Der Ton wird rauer. Das ist keine besonders neue Erkenntnis. Neu scheint allerdings zu sein, dass manche diesen rauen Ton erst dann richtig bemerken, wenn er die eigene Seite trifft.
In der »analyse & kritik« (ak) lese ich einen Beitrag über die Reaktionen auf den Berliner Wahlerfolg der Linken. Dort ist von einer »Kampagne« die Rede, von »Lügen, Verzerrungen« und einer »Schmutzkampagne«. Einige der Beispiele, auf die sich diese Kritik bezieht, sind tatsächlich derart überzogen, dass man sich fragt, ob in Berlin gerade sämtliche Sicherungen durchgebrannt sind.
Wer hat eigentlich angefangen?
Trotzdem ertappe ich mich bei einem gewissen Unbehagen. Vielleicht sogar bei etwas Schadenfreude, obwohl die bekanntlich kein besonders sympathischer Ratgeber ist.
Denn die Klage klingt mir ein bisschen zu larmoyant.
Seit Jahren erleben wir eine politische Debatte, in der nicht nur Argumente ausgetauscht, sondern Menschen und Parteien moralisch einsortiert werden. Rechts, rechtsradikal, rechtsextrem, neoliberal, menschenfeindlich, rassistisch, faschistisch – das Arsenal ist gut gefüllt. Und selbstverständlich habe auch ich kräftig hineingegriffen. Wer mein Blog kennt, weiß, dass ich insbesondere mit der AfD nicht zimperlich umgegangen bin.
Ich werde jetzt bestimmt nicht so tun, als hätte ich immer nur mit dem Florett gefochten.
Gerade deshalb erscheint mir die gegenwärtige Empörung bemerkenswert.
Unterschiedliche Maßstäbe?
Natürlich gibt es Grenzen. Lügen bleiben Lügen, persönliche Diffamierungen bleiben unanständig und Antisemitismusvorwürfe dürfen nicht zur beliebig einsetzbaren politischen Waffe werden. Das gilt gegenüber der Linken genauso wie gegenüber CDU, SPD, Grünen oder AfD.
Aber vielleicht gehört zu dieser Erkenntnis noch eine zweite: Wer selbst jahrelang politische Gegner mit größtmöglicher moralischer Schärfe behandelt hat, kann schlecht überrascht sein, wenn irgendwann mit ähnlicher Münze zurückgezahlt wird.
Ich habe mich erst vor wenigen Monaten gefragt, ob wir in unserer Demokratie mit zweierlei Maß messen. Damals ging es ausdrücklich um Linke und AfD und darum, wie unterschiedlich wir mit politischen Rändern umgehen. Die Frage gefällt mir noch immer nicht. Aber sie verschwindet eben auch nicht dadurch, dass man sie für ungehörig erklärt.
Und auch meine Kritik an den rechten Medien war alles andere als zimperlich. In meinem Beitrag über die angebliche linksgrüne Mediendominanz habe ich Springer, Nius, Tichy und andere ziemlich deutlich angefasst.
Das Florett liegt längst im Schrank
Vielleicht wäre deshalb etwas weniger Wehleidigkeit auf allen Seiten angebracht.
Die politische Auseinandersetzung in Deutschland ist härter, persönlicher und moralischer geworden. Dazu haben Rechte ihren Teil beigetragen. Linke aber eben auch. Und wir anderen, die wir täglich kommentieren, bloggen und uns in den sozialen Medien herumtreiben, sollten nicht so tun, als hätten wir damit nichts zu tun.
Ich jedenfalls nicht.
Wer mit dem Säbel austeilt, sollte sich nur nicht plötzlich darüber beklagen, dass die anderen das Florett ebenfalls längst in den Schrank gestellt haben.
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