Die Zeiten ändern sich. Wow, was für ein Klischee! So banal, so wahr. In so vielfacher Hinsicht ändern sich Gewissheiten und sogar persönliche Eigenarten, dass man die damit verbundenen Gefühle und deren Veränderungen selbst nicht mehr so leicht verstehen kann. Manchmal genügt ein Wetterbericht, ein bestimmtes Licht am Morgen oder ein Satz, den man irgendwann vor Jahrzehnten schon einmal gehört hat, und plötzlich ist etwas wieder da, von dem man gar nicht wusste, dass man es vermisst.
Früher haben meine Frau und ich uns im Urlaub in den Bergen oder am Meer gern in der Sonne gefletzt. Wir mussten nicht ständig etwas unternehmen, keine Sehenswürdigkeiten abhaken und schon gar keine Schritte zählen. Sonne, Berge, ein schöner Blick – viel mehr brauchten wir nicht.






Im Berner Oberland, in einem kleinen Bergdorf, haben wir viele unserer Urlaube verbracht. Wenn ich heute daran denke, sehe ich diese Landschaft noch ziemlich genau vor mir: die Berge, die morgens manchmal noch halb in den Wolken steckten, die grünen Hänge und dieses besondere Licht, das es dort gab. Und natürlich diese eigentümliche Mischung aus Ruhe und Erwartung, die zu einem Urlaub gehört, wenn noch viele Tage vor einem liegen.
Damit geht es allerdings schon los. Meine Vorliebe für die Schweiz hat sich verändert. Dazu tragen die kritischen Stimmen aus der Schweiz bei, die an unserem Land kaum ein gutes Haar lassen. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, manche Schweizer erfreuten sich ein wenig daran, wie schlecht es hier läuft. Zugegeben: Das ist eine Form von Empfindlichkeit, die ich auch von mir selbst nicht erwartet hätte. Vielleicht sollte man ein Land, in dem man so viele schöne Zeiten verbracht hat, ohnehin nicht mit dem verwechseln, was heute in Kommentarspalten, Zeitungen oder sozialen Medien über Deutschland geschrieben wird. Die Berge können schließlich nichts dafür.
Heute wird vielleicht der letzte wirklich warme Tag dieses außergewöhnlichen Sommers sein. Das Thermometer soll laut Wetterbericht noch einmal über 30 Grad klettern. Heute Morgen sah es überhaupt nicht danach aus. Es war sehr bewölkt und durchaus kühl. Trotzdem haben wir auch heute auf dem Balkon gefrühstückt. Vielleicht gerade deshalb. Man weiß inzwischen, dass solche Morgen nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.
Und da war sie plötzlich wieder, diese Erinnerung an unsere Schweiz-Urlaube. Wenn wir damals spät dran waren und erst Ende August oder sogar im September ins Berner Oberland fuhren, konnte uns eine Meldung im Schweizer Wetterbericht zuverlässig die Laune verderben: Der Sommer ist vorbei. Oder etwas ähnlich Endgültiges.
Was für eine Schreckensnachricht das damals war! Man hatte Urlaub, wollte draußen sitzen, Sonne haben, vielleicht noch ein paar warme Tage erwischen – und dann verkündete irgendein Schweizer Wetterfrosch mit der Gelassenheit dessen, der persönlich nichts dafür konnte, dass es das nun gewesen sei. Sommer vorbei. Fertig. Bis nächstes Jahr.
Heute würde dieselbe Nachricht bei mir vermutlich ganz andere Gefühle auslösen. Nach diesem Sommer vielleicht sogar Erleichterung. Uns waren diese vielen Tage mit Temperaturen über 30 Grad jedenfalls zu viel. Es war anstrengend, die Wohnung heizte sich auf, und unser Ventilator absolvierte Überstunden. Von jener früheren Begeisterung für jeden zusätzlichen Sonnentag ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben.
Vielleicht liegt darin überhaupt das Merkwürdige am Älterwerden. Nicht nur die Welt verändert sich, sondern auch die Maßstäbe, mit denen wir sie betrachten. Was früher eine schlechte Nachricht war, kann Jahrzehnte später beinahe wie eine Verheißung klingen.
Und trotzdem: Wenn ich an diese Urlaube im Berner Oberland zurückdenke, würde ich gern noch einmal dort sitzen. An einem dieser Spätsommertage, an denen die Sonne schon tiefer steht und die Abende merklich kühler werden. Vielleicht mit einer Tasse Kaffee oder Ovomaltine als alternativem Warmgetränk vor uns und den Bergen gegenüber. Noch einmal dieses Gefühl haben, dass der Urlaub gerade erst begonnen hat und noch alles vor uns liegt.
Der Sommer ist vorbei.
Damals wollten wir diesen Satz nicht hören. Heute macht mich weniger der Sommer wehmütig als die Zeit, die seitdem vergangen ist.
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