Erst verstehen, dann urteilen

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Ich finde, ich bin nicht offen genug und zu schnell auf der Palme, wenn ich auf abweichende Meinungen stoße. Ich gebe mir Mühe, anders zu reagieren und mich insofern auch ein Stück weit zu ändern. Das gelingt mir allerdings nur temporär und längst nicht in dem Maße, wie ich es selbst für richtig und eigentlich auch für normal halte. Vielleicht bin ich damit nicht allein. Ich frage mich jedenfalls schon viel länger, wohin die Verweigerung führt, die ich bei sehr vielen Nutzern sozialer Netzwerke feststelle – rechts wie links. Menschen werden blockiert, weil man ihre Ansichten nicht ertragen möchte. Medien werden nicht mehr gelesen, weil sie angeblich zum falschen politischen Lager gehören. Ich bin es so leid, obwohl ich weiß, selbst Bestandteil einer Blase zu sein.

Nicht zuletzt denke ich dabei auch an die Folgen, an den grandiosen Misserfolg, den Ausgrenzung (u.a. Brandmauer) bei uns hervorgebracht hat. Das muss sich wieder ändern. Solche Vorstellungen sind auch Produkt der Art von Diskussionen, die geführt werden.

Interviews, Diskussionen oder Gespräche werden gar nicht erst angehört, weil man den Gast kennt und deshalb offenbar auch schon weiß, was er sagen wird. Bei Ben war Ulf Poschardt in einem dieser berüchtigten Gespräche zu Gast. Ich weiß nicht, wem ich mit diesem Hinweis einen Anstoß geben könnte, dem Format überhaupt eine Chance zu geben. Wohl niemandem. Aber genau darum geht es mir.

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Die Verweigerung ist gefährlicher als der Streit

Man darf seine Meinung haben und die eigene Haltung hart verteidigen. Eine Gesellschaft hält Streit aus. Übrigens schon allein deshalb, weil viele Menschen solche Zwistigkeiten überhaupt nichts bedeuten und sie sich deshalb nicht beteiligen. Sie muss den Streit sogar aushalten, wenn sie demokratisch und offen bleiben will. Das sind doch die Werte, auf die wir viel geben bzw. die wir nicht verlieren möchten!? Was sie auf Dauer vermutlich schlecht verträgt, ist eine Verweigerung jedes Gesprächs. Natürlich gibt es Menschen, denen man nicht zuhören möchte, und niemand ist verpflichtet, sich beleidigen, beschimpfen oder mit immer demselben Unsinn traktieren zu lassen. Dafür gibt es in sozialen Netzwerken völlig zu Recht die Möglichkeit, jemanden zu blockieren. Aber inzwischen scheint mir daraus etwas anderes geworden zu sein. Menschen werden nicht nur wegen ihres Verhaltens ausgeschlossen, sondern wegen ihrer Ansichten oder manchmal allein deshalb, weil sie einem bestimmten politischen Lager zugerechnet werden oder für ein bestimmtes Medium tätig sind. Dann braucht man Poschardt gar nicht mehr zuzuhören. Man kennt ihn ja. Ebenso wenig muss man einen Grünen, Linken, AfDler oder sonst wen anhören. Die Schublade (mit Vorhängeschloss, sprich Blocken) ersetzt die Auseinandersetzung. Das ist bequem und spart Zeit. Aber für eine Gesellschaft kann es nicht gesund sein.

Vielleicht haben wir etwas ziemlich Banales verlernt: Ich kann jemandem zuhören und ihn anschließend immer noch fürchterlich finden. Ich kann einen Gedanken interessant finden, obwohl ich zehn andere desselben Menschen ablehne. Ich kann sogar feststellen, dass jemand, den ich politisch überhaupt nicht leiden kann, in einem bestimmten Punkt recht hat. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Stattdessen scheint zunehmend die Vorstellung zu herrschen, schon das Anhören einer bestimmten Position könne als Zustimmung verstanden werden. Wer mit den Falschen redet, macht sie angeblich hoffähig. Wer einen Link teilt, unterstützt dessen Urheber. Wer bei einem politischen Gegner einen vernünftigen Gedanken entdeckt, gerät beinahe selbst unter Verdacht. Wohin soll das führen?

Menschen sind komplizierter als ihre Posts

Gerade deshalb gefallen mir (wie sehr vielen anderen) längere Gesprächsformate. Nicht weil dort automatisch klügere Dinge gesagt würden, sondern weil ein langes Gespräch etwas ermöglicht, was ein kurzer Post, ein Videoschnipsel oder eine möglichst empörende Schlagzeile kaum leisten kann: Menschen werden komplizierter. Man hört Widersprüche, Unsicherheiten, manchmal Abschweifungen und gelegentlich sogar Selbstkorrekturen. Vielleicht hört jemand Poschardt zwei Stunden zu und stellt hinterher fest: Der Kerl ist tatsächlich genauso schlimm, wie ich dachte. Auch das ist ein Ergebnis. Vielleicht denkt ein anderer aber: Bei vielem widerspreche ich ihm, doch dieser eine Gedanke war gar nicht so bescheuert. Schon das wäre etwas. Es würde jedenfalls bedeuten, dass das Urteil am Ende des Gesprächs steht und nicht schon vor seinem Beginn feststand. Arbeitet der Mann etwa an einer Chance, seine Reputation zu verbessern oder handelt er aus Überzeugung? Ich tendiere zu Letzterem.

Genau das scheint mir in sozialen Netzwerken immer häufiger verloren zu gehen. Wir reagieren auf Namen, Etiketten und Zugehörigkeiten und immer weniger auf das tatsächlich Gesagte. Die einen präsentieren sich gegenseitig die dümmsten Aussagen der Linken als Beweis dafür, dass die ganze politische Linke verrückt geworden sei. Auf der anderen Seite funktioniert es genauso: Eine besonders absurde oder widerwärtige Äußerung von rechts wird zum Beleg dafür, was »die Rechten« insgesamt denken. So bestätigen sich beide Lager Tag für Tag ihre schlimmsten Vorstellungen voneinander. Algorithmen helfen dabei kräftig mit, denn Empörung ist nun einmal spannender als ein vernünftiger Einwand. Irgendwann leben Menschen im selben Land und haben doch den Eindruck, von vollkommen unterschiedlichen Wirklichkeiten umgeben zu sein.

Wie normalisiert man eine Gesellschaft?

Mit »normalisieren« meine ich ausdrücklich nicht, dass alle in eine ominöse politische Mitte rücken und ihre Überzeugungen abschleifen sollen. Eine lebendige Gesellschaft braucht unterschiedliche Interessen, Weltanschauungen und Temperamente. Normal wäre für mich etwas viel Bescheideneres: einander widersprechen zu können, ohne einander sofort die moralische oder menschliche Legitimität abzusprechen. Eine liberale Gesellschaft muss Zumutungen aushalten. Nicht jede Meinung verdient Respekt, Menschen schon. Natürlich gibt es Grenzen. Rassismus, Gewaltfantasien oder bewusste Lügen werden nicht dadurch akzeptabel, dass jemand »Meinungsfreiheit« darüber schreibt. Aber wenn wir diese Grenzen immer weiter in das normale politische Meinungsspektrum hineinziehen, bleibt irgendwann kaum jemand übrig, mit dem wir überhaupt noch reden können.

Dann sitzen die Rechten in ihrer Blase und erklären sich gegenseitig, wie verrückt die Linken geworden sind. Die Linken sitzen in ihrer und erklären sich gegenseitig, wie gefährlich die Rechten sind. Beide Seiten präsentieren sich als die Vernünftigen, während draußen angeblich nur noch Idioten, Extremisten und moralisch fragwürdige Gestalten herumlaufen. Das Merkwürdige daran ist: Beide halten sich für die Normalen. Vielleicht beginnt gesellschaftliche Normalisierung deshalb nicht bei den anderen, sondern bei einem selbst. Das ist der unangenehme Teil der Sache. Ich merke jedenfalls, wie schnell ich manchmal urteile, wie schnell mich bestimmte Aussagen auf die Palme bringen und wie schwer es mir anschließend fällt, noch einmal zurückzugehen und mich zu fragen: Was hat der Mensch eigentlich genau gesagt? Könnte wenigstens ein Teil davon stimmen? Warum ärgert mich dieser Gedanke überhaupt so sehr? Zuletzt bin ich ausgeflippt (aber richtig!), weil mir jemand erzählt hat, dass es keinen Klimawandel gebe und die Feuer das Ergebnis von Brandstiftung gewesen seien. Ich dachte, ich bekomme einen Infarkt …

Anhören, anschauen und nachdenken bedeutet nicht, eigene Überzeugungen aufzugeben oder plötzlich alles verständnisvoll abzunicken. Im Gegenteil. Wer einer Gegenposition zuhören kann, ohne Angst davor zu haben, besitzt vielleicht sogar die gefestigtere Überzeugung. Erst verstehen, dann urteilen. Und verstehen nicht mit „zustimmen“ verwechseln. Eine Demokratie braucht keine Menschen, die sich alle mögen. Sie braucht Menschen, die einander noch zuhören können, obwohl sie sich manchmal fürchterlich auf die Nerven gehen. Wenn wir nur noch mit denen reden wollen, deren Antworten wir ohnehin schon kennen, wird es still in unseren jeweiligen Blasen. Und draußen immer lauter.

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