Wer führt hier eigentlich den Kulturkampf, Herr Poschardt?

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Besonders krass fand ich Ulf Poschardts Streitgespräch mit Grünen-Chef Felix Banaszak bei ntv. Ausgerechnet in einer Debatte, in der Poschardt den Grünen über weite Strecken einen jahrzehntelangen „Kulturkampf“ vorwarf, lieferte er selbst ein ziemlich anschauliches Beispiel dafür, wie Kulturkampf funktioniert. Gerade erst hatte ich Poschardt einmal von einer anderen, weniger abstoßenden Seite kennengelernt. Ausgerechnet bei {ungeskriptet} by Ben.

„Hat nichts mit Klima zu tun“

Banaszak hatte im Verlauf des Streitgespräches Friedrich Merz kritisiert, weil dieser nach seiner langen Sommerpause erst spät den Zusammenhang zwischen den klimatischen Veränderungen und den aktuellen Wetterextremen angesprochen habe. Poschardt reagierte darauf so:

„Sein lächerliches Gerede, dass diese brennende Welt vom Klimawandel kommt, ist natürlich ein Hinweis, dass er nicht wirklich aufgewacht ist aus seiner totalen politischen Orientierungslosigkeit.“

Auf den Einwand, das habe also nichts mit dem Klima zu tun, antwortete Poschardt:

„Nee, natürlich nicht. Kann man bei Axel Bojanowski nachlesen. […] Wir haben so wenig Waldbrände und Brände global wie noch nie.“

Und damit war die Sache für ihn offenbar erledigt. Wer anderer Meinung ist, betreibt nach Poschardts Lesart ohnehin eher „Panikmachung“.

Mich erinnert das an eigene Auseinandersetzungen, bei denen ich durch ähnliche Aussagen meiner Gesprächspartner regelrecht ausgeflippt bin.

Was ist denn nun Phase?

Was Bojanowski tatsächlich schreibt

Poschardt beruft sich ausdrücklich auf den Springer-Wissenschaftsjournalisten Axel Bojanowski. Dessen Argumentation ist allerdings deutlich differenzierter. In seiner WELT-Kolumne über die Feuer in Südeuropa weist Bojanowski darauf hin, dass die verbrannte Fläche dort langfristig zurückgegangen sei und bessere Vorsorge sowie wirksamere Brandbekämpfung dabei eine wesentliche Rolle spielten. (Welt)

Das ist richtig – und wird sogar vom Weltklimarat bestätigt. Der IPCC stellt für den europäischen Teil des Mittelmeerraums fest, dass Waldbrände trotz steigender Brandgefahr insgesamt zurückgegangen seien, unter anderem wegen effizienteren Risikomanagements. (IPCC)

Daraus folgt jedoch keineswegs, dass der Klimawandel mit Waldbränden „natürlich nichts“ zu tun habe. Im Gegenteil: Im selben Befund, auf den sich Bojanowskis Argumentation stützen lässt, steht ausdrücklich, dass die Waldbrandgefahr zunimmt.

Das ist der Punkt, den Poschardt einfach weglässt.

Weniger verbrannte Fläche heißt nicht weniger Klimarisiko

Die Zahl oder Fläche von Bränden hängt von vielen Dingen ab: davon, ob ein Feuer überhaupt entzündet wird, von Vegetation und Waldpflege, menschlichem Verhalten, Brandstiftung, Landwirtschaft, Feuerwehr, Früherkennung – und vom Wetter.

Der Klimawandel muss also keinen Brand „anzünden“, um ihn gefährlicher zu machen.

Der IPCC stellt fest, dass Bedingungen, die Waldbrände begünstigen – Hitze, Trockenheit, geringe Luftfeuchtigkeit und entsprechendes „Fire Weather“ – in Teilen Europas zugenommen haben. Für den Mittelmeerraum wird bei weiterer Erwärmung mit einer deutlichen Zunahme solcher Bedingungen gerechnet. (IPCC)

Noch deutlicher formuliert es der IPCC grundsätzlich: Der Klimawandel spiele neben menschlichen Einflüssen eine zunehmende Rolle für Waldbrandregime. Gleichzeitig ist die weltweit verbrannte Landfläche in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich zurückgegangen – vor allem wegen geringerer Feuerflächen in Graslandschaften und Savannen. Beide Aussagen stehen im selben Bericht und widersprechen sich überhaupt nicht. (IPCC)

Genau das macht Poschardts Satz „Wir haben so wenig Waldbrände und Brände global wie noch nie“ als Gegenargument ziemlich wertlos.

Er vergleicht zwei verschiedene Dinge.

Statistik als Schlagstock

Man kann über die Klimapolitik der Grünen streiten. Man kann über Wärmepumpen, Verbrennerverbot, Kernenergie, CO₂-Preise oder den deutschen Sonderweg bei der Energiewende diskutieren. Und selbstverständlich darf man den Grünen politische Überheblichkeit oder Fehlentscheidungen vorwerfen.

Aber dann sollte man ausgerechnet bei einer Debatte über angeblichen Kulturkampf nicht selbst wissenschaftliche Zusammenhänge so lange plattklopfen, bis sie ins eigene politische Weltbild passen.

Poschardt nimmt einen richtigen Befund – global beziehungsweise regional sinkende Brandflächen – und macht daraus die wesentlich weitergehende Behauptung, Waldbrände hätten mit dem Klimawandel nichts zu tun. Das sagt weder Bojanowski noch sagt es die Wissenschaft.

Copernicus beschreibt beispielsweise ausdrücklich, dass Wetterbedingungen entscheidend dafür sind, wie leicht Vegetation brennt und wie schnell und intensiv sich Feuer ausbreiten können. In Europa hat sich zudem die Saison mit erhöhter Waldbrandgefahr verlängert. (Copernicus Climate Change Service)

Man kann also gleichzeitig sagen: Wir bekämpfen Brände heute erfolgreicher und der Klimawandel verschärft die meteorologischen Bedingungen, unter denen solche Brände entstehen und eskalieren können. Das eine hebt das andere nicht auf.

Und wer betreibt nun Kulturkampf?

Das Interessante an diesem Gespräch ist deshalb weniger Poschardts Kritik an den Grünen als der Widerspruch, in den er sich selbst hineinredet. Fast eine Stunde lang wirft er ihnen moralische Überheblichkeit, Panikmache und Kulturkampf vor. Sobald es aber ums Klima geht, wird aus einer komplizierten wissenschaftlichen Frage ein hingeworfenes:

„Nee, natürlich nicht.“

Das ist keine besonders überzeugende Widerlegung. Es ist vor allem Pose. Und genauso kennen wir Herrn Poschardt. Schade, das Land könnte kluge Leute wie ihn für ganz anders motivierte Aussagen gebrauchen. Aber er gefällt sich leider in der Rolle des großen Rebellen. Interessant übrigens wiederum, wie idiotisch einseitig viele der abgegebenen Kommentare beim ntv-Video sind. Für mich gilt das jedenfalls.

Vielleicht sollte man deshalb die Frage einmal umdrehen: Was ist eigentlich mehr Kulturkampf? Wenn Grüne politische Maßnahmen gegen den Klimawandel fordern, über deren Sinn und Ausgestaltung man selbstverständlich streiten kann? Oder wenn ein bedeutender Publizist einen wissenschaftlich gut belegten Zusammenhang kurzerhand für nicht existent erklärt und Andersdenkenden anschließend „Panikmachung“ vorwirft?

Diese Frage zu beantworten, sollte niemandem schwerfallen.

An diesem Text ist KI beteiligt
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