Die falsche Bühne: Warum Eskens Höcke-Kritik der AfD nützt und das auch „jeder“ weiß

4. Juni 2026
5 Min.

Saskia Eskens Kritik am Höcke-Podcast trifft zwar einen wunden Punkt. Doch ihr Aufruf zum Werbeboykott liefert der AfD genau das Material, aus dem sie ihre Opfererzählung baut. Gegen Rechts hilft keine Abschirmung, sondern offene, harte Auseinandersetzung.

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Die falsche Bühne

Es gibt politische Reflexe, die sind verständlich. Und es gibt politische Reflexe, die sind trotzdem falsch. Saskia Eskens Reaktion auf das viereinhalbstündige Interview mit Björn Höcke gehört für mich in diese zweite Kategorie.

Ja, Höcke ist kein harmloser Konservativer mit Thüringer Heimatduft und bürgerlichem Sonntagslächeln. Er ist einer der radikalsten Köpfe der AfD. Seine Sprache ist kalkuliert, seine historischen Anspielungen sind kein Zufall, seine Provokationen folgen einem Muster. Wer das verharmlost, macht sich selbst etwas vor.

Aber gerade deshalb muss man präzise bleiben. Gerade bei Höcke. Gerade bei der AfD. Gerade jetzt.

Der falsche Reflex

Saskia Esken kritisierte, dass Höcke in einem langen Podcast unkommentiert reden durfte. Sie fordert Unternehmen auf, ihre Werbung in diesem Umfeld zu überprüfen und zu stoppen. Das klingt nach Haltung. Tatsächlich aber klingt es für viele nach Bevormundung.

Man muss das nicht ertragen, dass ein Faschist – finanziert durch den Werbeetat des eigenen Unternehmens – unwidersprochen vom geplanten Mord am deutschen Volk fabulieren darf. Oder was er da noch alles ausgebreitet hat. Ich sag mal: Blacklisting hilft.

Quelle – Saskia Esken bei Insta

Und genau hier beginnt das Problem.

Denn wer so reagiert, verschiebt die Debatte. Plötzlich geht es nicht mehr um Höckes politische Sprache, seine völkischen Denkfiguren oder die autoritären Träume der AfD. Plötzlich geht es um die Frage, ob man solche Gespräche überhaupt führen darf. Ob Bürgerinnen und Bürger mündig genug sind, sich selbst ein Bild zu machen. Ob Politik ihnen vorher sagen muss, was sie besser nicht hören sollten.

Wieder ein Geschenk an die AfD. Mit Schleifchen. Und Rückgaberecht ausgeschlossen.

Der Streisand-Effekt lässt grüßen

Die Kommentare unter Eskens Beitrag zeigen genau das. Fast geschlossen wenden sie sich gegen sie. Nicht gegen Höcke. Nicht gegen das Interview. Nicht gegen die Inhalte. Sondern gegen den Versuch, diese Bühne wirtschaftlich zu isolieren.

Man muss diese Kommentare nicht schönreden. Da ist viel Wut, viel Häme, viel persönliche Niedertracht. Manche Angriffe gegen Esken sind unterirdisch. Rücktrittsforderungen, Spott über Aussehen, Auftreten oder Rhetorik – das ist keine Debatte, das ist digitaler Kirmeslärm mit Schaum vorm Mund.

Aber unter diesem Lärm liegt ein Punkt, den Demokraten ernst nehmen sollten: Viele Menschen wollen nicht, dass Politik ihnen vorschreibt, welche Gespräche sie für gefährlich zu halten haben. Sie wollen hören, prüfen, widersprechen, zustimmen, sich ärgern. Sie wollen nicht pädagogisch vorsortiert werden.

Dieser Wunsch ist nicht automatisch rechts. Er ist zunächst einmal demokratisch.

Höcke stellen, nicht abschirmen

Ein unkritisches, stundenlanges Interview mit Höcke kann problematisch sein. Natürlich. Wer einem politischen Extremisten so viel Raum gibt, trägt Verantwortung. Neutralität ist nicht automatisch journalistische Tugend. Manchmal ist sie nur Bequemlichkeit mit Mikrofon.

Aber die Antwort darauf kann nicht sein, Werbekunden an den Pranger zu stellen. Die bessere Antwort wäre: Schaut euch das Gespräch an. Prüft die Aussagen. Zerlegt die Behauptungen. Konfrontiert Höcke mit Fakten. Zeigt, wo er ausweicht, wo er beschönigt, wo er Geschichte als Steinbruch benutzt.

Demokratie ist keine Schutzfolie. Sie ist eher eine alte Werkbank. Verkratzt, benutzt, manchmal voller Späne. Aber auf ihr kann man arbeiten. Auch hart. Auch laut.

Die SPD müsste es besser wissen

Die AfD lebt von der Erzählung, dass „das System“ ihre Stimmen unterdrücke. Jeder Boykottaufruf, jede Empörung über eine Bühne, jedes „Das darf man doch nicht senden“ wird dort sofort in politisches Brennmaterial verwandelt.

Die SPD müsste das wissen. Sie müsste wissen, dass man die AfD nicht kleiner macht, indem man sie zum verbotenen Gegenstand erklärt. Man macht sie kleiner, indem man ihre Antworten als das zeigt, was sie sind: einfache Parolen für komplizierte Wirklichkeiten.

Migration, Sicherheit, überforderte Kommunen, Wohnungsnot, Abstiegsangst, ein Staat, der oft müde wirkt – das sind reale Themen. Wer darauf nur mit moralischem Hochstand antwortet, darf sich nicht wundern, wenn unten niemand mehr zuhört.

Offene Debatte ist kein Geschenk an Rechte

Ich will Höcke nicht hofieren. Ich will ihn stellen. Das ist ein Unterschied.

Und ich will nicht, dass Demokraten ausgerechnet dort schwach werden, wo sie stark sein müssten: im Vertrauen auf mündige Bürger. Ich sage das, obwohl ich gerade im Moment meine Zweifel an ihrer generellen Präsenz habe. Aber: Wer Höcke hört, wird nicht automatisch Höcke-Wähler. Wer Höcke interviewt, ist nicht automatisch sein Komplize.

Wer aber jede Bühne zum Skandal erklärt, hilft am Ende genau jener Bewegung, die sich seit Jahren als verfolgte Wahrheit inszeniert.

Saskia Esken wollte ein Zeichen gegen Rechts setzen. Herausgekommen ist ein weiteres Beispiel dafür, wie der Kampf gegen Rechts sich selbst schwächt, wenn er nach Bevormundung klingt.

Esken hat viele beschämt und klein gemacht.

Die AfD muss politisch bekämpft werden. Mit Fakten. Mit Haltung. Mit Widerspruch. Mit besseren Antworten. Aber nicht mit dem Eindruck, dass man Gespräche verhindern will, weil man dem Publikum nicht traut.

Denn Demokratie beginnt nicht dort, wo alle das Richtige hören.

Sie beginnt dort, wo wir dem Falschen widersprechen können. Öffentlich. Laut. Ohne Angst vor der offenen Debatte.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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