Wir hören: »Inflation 2,2 Prozent im Jahr, 1,8 Prozent im Dezember.« Und wir stehen beim Bäcker, zahlen 5 Euro für ein kleines Brot und denken: Ja klar. 1,8. Auf dem Papier. In der Tüte sind es eher 18.
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Das ist kein Widerspruch, das ist ein Perspektivwechsel. Die Statistik misst »nur« eine Veränderungsrate: Wie stark sind Preise im Vergleich zum Vorjahr gestiegen? Unser Alltag misst ein Preisniveau: Was kostet das Leben heute, Punkt. Wenn etwas in den letzten Jahren kräftig teurer wurde und jetzt »nur noch« langsam steigt, bleibt es teuer. Die Rate sinkt, das Plateau bleibt. Übrigens erinnert mich das an ein anderes Thema. Die Politik brüstet sich damit, die Zahl der Migranten erheblich gesenkt zu haben.
Warum stößt das Gefühl so oft auf die amtlichen Zahlen?
Durchschnitt ist nicht unser Kühlschrank
Der Verbraucherpreisindex ist ein großer Korb, der alles mischt: Miete, Energie, Lebensmittel, Dienstleistungen, Tickets, Technik – mit Gewichten, die aus dem Durchschnitt aller Haushalte kommen. Das ist sinnvoll, aber es hat mit unserem persönlichen Leben und unserer Wahrnehmung wenig zu tun.
Wir kaufen nicht »den Durchschnitt«. Wir kaufen das, was für unser Leben elementar ist. Wer viel Geld für Lebensmittel, Bäcker, Drogerie und Wohnen ausgibt, spürt Teuerung dort besonders. Und wer wenig Spielraum hat, erlebt jeden Euro wie einen kleinen Tritt in die Magengrube.
Der Preis, den wir oft sehen, wird zur Wahrheit
Unser Kopf arbeitet wie ein Straßenreporter: Er berichtet von dem, was täglich passiert. Supermarkt, Bäcker, Tanken – das sind die Bühnen, auf denen Preise auftreten. Selten gekaufte Dinge verschwinden im Off.
Dazu kommt: Preissprünge, insbesondere bei wichtigen Lebensmitteln, bleiben im Gedächtnis kleben. Preisstabilität fällt kaum auf. Preisrückgänge gehen selten viral – weder im Netz noch im Kopf.
Dienstleistungen sind zäh
Selbst wenn sich Preise für manche Waren einpendeln: Viele Dienstleistungen bleiben teuer oder die Preise steigen weiter. Und Dienstleistungen sind der Teil des Alltags, bei dem wir nicht ausweichen können, ohne Lebensqualität abzugeben: Handwerk, Gastronomie, viele Wohn-und-Alltagsdienste. Das fühlt sich nicht wie »abflauende Inflation« an. Das fühlt sich an wie ein Preis-»Dauerstress«.
Was läuft also »falsch«?
An der Messung liegt es nicht zwingend. Oft läuft etwas anderes schief: Wir erwarten von der Nennung einer Durchschnittszahl, dass sie unser Leben erklärt. Und wenn sie das nicht tut, vermuten wir (schlechte) Absichten, obwohl es doch die lange übliche Methodik ist.
Das Problem ist weniger die Statistik als die Übersetzung: Zahlen werden, vor allem wenn sie kleiner werden, als Beruhigung verkauft, obwohl sie nur eine Messung zum fraglichen Zeitpunkt sind. Und Beruhigung funktioniert schlecht, wenn der Kassenbon, die Summe dessen, was wir »abdrücken« müssen, widerspricht.
Was wir daraus machen können
Wenn wir Klarheit wollen, brauchen wir zwei Dinge: den Blick aufs Ganze und den Blick auf uns.
Erstens: Wir können die offiziellen Daten nachlesen – nüchtern, ohne allzu niedrig liegender Empörungsschwelle. Zweitens: Wir können unsere eigene »Haus-Inflation« grob prüfen: 10 bis 15 typische Posten, Preise von vor 12 Monaten gegen heute. Das ist keine Wissenschaft, aber es ist Wahrheit im eigenen Maßstab. Haushaltsbücher führen mehr Menschen als man vielleicht glaubt. Wir auch.
Und genau dafür gibt es sogar ein Werkzeug: den persönlichen Inflationsrechner (s. Linkliste). Der ist kein Trostpflaster, sondern eine Lupe. Damit sehen wir, warum unser Gefühl oft höher liegt als der Durchschnitt – und an welcher Stelle es bei uns besonders brennt.
Linksammlung zum Thema


Mein subjektiver Eindruck war, dass der Handel die Corona-Flaute + Ukraine-Krieg als Gelegenheit genutzt hat, die Lebensmittelpreise in Deutschland an die überall sonst in der EU teureren Preise anzugleichen. Die Google-KI bestätigt das:
Konkrete Daten für die einzelnen Lebensmittel und deren Steigerungen pro Jahren und Monaten gibts übrigens beim Statistischen Bundesamt:
https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Preise/Verbraucherpreisindex/Tabellen/sonderauswertung-nahrungsmittel.html
Das Amt macht sich nicht die Mühe, das in einer gut zugänglichen Form zur Verfügung zu stellen. Es ist eine riesige Tabelle, die man sich mit einem Calc-Programm öffnen muss – sehr detailreiche Angaben!
Zum Glück gibt es jetzt KIs wie NotebookLM: Da kann man solche Dokumente hochladen und dann der KI Fragen dazu stellen, spezielle Zusammenfassungen machen lassen und vieles mehr.
@ClaudiaBerlin: Die Frage ist, ob eine Senkung der MwSt. für Grundnahrungsmittel wirklich das bringen könnte, was linke Aktivisten denken. Danke für die interessante Aussage der KI. Ich glaube auch, dass die Lebensmittelgiganten die Chance genutzt haben.
Überall gibt es diese Packungen jetzt, die um einiges leichter sind, ohn daß man es ihnen anmerkt. Cremaufstriche etwa: Da sind jetzt etwa 90 Gramm drin(oder sogar eine noch »krudere« Zahl) und nicht mehr 100 g.
Erreicht wird der optische Schwindel durch geringere Befüllung plus eines Bodens , der sich nur leicht nach oben wölbt ,sodass du es von aussen kaum erkennst. Folge dieser Wölbung ist, dass Du die Creme nicht mehr so leicht aus dem Winkel bekommst.
Am spürbarsten waren für mich bestimmte feine Kräcker, die früher mal 0,99 € kosteten, jetzt 2,99 €. Diese Kräcker waren superlecker, gerade für abends zum Knabbern.
Ich denke, die Fahnenstange ist bei weitem noch nicht erreicht.
Irgendwann bekommst du ein Doppelpack/Vorteilspack Streichcreme zum alten Gewicht.
@Gerhard: Die arbeiten mit allen Tricks. Und das ist einer der perversesten. Verschleiern, betrüben, ausnutzen. Furchtbar, diese Gier.
Gefühlte Teuerung mal mit tatsächlichen Preisen unterlegt:
Ein Roggenbrot 1000g (Bio) kostet derzeit 5,29€ (teuerstes Brot), ohne (Bio) sind es 4,20€ (preiswertestes Brot). Beide vom Bäcker – obwohl auch da nicht sicher ist in wieweit *convenience Ware* eine Rolle beim traditionellen Bäcker schon spielt.
Als wir vor knapp fünf Jahren hierher gezogen sind kostete das gewöhnliche Roggenbrot noch 3,15€. Eine Obstschnitte mußte mit 1,90€ bezahlt werden, mittlerweile sind es 2,80€.
Meine Milch (Schwarzwaldmilch, früher völlig unbehandelt, aber seit Ende letzten Jahres ebenfalls *länger haltbar*!) ist in diesem Zeitraum von 1,60/ltr. auf 2,19/ltr. verteuert worden.
Nehme ich nur die Milch mit einer Preiserhöhung von 1,60 auf 2,19, mithin 0,59€, was einer Steigerung von 37% in 5 Jahren, also ca. 7%/Jahr entspricht. Bei Rentensteigerungen lagen die Prozentwerte um 4%, was keinesfalls die Teurung auszugleichen in der Lage war.
Tatsächlich trügt uns selten das Gefühl:
Die Produkte des täglichen Bedarfs entsprechen nicht dem Warenkorb, der stellt die Situation (offenbar wissentlich!) geschönt dar.
Die Bürger erwarten von der Politik die Wahrheit um Vertrauen zu haben – hier ist einer der Gründe warum die Politik der letzten Jahre kein Vertrauen mehr hat …. und warum die Parolen der Rechten überhaupt verfangen können, besonders bei jenen Menschen die am Rande der Grenze kalkulieren müssen die für sie Abstieg in die Armut bedeuten würde.
OT/Hinweis:
Ich habe noch Einkaufs-Quittungen von den Jahren seit 2002, gesammelt zu je Kontingenten von 6 Monaten …. falls sich da jemand dranmachen möchte die Produkte und Preise tabellarisch aufzuarbeiten …!
@Wolfgang v. Sulecki: Es ist verrückt, wenn man auf eigene Aufzeichnungen zurückgreifen kann und solche Erkenntnisse gewinnt. Dann sieht man, was wirklich abgegangen ist und auch weiter abgeht. Gerhard hat auf den Betrug mit der Verringerung von Verpackungsinhalten hingewiesen. Eine besonders widerwärtige Methode, die Kundschaft zu betrügen.