
Es gibt Nachrichten, bei denen die gute alte Kreissparkasse plötzlich einen geradezu verführerischen Glanz bekommt. Keine goldenen Wasserhähne, keine sensationellen Renditeversprechen. Einfach ein Konto, auf dem das Geld möglichst auch morgen noch liegt. Der milliardenschwere Diebstahl bei der Kryptobörse Binance gehört für mich zu diesen Nachrichten.
Nach bisherigen Berichten wurden dort Kryptowährungen im Wert von rund 6,3 Milliarden Dollar gestohlen. Etwa drei Milliarden konnten zunächst eingefroren werden. Binance verspricht, sämtliche Verluste auszugleichen, und hat nach eigenen Angaben entsprechende Mittel zurückgestellt. Das ist für die Kundschaft zunächst eine beruhigende Nachricht. Eine vollständig abgewickelte Entschädigung ist es noch nicht. Der Deutschlandfunk berichtet über den Stand vom 31. Oktober.
Mich beschäftigt daran vor allem eine Frage: Warum sollte jemand, dem Sicherheit besonders wichtig ist, sein Erspartes einem solchen zusätzlichen Risiko aussetzen?
Fortschritt muss sich am Alltag messen lassen
Ich bin gern bereit, mich für technische Neuerungen zu begeistern. Aber bei meinem Geld fällt diese Begeisterung merklich nüchterner aus. Da möchte ich wissen, woran ich bin. Was kann verloren gehen? Wer haftet? Und wer hilft mir, wenn aus der schönen digitalen Freiheit plötzlich eine ziemlich teure Erfahrung wird?
Bei Kryptowährungen wird häufig mit Unabhängigkeit geworben: von Banken, von staatlichen Eingriffen, von den alten Strukturen des Finanzsystems. Wer seine Bestände dann bei einer großen Handelsplattform verwahren lässt, vertraut allerdings wieder einem Unternehmen. Dessen Technik, dessen Mitarbeitern, dessen Zahlungsfähigkeit. Die Abhängigkeit hat eine neue Adresse bekommen.
Ein ähnlicher Gedanke beschäftigte mich bereits bei Deutschlands KI-Zukunft und dem amerikanischen Schlüssel: Es lohnt sich, bei großen Versprechen von Eigenständigkeit genauer hinzusehen, wer am Ende tatsächlich die Kontrolle besitzt.
Eine sichere Blockchain ist noch kein sicheres Erspartes
Zur Fairness gehört eine wichtige Unterscheidung. Der Angriff auf Binance bedeutet nach bisherigem Kenntnisstand nicht, dass die Verschlüsselung von Bitcoin geknackt worden wäre. Laut Tagesschau könnte ein kompromittierter Mitarbeiterrechner den Angreifern Zugang zu Systemen der Börse verschafft haben. Die technischen Einzelheiten müssen noch abschließend geklärt werden.
Für die Kundschaft bleibt trotzdem ein handfestes Problem. Sie braucht eine sichere Verwahrung samt verlässlichem Zugriff auf ihr Vermögen. Dass irgendwo in dieser Kette ein technisch beeindruckendes Verfahren funktioniert, genügt nicht, wenn an anderer Stelle Milliarden abfließen können.
Natürlich kann man Kryptowährungen selbst verwahren. Damit übernimmt man allerdings auch die Verantwortung für Zugangsschlüssel, Sicherungskopien und den Schutz vor Betrug. Wer diese Verantwortung tragen möchte und die Risiken versteht, darf das selbstverständlich tun. Ich kann nur nicht erkennen, weshalb daraus eine Pflicht für Menschen entstehen sollte, die ihr Geld vor allem sicher aufbewahren wollen.
Der unspektakuläre Wert der Kreissparkasse
Auch Sparkassen sind keine unverwundbaren Festungen. Sie können technische Störungen haben, Kunden können auf Betrüger hereinfallen, und bei Gebühren oder Zinsen besteht durchaus Anlass zur Kritik. Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied: Gewöhnliche Bankguthaben sind in ein geregeltes Schutzsystem eingebunden.
Die gesetzliche Einlagensicherung schützt entsprechende Einlagen grundsätzlich bis zu 100.000 Euro je Person und Kreditinstitut. Mehrere Konten bei derselben Bank werden dafür zusammengerechnet. Bei den Sparkassen kommt die Institutssicherung hinzu, die wirtschaftliche Schwierigkeiten eines Mitgliedsinstituts auffangen soll. Die Bundesbank erläutert den gesetzlichen Einlagenschutz, der Sparkassenverband das eigene Sicherungssystem.
Das ist keine unbegrenzte Staatsgarantie. Und es gilt auch nicht automatisch für jedes Wertpapier oder Anlageprodukt, das am Sparkassenschalter angeboten wird. Die Einlagensicherung ist außerdem ein Schutz bei einem Bankausfall, keine pauschale Versicherung gegen jeden Betrug. Aber für das gewöhnliche Guthaben besteht ein gesetzlicher Anspruch. Darin liegt ein erheblicher Unterschied zu der Hoffnung, ein geschädigtes Unternehmen werde schon genügend Geld für einen Ausgleich haben.
Regeln gibt es inzwischen auch für Kryptowerte
Es wäre allerdings zu bequem, die Kryptobranche pauschal zum rechtsfreien Raum zu erklären. Die europäische MiCA-Verordnung bringt Aufsicht und Schutzpflichten mit sich. Erfasste Kryptoverwahrer müssen nach Artikel 75 grundsätzlich für Verluste durch Vorfälle haften, die ihnen zuzurechnen sind.
Das ist ein Fortschritt. Ein Haftungsanspruch allein stellt jedoch noch nicht sicher, dass im Ernstfall genügend Geld vorhanden ist. Die europäischen Aufsichtsbehörden weisen ausdrücklich auf den begrenzten Schutz bei Kryptoanlagen hin. Eine vergleichbare allgemeine Einlagensicherung gibt es für die Kryptowerte selbst nicht.
Für mich zeigt sich hier, weshalb belastbare Institutionen auch in einer digitalen Welt gebraucht werden. In «Wenn die Wirklichkeit schneller ist als der Staat» ging es um die Schwierigkeiten, mit Veränderungen Schritt zu halten. Beim Geld wird sehr konkret, was davon abhängt: Schutz muss tatsächlich funktionieren, wenn ein Versprechen scheitert.
Geld darf langweilig sein
Ich muss nicht jeden technischen Vorgang im Onlinebanking erklären können, um ein Konto zu benutzen. Ebenso wenig muss jeder Kryptokäufer Informatiker sein. Aber verständlich sein sollten die wesentlichen Risiken und die Antwort auf die Frage, wer einen Schaden trägt. Bleibt schon das im Nebel, ist Zurückhaltung vernünftig.
Ein Euro-Guthaben verliert durch Inflation möglicherweise an Kaufkraft. Bei typischen Kryptowährungen kommen erhebliche Kursschwankungen hinzu. Wer bewusst spekulieren möchte, entscheidet deshalb anders als jemand, der eine verlässliche Reserve für Reparaturen, laufende Ausgaben oder den Ruhestand benötigt. Beides unter dem schönen Wort «Geldanlage» zusammenzufassen, verkleinert die Unterschiede nicht.
Ich jedenfalls muss beim Ersparten keine aufregenden Abenteuer erleben. Dafür gibt es Bücher, Filme und gelegentlich schon die Deutsche Bahn. Wenn die Kreissparkasse im Vergleich zur Finanzwelt von morgen ein wenig altmodisch wirkt, kann ich damit gut leben.
Zur wunderbaren Neuen Welt gehört schließlich auch die Freiheit, ihr das eigene Geld vorzuenthalten.
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