Der Reiz des ewigen Widerspruchs

Über Journalisten, die sich dauerhaft im Gegenmodus einrichten. Nicht aus Mut, sondern aus Gewohnheit. Beispiele zeigen, wie das bedingungslose Dagegensein zur Marke wird, Fans bindet und Debatten verflacht – laut, wirkungsvoll, aber unerquicklich.

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Dass es Journalisten gibt, die sich mit sichtbarer Lust gegen den Mainstream der eigenen Branche stellen, ist wohl kein neues Phänomen. Widerspruch als Geschäftsmodell. Neu ist eher die Konsequenz, mit der manche dieses Dagegensein kultivieren. Nicht als gelegentliche Korrektur, nicht als notwendiger Stachel im Fleisch, sondern als Haltung, die alles durchzieht. Wer so arbeitet, muss nicht mehr prüfen, nicht mehr abwägen. Die Gegenposition liegt immer griffbereit, wie ein gut eingelaufener Mantel.

Bei Gabor Steingart lässt sich das genau beobachten. Seine Texte und Formate leben von der Erzählung, dass »die da oben« falsch liegen und er es besser weiß. Das kann klug sein, manchmal sogar erhellend. Aber zu oft wirkt es (auf mich) wie ein Ritual: Erst der Alarm, dann die Abgrenzung, dann das wohlige Gefühl, wieder nicht dazugehört zu haben. Das Publikum dankt es mit Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist die härteste Währung. Bei Maischberger heute Abend ist mir Steingart wieder besonders auf die Nerven gegangen. Er bejubelte die Gefangennahme von Maduro und wollte die Tatsache überhaupt nicht gelten lassen, dass die Umstände, die die Mitglieder der US-Regierung zu verantworten haben, höchst fragwürdig und gesetzeswidrig waren. Sofern man sich denn überhaupt noch auf den regelbasierten internationalen Ordnungsrahmen berufen kann. Es geht ja nicht ums Völkerrecht allein, das offenbar bei manchen Regierungen immer weniger Beachtung findet.

Ähnlich verhält es sich bei Henryk M. Broder. Auch hier ist das Gegen-den-Strich-Bürsten zur Identität geworden. Broder schreibt nicht mehr gegen Argumente, sondern gegen Lager. Das gibt Orientierung für Fans, die sich im Gefühl des Angegriffenseins eingerichtet haben. Wer ihm folgt, weiß vorher, wo er landen wird – und genau das scheint den Reiz auszumachen.

Wenn Opposition zur Pose wird

Das Problem beginnt dort, wo Opposition keine Erkenntnis mehr sucht, sondern Bestätigung. Man könnte auch an Julian Reichelt denken, der den Gestus des Tabubrechers perfektioniert hat. Oder an Tichy, dessen publizistisches Umfeld seit Jahren zuverlässig dort steht, wo der Konsens endet – egal, wie brüchig die Faktenlage ist. Das Muster bleibt gleich: Der Mainstream irrt, wir sehen klarer, die anderen verschweigen aus Prinzip oder um der Regierung »gefällig« zu sein.

Mich ermüdet dieses bedingungslose Dagegensein. Nicht, weil ich Harmonie suche. Sondern weil es so vorhersehbar ist und gefährlich. Wer immer dagegen ist, nimmt sich selbst die Möglichkeit, wirklich zu überraschen. Kritik wird zur Pose, Zweifel zur Schwäche, Differenzierung zum Verrat an der eigenen Marke – gefährlich deshalb, weil es die nur zu aufnahmebereiten und dazu ziemlich groß angewachsene Zahl der Verschwörungsanhänger bedient.

Dass solche Figuren, die übrigens alle sehr massiv gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Stimmung machen, treue Anhänger haben, wundert mich weniger, als es mich ärgert. In einer fragmentierten Öffentlichkeit bietet das permanente Kontra denen Halt, die ihre Positionen frei Haus geliefert bekommen müssen, weil sie selbst nicht in der Lage sind, sich eine solche zu erarbeiten. Diese Gruppe von Journalisten liefert allzu häufig einfache Erzählungen in einer nun wirklich nicht einfachen Welt. Verliert Journalismus, der weitgehend aus Gegenrede besteht, nicht etwas Wesentliches: die Neugier auf die Möglichkeit, dass die Wahrheit eben nicht immer dort liegt, wo man selbst sie dank überragender persönlicher Gaben wie Intelligenz und Esprit gestern schon vermutet hatte?

Ich würde gern mal sehen, wie diese Typen abschneiden würden, hätten sie nur ein paar Wochen die leiche Last an Verantwortung zu tragen, die Kanzler und Minister oder auch gewählte Abgeordnete in Bundestag und Landtag schultern.


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2 Gedanken zu „Der Reiz des ewigen Widerspruchs“

  1. Broder fand ich tatsächlich mal eine Zeitlang ganz witzig. Aber wie du schon bemerkest, auf Dauer ermüdet das auch. Es schwingt auch immer die Überheblichkeit einer »Ich bin schlauer als alle anderen« mit. Broder, hat die Kunst der Polemik vergessen, er suhlt sich lieber in Arroganz. Steingart hat ebenso wie Tichy den seriösen Journalismus verlassen, Reichelt ist selbsterklärend in seinem Auftreten. Schade eigentlich, dass die oftmals gerade konservative Journalisten in ihren eigenen Nebelschwaden abdriften.

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