich doch nicht so ausgiebig damit beschäftigen. Daraufhin entsteht ein langer Beitrag, in dem wiederum meine Reaktion und die anderer Blogger ausführlich auseinandergenommen werden. Wer über die Befindlichkeit anderer schreibt, ist also befangen – außer offenbar derjenige, der gerade über die Befindlichkeit dessen schreibt, der über die Befindlichkeit anderer geschrieben hat. Das nennt man dann Versagen. Der Rant aber ist inhaltlich erhaben, erfüllt seinen Zweck.

Noch eine Runde, und wir brauchen ein Organigramm.

Rantgebiet soll unsere Texte runtermachen, solange und so viel er mag. Ich nehme mir andersherum heraus, Texte und Ansichten anderer Blogger zu kommentieren. Das ist schließlich einer der Gründe, weshalb Blogs überhaupt interessant sein können. Finde ich jedenfalls. Wir schreiben nicht in luftleere Räume. Wir lesen einander, ärgern uns, stimmen zu, widersprechen, greifen Gedanken auf und gelegentlich daneben. Daraus entstehen Debatten. Früher nannte man das Blogosphäre. Heute scheint man manchmal bereits eine Gebrauchsanweisung dafür zu benötigen.

Mein Text war polemisch. Na und?

Mein ursprünglicher Beitrag war polemisch. Ganz bewusst sogar. Mir geht seit einiger Zeit diese merkwürdige moralische Überhöhung der Frage auf den Geist, ob ein Blogger KI benutzt oder nicht. Da wird aus einer persönlichen Entscheidung beinahe eine Charakterfrage. Hier die authentischen Selberschreiber, dort die verdächtigen Maschinenfreunde. Vielleicht ist diese Zuspitzung aber auch nur meiner übermäßigen Empfindlichkeit geschuldet. Beim ersten Rant dieses Bloggers wurde ich von anderen aufgeklärt, was überhaupt ein Rant ist und dass dieser doch nun wirklich witzig gewesen wäre. Das fanden einige notwendig, weil ich ja ein „Oldtimer“ bin und vom Bloggen wohl nicht wirklich viel weiß. Dass ich seit 2003 blogge, spielte bei dieser „Einordnung“ keine Rolle.

Klar. Jeder soll machen, was er will. Wer keine KI einsetzen möchte, soll es lassen. Wer KI-Texte nicht lesen möchte, soll sie nicht lesen. Wer eine Kennzeichnung erwartet, darf das sagen. Darüber lässt sich sogar vernünftig diskutieren. Ich sehe nur nicht ein, warum aus der persönlichen Arbeitsweise ein Reinheitsgebot für andere werden sollte oder im Webring sogar die Möglichkeit geschaffen werden soll, Beiträge der Teilnehmer entsprechend einzustufen. Gehen die Diskussionen über Blasen und ihre Folgen eigentlich so komplett an manchen vorbei?

Und vor allem sagt die Entstehungsweise eines Textes noch herzlich wenig über seine Qualität aus. Ein vollständig selbst geschriebener Text kann grandios sein. Er kann allerdings auch todlangweilig, redundant und gedanklich dünn sein. Ein mit Unterstützung einer KI entstandener Text kann genauso missraten. Oder eben gut sein. Am Ende muss der Leser entscheiden, ob ihm das Geschriebene etwas gibt.

Diese geradezu romantische Vorstellung, ein Mensch sitze allein vor seiner Tastatur, ringe mit sich und der deutschen Sprache und erschaffe deshalb zwangsläufig etwas Authentisches, rührt mich fast. Sie entspricht nur nicht unbedingt meiner Erfahrung aus mehr als zwei Jahrzehnten Bloggerei.

Was heißt überhaupt „KI benutzen“?

Hinzu kommt ein Punkt, der in diesen Diskussionen regelmäßig unter die Räder kommt. Was soll eigentlich „KI benutzen“ genau heißen?

Lasse ich mir einen kompletten Artikel zu einem Thema erzeugen, von dem ich keine Ahnung habe, und veröffentliche ihn ungelesen? Oder habe ich selbst einen Text geschrieben und lasse ihn sprachlich prüfen? Recherchiere ich mit KI? Suche ich Gegenargumente? Lasse ich mir erklären, warum mein WordPress-Plugin wieder einmal beschlossen hat, ein Eigenleben zu entwickeln? Diskutiere ich eine These und schreibe anschließend meinen eigenen Text?

Das alles landet gern im selben Topf. Deckel drauf, Etikett „KI-Blogger“ drauf, fertig.

Für mich ist KI ein Werkzeug. Ein ziemlich mächtiges sogar. Deshalb muss man damit sorgfältig umgehen. Aber ich käme auch nicht auf die Idee, einem Fotografen vorzuwerfen, sein Bild sei weniger authentisch, weil er Lightroom oder Photoshop benutzt hat. Entscheidend ist doch, wer auswählt, entscheidet, verwirft und am Ende seinen Namen daruntersetzt.

Der Spiegel hat zwei Seiten

Deshalb stört mich an der Rantgebiet-Replik weniger der Spott. Spott halte ich aus, und wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich selbst davon gelegentlich Gebrauch mache. Mich amüsiert vielmehr diese seltsame Konstruktion: Man macht sich über Blogger lustig, weil sie sich mit den Äußerungen und Empfindlichkeiten anderer Blogger beschäftigen – und tut dies, indem man sich ausführlich mit den Äußerungen und Empfindlichkeiten dieser Blogger beschäftigt.

Wir Blogger beobachten einander, reagieren aufeinander und halten einander gelegentlich den Spiegel vor. Man sollte nur nicht vergessen, dass ein Spiegel zwei Seiten hat – und dass man bei besonders eifrigem Herumfuchteln irgendwann selbst darin auftauchen könnte.

Insofern danke ich dem anonymen Kollegen von Rantgebiet für seine Erwiderung. Er hat mit seinem Beitrag etwas demonstriert, was ich selbst kaum schöner hätte zeigen können: Offenbar lässt sich über die Befindlichkeiten anderer Blogger ganz hervorragend schreiben.

Man muss es nur einen Rant nennen.

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4 Kommentare

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  1. „Das alles landet gern im selben Topf. Deckel drauf, Etikett „KI-Blogger“ drauf, fertig.“ Ich sehe KI als Werkzeugkasten und nutze es gerne zur Recherche und Rechtschreibprüfung. Danke für den Artikel, ich verfolge das Thema mit Interesse.

    Liebe Grüße Frank

  2. Hallo Horst,

    deinen Beitrag kann ich gut nachvollziehen. Gerade beim Blog „Rantgebiet” ist es mir jedoch wichtig, zwischen einer zugespitzten Auseinandersetzung mit einem Thema und persönlichen Angriffen auf andere Blogger:innen zu unterscheiden.

    Mit Kritik habe ich überhaupt kein Problem. Wir müssen nicht einer Meinung sein und dürfen uns auch deutlich widersprechen. Spott gehört für mich allerdings nicht dazu. Und schon gar nicht persönliche Angriffe.

    Gerade bei „Rantgebiet” habe ich in der Vergangenheit leider erlebt bzw. mitbekommen, dass Blogger:innen nicht nur inhaltlich kritisiert, sondern teilweise auch persönlich und meiner Meinung nach unter der Gürtellinie angegriffen wurden.

    Das finde ich nicht in Ordnung. Man kann über Blogs, KI, Schreibstile oder unterschiedliche Auffassungen vom Bloggen diskutieren, ohne andere Menschen abzuwerten oder sich über sie lustig zu machen.

    Ansonsten sehe ich es ähnlich wie du: Blogger:innen dürfen unterschiedliche Befindlichkeiten haben, unterschiedliche Dinge gut oder schlecht finden und das auch deutlich äußern. Aber genauso sollten wir anderen zugestehen, ihren eigenen Blog auf ihre eigene Weise zu betreiben.

    Gerade beim Thema KI ist mir das inzwischen besonders wichtig. Wie bereits geschrieben, möchte ich selbst entscheiden, welche Werkzeuge ich für meinen Blog nutze, und ich möchte deswegen weder abgewertet noch in irgendeine Kategorie eingeordnet werden.

    Liebe Grüße
    Lorenzo