Die NZZ verteidigt den Audi-Chef gegen Kritik an seinem Trump-Auftritt. Warum wirtschaftliche Interessen kein Freibrief für politische Anbiederung sind.

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Die Schweizer «Neue Zürcher Zeitung» scheint seit Jahren eine besondere Freude daran zu haben, Deutschlands Probleme möglichst düster auszumalen. Anders kann ich mir die Hartnäckigkeit kaum erklären, mit der dort gegen deutsche Politik, deutsche Medien und vermeintlich deutsche Befindlichkeiten angeschrieben wird. Natürlich gibt es in Deutschland mehr als genug zu kritisieren. Aber zwischen berechtigter Kritik und einer geradezu lustvoll betriebenen Herabsetzung liegt ein Unterschied.

Unter Chefredaktor Eric Gujer hat sich die NZZ mit ihrem «anderen Blick» längst als Stimme im deutschen rechtskonservativen Meinungsspektrum etabliert. Dass deutsche Journalisten diese publizistische Linie bereitwillig mittragen, macht die Sache für mich nicht besser. Der frühere Deutschlandchef Marc Felix Serrao war dafür ein Beispiel. Beatrix Achterberg liefert nun ein weiteres. Es ist nicht das Erste.

Die Wallungen verraten dabei mehr über seine Kritiker als über den Konzernchef. […] Hinter der Entrüstung der deutschen Journalisten steckt etwas anderes: schnöder Anti-Trumpismus, Antiamerikanismus und Antikapitalismus. Wenn die Milliarden fließen und der «orange man» über beide Ohren strahlt, kann es ja gar nicht richtig sein.
Quelle

Ich habe mich mit der politischen Ausrichtung der NZZ schon früher beschäftigt. Was mich daran besonders stört, ist nicht ihre konservative Haltung. Es ist die selbstgewisse Herablassung, mit der andere politische und moralische Überzeugungen regelmäßig abgewertet werden.

Wenn moralische Kritik zum Feindbild wird

In ihrem Kommentar «Die Empörung deutscher Medien über den Audi-Chef ist heuchlerisch» erklärt Beatrix Achterberg die Entrüstung über den Auftritt des Audi-Chefs Gernot Döllner bei Donald Trump im Wesentlichen zu einer ideologisch motivierten Überreaktion.

Dahinter stecke, so Achterberg, «schnöder Anti-Trumpismus, Antiamerikanismus und Antikapitalismus».

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer es unangemessen findet, dass sich der Chef eines großen deutschen Automobilkonzerns für eine Wahlkampfveranstaltung Donald Trumps einspannen lässt, handelt nach dieser Lesart offenbar nicht aus nachvollziehbaren demokratischen Überzeugungen. Er ist einfach gegen Trump, gegen Amerika und womöglich gleich noch gegen den Kapitalismus.

Wie bequem.

Man muss sich mit den konkreten Einwänden gar nicht mehr beschäftigen, wenn man seine Kritiker zuvor in die passende ideologische Schublade gesteckt hat. Das ist keine besonders anspruchsvolle Argumentation. Es ist eine Methode, berechtigte Kritik als Ausdruck politischer Voreingenommenheit abzutun.

Die Moral endet offenbar dort, wo Milliarden winken

Ich habe bereits in meinem Beitrag «Vier Ringe, wenig Rückgrat: Audi macht Wahlkampf für Trump» beschrieben, warum ich Döllners Verhalten für verwerflich halte.

Selbstverständlich kann es für Audi wirtschaftlich sinnvoll sein, in den USA ein Werk zu errichten. Wer das bestreitet, verwechselt wirtschaftspolitische Kritik mit Realitätsverweigerung. Aber darum geht es doch überhaupt nicht.

Es geht um den Unterschied zwischen einer unternehmerischen Entscheidung und der Bereitschaft, sich für die Wahlkampfpropaganda eines Präsidenten herzugeben, dessen Zollpolitik europäische Unternehmen massiv unter Druck setzt.

Trump schafft wirtschaftliche Zwänge, und anschließend darf er sich öffentlich dafür feiern lassen, dass ausländische Konzerne Milliarden in Amerika investieren. Der Vorstandschef eines betroffenen Unternehmens steht daneben und bedankt sich.

Das ist eine bemerkenswerte Form der politischen Unterwerfung.

Besonders pikant: Audi verfügt über eigene Grundsätze zur politischen Neutralität. Öffentlichkeitswirksame Auftritte mit Politikern im unmittelbaren Vorfeld von Wahlen sollen danach gerade vermieden werden. Für Döllners Auftritt wurde offenbar eigens eine Ausnahme genehmigt.

Noch bemerkenswerter sind die Recherchen von CORRECTIV vom 30. Oktober. Danach war die Möglichkeit eines Wahlkampfauftritts bereits vor Döllners Abreise bekannt. Von einem völlig überraschenden Ablauf kann also kaum die Rede sein.

Für Beatrix Achterberg scheint die wirtschaftliche Interessenlage dennoch auszureichen, um die Empörung über diese politische Inszenierung als unangemessen erscheinen zu lassen.

Mich erschreckt diese Haltung. Denn wenn wirtschaftliche Interessen jedes politische Verhalten rechtfertigen können, welchen Wert haben dann noch die viel beschworenen Unternehmensgrundsätze?

Die seltsame Geringschätzung demokratischer Maßstäbe

Gerade von Journalisten erwarte ich, dass sie Machtverhältnisse kritisch beleuchten. Das gilt gegenüber Regierungen ebenso wie gegenüber Konzernen und ihren Vorstandschefs.

Natürlich darf eine konservative Journalistin einen solchen Vorgang anders beurteilen als ich. Sie darf wirtschaftliche Interessen stärker gewichten. Sie darf auch zu dem Ergebnis kommen, dass die Kritik an Döllner überzogen ist.

Aber dann sollte sie sich mit den entscheidenden Fragen beschäftigen: Warum musste Audi seine Investitionspläne ausgerechnet auf einer Wahlkampfveranstaltung präsentieren? Weshalb wurde eine Ausnahme von den eigenen Regeln erforderlich? Und was bedeutet es, wenn ein Konzern seine politische Neutralität gerade dann relativiert, wenn sie wirtschaftlich unbequem wird?

Stattdessen wird der moralische Einwand selbst zum Gegenstand der Verachtung.

Das passt zu einem publizistischen Muster, das ich bei der NZZ schon länger beobachte. Wer auf demokratische Verantwortung, gesellschaftliche Rücksichtnahme oder moralische Grenzen wirtschaftlichen Handelns verweist, steht schnell unter Ideologieverdacht. Wer dagegen ökonomische Interessen zur obersten Richtschnur erklärt, gilt als nüchtern und realistisch. Wohin uns das führt, werden wir bald in Deutschland, vielleicht auch in der Schweiz erkennen.

Eine solche Gewichtung ist nicht automatisch Ausdruck journalistischer Unabhängigkeit. Sie ist selbst eine politische Entscheidung.

Nicht alles, was wirtschaftlich vernünftig erscheint, ist politisch anständig

In meinem Beitrag «Deutschlands KI-Zukunft – mit amerikanischem Schlüssel?» ging es um die Frage, wie gefährlich wirtschaftliche und technologische Abhängigkeiten werden können, wenn politische Macht sie als Druckmittel einsetzt.

Bei Audi begegnet uns ein ähnlicher Konflikt in besonders hässlicher Form. Ein Konzern reagiert auf wirtschaftlichen Druck und hilft zugleich demjenigen, der diesen Druck maßgeblich erzeugt, bei seiner politischen Selbstdarstellung.

Dass Beatrix Achterberg darin offenbar vor allem eine Gelegenheit sieht, über die angebliche ideologische Verblendung deutscher Journalisten herzuziehen, finde ich journalistisch armselig.

Vielleicht hätte sie sich ihren Kommentar besser gespart.

Die NZZ darf konservativ sein. Sie darf Deutschland kritisieren, seine Politiker verspotten und seine wirtschaftlichen Schwächen schonungslos beschreiben. Aber wer moralische Einwände regelmäßig als lästige Befindlichkeiten behandelt, sollte sich nicht wundern, wenn irgendwann die Frage nach dem eigenen moralischen Kompass gestellt wird.

Wirtschaftlicher Sachverstand und moralisches Urteilsvermögen schließen einander nicht aus. Wer das eine gegen das andere ausspielt, sollte sich nicht auch noch für besonders aufgeklärt halten.

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