Ein historischer Irrtum und seine Folgen für Großbritannien

Es war der größte Fehler, den dieses Land seit dem Krieg gemacht hat. Mit diesen deutlichen Worten meldet sich Sir Michael Morpurgo zu Wort und spricht damit vielen Briten aus der Seele, die heute, im Frühjahr 2026, auf die Trümmer einer einst stabilen europäischen Partnerschaft blicken. Morpurgo, dessen Werk oft die tiefen Wunden der Geschichte thematisiert, sieht im Brexit eine lächerliche Entscheidung, die weit über den Handel hinausgeht. Er beschreibt den Austritt als einen Akt, bei dem man den Nachbarn mutwillig den Rücken gekehrt hat – nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem kulturell.

Die Stimme der Vernunft in einer lauten Zeit

Michael Morpurgo

„Es war der größte Fehler, den dieses Land seit dem Krieg gemacht hat. Da habe ich überhaupt keinen Zweifel. Ich meine, unseren Nachbarn auf diese Weise den Rücken zu kehren – nicht nur in Bezug auf den Handel, sondern auch auf die Kultur und alles andere – das war eine lächerliche Entscheidung.

Wir hatten eine Vereinbarung mit Europa, die aus etwas sehr Wichtigem entstand: Sie entstand aus dem Krieg. Das war letztendlich der Grund, warum sich Franzosen und Deutsche zusammenschlossen und sagten: ‚Schaut her, lasst uns diese Sache machen, lasst uns gegenseitig Waren verkaufen, anstatt Bomben aufeinander zu werfen.‘ Ich hielt das für eine ziemlich anständige Idee, und wir waren ein Teil davon – und wir sind weggegangen.

Ich denke, wir müssen uns viel, viel enger annähern. Wie wir wieder beitreten, wird natürlich die Sache der Politiker sein, da kann ich mich nicht einmischen. Aber was ich sagen kann, ist, dass wir irgendwie verstehen müssen: Wenn wir einen Fehler machen, ist es eine wirklich gute Idee, ihn zuzugeben und sich zu ändern.“

Sir Michael Morpurgo

In seinem bewegenden Statement erinnert Morpurgo daran, dass die europäische Idee ursprünglich aus den Ruinen des Krieges erwuchs. Franzosen und Deutsche beschlossen damals, lieber Waren zu verkaufen, als Bomben aufeinanderzuwerfen. Diesen „anständigen Plan“ habe Großbritannien leichtfertig aufgegeben. Morpurgos Appell ist so simpel wie schmerzhaft: Wenn man einen Fehler macht, ist es eine verdammt gute Idee, ihn zuzugeben.

Politische Realität und das Erstarken der Rechten

Doch während die kulturelle Elite zur Umkehr mahnt, steuert die politische Landschaft in eine ganz andere Richtung. Nigel Farage und seine Partei Reform UK erleben derzeit einen massiven Höhenflug. In aktuellen Umfragen liegen sie bei rund 27 % bis 30 % und fordern die etablierten Kräfte massiv heraus. Farage nutzt die Frustration über die wirtschaftliche Lage geschickt für sich: Er behauptet, der Brexit sei nicht gescheitert, sondern lediglich von der Regierung nicht konsequent genug umgesetzt worden. Diese Rhetorik verfängt in weiten Teilen der Bevölkerung, die sich von der aktuellen Labour-Regierung unter Keir Starmer im Stich gelassen fühlen.

brexit morpurgo reflexion
brexit morpurgo reflexion

Die wirtschaftliche Bilanz eines Irrtums

Die harten Fakten stützen Morpurgos These vom historischen Fehler. Schätzungen für das Jahr 2026 zeigen, dass das britische Bruttoinlandsprodukt um etwa 6 % bis 8 % niedriger ausfällt, als es ohne den Brexit der Fall wäre. Die Lebenshaltungskosten sind durch Zollbarrieren und eine schwache Währung explodiert, was die Reallöhne massiv drückt. Trotz der offensichtlichen Schäden wagt es derzeit kaum eine der großen Parteien, eine echte Rückabwicklung des Brexit zu fordern. Die politische Angst vor einer weiteren Spaltung des Landes ist schlichtweg zu groß. So bleibt Großbritannien vorerst in einem Schwebezustand zwischen der Sehnsucht nach alter Stärke und der harten Realität der Isolation gefangen.

Was will Farage?

Kernpositionen

  • Massenabschiebungen und radikale Einschränkung von Einwanderung und Asyl
  • Antiislamische und fremdenfeindliche Rhetorik: Migranten werden als Bedrohung der nationalen Identität dargestellt
  • Populismus gegen „Eliten“: Farage inszeniert sich als Kämpfer des „einfachen Volkes“ gegen eine sinistre Elite
  • Ablehnung von Klimaneutralität und EU-Institutionen

So vollkommen fremd kommen einem diese Punkte nicht vor. Alles aus dem gleichen braunen Topf.

Dass die Folgen der Lügen und Machenschaften rechtsextremer Parteien auch ohne ausdrücklichen Hang zum Faschismus gefährliche Tendenzen für ein prosperierendes Zusammenleben haben, sollten allmählich auch die letzten begriffen haben, spätestens nach Trumps Auftritt und Wirken. Stattdessen wachsen die Umfrage- und Wahlergebnisse der AfD weiter.

Ich frage mich längst, ob noch eine Balance zwischen Sorgen, Unmut über die Zustände in Deutschland und Dummheit existiert oder ob der Rest (noch sind es ca. 80 %) sich den brutalen Risiken der augenscheinlich unvermeidlichen rechtsextremen Regierungsbeteiligung aussetzt. An diejenigen, die vorhaben, ihr Frustkreuz auf dem Wahlzettel bei der AfD zu machen: Sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt!

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

10 Kommentare zu „Ein historischer Irrtum und seine Folgen für Großbritannien“

  1. Das Problem auch hier ist das vorgestrige Denken der Gesellschaft, bzw. dem was Thatcher davon übrig ließ und die bestehenden Narrative aus der Vorzeit.
    Wenn Du wie die Amis denkst, dort geboren zu sein, wo Gott die Welt geküsst hat und aufgewachsen und stolz drauf bist, dass Du Bestandteil der einzigen europäischen Supermacht und des Common Wealth bist, dann erscheint Dir Europa nur als zehntbeste Option, die man nutzt, wenn gar nichts Anderes mehr greifen sollte.
    Die Realität war indes schon immer eine Andere. Da hätte man von der Entstehungsgeschichte Harry Potters lernen können.

    GB war, schon lange bevor D der Pinscher der USA wurde, ihr Pudel. Ich war Ende der 80er das erste Mal auf der Insel und habe dementsprechend ein paar Erfahrungen dort gemacht.
    Die renommierte Oxford Street, wo Du knietief im Burgerdreck versunken bist, die 2 Klassenpost, wobei die 2. Klasse mitunter eher ankam, als die erste, wohl, weil gerade irgendein Streik da war. Stinknormale Rentner, die sich mit Zeitungspapier zum Schlafen in irgendwelche Hauseingänge legten. Essig über allem, was nur nach Kartoffel roch und German Bash in jeder Kleinstadt.
    Dafür hat man Engländer erlebt, die sogar stilvoll saufen konnten (Pub) ohne gleich den Laden zerlegen zu müssen. Natürlich gab es auch Schlägereien, aber wegen den üblichen 2F Themen. Frauen & Fußball. Die haben sich dann zwar fürchterlich verprügelt, aber im Anschluss ein Bier gemeinsam getrunken. Die Supermärkte hatten dort damals schon Treuepunkte, Bingolosscheine und den ganzen Quatsch, den man hier erst seit 20 Jahren kennt.
    Wenn Du dort, wie in D, beim Billard um die 8 gespielt hast, konntest Du erleben, wie eine kleine, zierliche Engländerin zum Tyrannosaurus Rex mutierte und Du wusstest, wie dieses Land eine der gefürchtetsten Seeräuberkolonien der Welt wurde.
    Wenn Du zum Dart nicht die 25 Pfund Einsatz mitbrachtest, musstest Du rennen. Am besten bis ans Ende der Welt.

    Die Globalisierug indes haben die auf der Insel anders begriffen. Ein Richi Sunak erschien fast undenkbar, war aber bereits schon Bestandteil des Establishments.

    Ein Engländer fühlt sich im Übrigen auch heute noch englisch, nicht britisch.

    Dazu hat aber schon der Wischmeyer vor 40 Jahren alles schon gesagt.

    Quo Vadis? Lediglich als rechte Hand der Amis werden sie wohl eher weniger gut auskommen. Dem zum Trotz wollen die französischen Flüchtlinge via Calais immer noch lieber nach Dover, als nach Paris, trotz frankophilem Hintergrund.

  2. „brauen“Topf ist gut! 😉

    Geschichtsumschreibung, was ja in dem Artikel mitschwingt, ist ja vielerorts im Gange.
    Du kannst ein Ereignis auf 1001 Arten beschreiben und nach-deuten. Das ist in gewissser Weise frustrierend für mich.

    • @Gerhard: Das war früher auch so, daher ist das mit den verlässlichen Quellen immer so eine Sache und daher sind Forensik und Archäologie so wichtig.
      Neu ist, dass KI die Geschichte umschriebt, auch gerne die aktuelle Geschichte.
      Die Folge ist für mich als Interessierter an guten und schlechten Geschichten natürlich auch mitunter schön: Du bekommst jede Menge Scifi frei Haus.

      Für Leute, die aber keine Zeit und Muße finden, sich mit den ganzen Dingen, neben ihrem Alltag, zu beschäftigen, ist die Mischung aus Fakten, Fiktion, Polizeiberichten, Bildern (der letzten 100 Jahre) und Inszenierung allerdings fatal. Das wirkt, wie Esoterik. Irgendwann vertraust Du eher der Einhornessenz, als Deinen Freunden und das Wissen, was Du schon hattest, wird egal und verbannt.

      Wenn es mit KI geschieht, ist „man“ jedoch fein raus. Softwarefehler, da kann man nix machen! Nun sind aber die Lehrmaterialien für das Grund- und Allgemeinwissen in der Regel öffentlich, auch jenseits von Wikipedia. Da lässt sich trefflich manipulieren.
      George Orwell hat sowas ja schon vorausgesehen, wenn auch anders.

      Irgendwann dürfte es in naher Zeit selbst Wissenschaftlern schwer fallen, die Realität zu erklären. Abgesehen davon, bräuchte es dann noch Leute, die da zuhören und das auch noch für voll nehmen können.

      Frei nach „Zurück in die Zukunft“ (Film, 1985): „Warum ist es für Euch in der Zukunft so wichtig, ob etwas echt ist?“ Und das betraf nur den Sprachgebrauch.

    • @Juri Nello:

      Das war früher auch so, daher ist das mit den verlässlichen Quellen immer so eine Sache

      Sicher, ich habe da immer den Film von Kurosawa, Rashomon, im Kopf. Jeder der beteiligten Personen erzählt eine etwas andere Geschichte, was sich zugetragen hatte.

  3. Mir scheint der innere Zusammenhalt der Gesellschaften immer stärker zu verschwinden.

    Ob der jemals so wirklich da war? Man verklärt einiges, wenn man anekdotisch darüber nachdenkt.

    Die Meinungseinfalt von heute ist getrieben von US-amerikanischen Zeitgeistformen, die direkt manipulativ ausgerichtet sind (was kein Wunder ist, da jedes digitale Geschäftsmodell als Monopol ausgelegt ist).
    Das ist in fast allen westeuropäischen Ländern der Fall, ergo manifestiert sich das überall ähnlich.

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