Erbärmlich, erbärmlicher, WELT-Leser …
So eine Zeile ist ungehobelt und lässt den Sinn für Differenzierung vermissen. Gewiss! Aber es geht um Springer und die Art, wie dort eigentlich schon immer unsere Welt vergiftet wird. Sie haben diese Profession längst vervollkommnet und das notwendige Personal ausgebildet. Dass die besonders tauglichen Hetzer von dort zu anderen, noch rechteren Medien übergelaufen oder auf sonstigen Wegen abgerutscht sind, dürften politisch interessierte Menschen registriert haben.
Ich habe gewiss kein Problem damit, Annalena Baerbock zu kritisieren. Ihre Zeit als Außenministerin bot dafür genügend Stoff, und auch ihre Amtsführung als Präsidentin der UN-Generalversammlung muss nicht deshalb für großartig erklärt werden, weil die Frau von den Grünen kommt und ihre Gegner mitunter völlig durchdrehen. Gerade gibt es wieder einen konkreten Anlass: Russland und die USA werfen Baerbock vor, sich beim Verfahren zur Wahl des nächsten UN-Generalsekretärs in Kompetenzen des Sicherheitsrats eingemischt zu haben. Die USA sprechen von einer Kompetenzüberschreitung, Russland kritisiert ihr Vorgehen ebenfalls. Das ist eine politische Auseinandersetzung, über die man reden kann und sollte. Die UN-Charta weist dem Sicherheitsrat bei der Auswahl tatsächlich eine entscheidende Rolle zu: Die Generalversammlung ernennt den Generalsekretär auf Empfehlung des Sicherheitsrats. Andererseits ist die Präsidentin der Generalversammlung keineswegs völlig unbeteiligt; Baerbock und der jeweilige Präsident des Sicherheitsrats haben das Auswahlverfahren gemeinsam eröffnet, und die öffentlichen Kandidatendialoge gehören ausdrücklich dazu. (DIE WELT)
Wer nun allerdings die Kommentare unter dem WELT-Artikel liest, könnte meinen, diese ziemlich interessante institutionelle Frage spiele überhaupt keine Rolle. Stattdessen begegnen einem „Trampolinchen“, „Nichtskönnerin“, „Clown:in“, „berufsscheiternde Gestalt“, „Tal der Ahnungslosen“, „Völkerrechterin“ und natürlich die „personifizierte Kompetenzüberschreitung“, weil sie angeblich überhaupt keine Kompetenz besitze. Einer fragt, wo Baerbock künftig „Schaden anrichtet“, ein anderer hofft, dass sie nach ihrer Amtszeit arbeitslos wird. Ein besonders geistreicher Zeitgenosse fantasiert sie unter einer Burka nach Kabul und lässt sie einmal im Monat zum Friseur nach Istanbul fliegen. Haha. Was haben wir gelacht.
Kritik wäre durchaus möglich
Das eigentlich Ärgerliche an dieser Art von Kommentaren ist nicht die Ablehnung Baerbocks. Ich teile manches an ihrer Politik nicht und habe auch mit bestimmten Formen ihres öffentlichen Auftretens meine Schwierigkeiten. Aber genau deshalb wäre eine vernünftige Debatte interessant. Hat sie beim Auswahlverfahren ihre Rolle überdehnt? Warum hat sie darauf gedrängt, dass nur Kandidaten berücksichtigt werden sollten, die sich den öffentlichen Dialogen gestellt haben? War das ein sinnvoller Versuch, ein traditionell von den fünf Vetomächten dominiertes Verfahren transparenter zu machen – oder tatsächlich eine unzulässige Einmischung?
Über solche Fragen könnte man diskutieren. Die Auswahl des Generalsekretärs ist ohnehin ein merkwürdiges Verfahren. Die Generalversammlung darf am Ende abstimmen, aber ohne Empfehlung des Sicherheitsrats geht nichts, und dort besitzen die fünf ständigen Mitglieder ihr Vetorecht. Die öffentlichen Dialoge mit den Kandidaten sollten gerade mehr Transparenz schaffen. Baerbock hat diese Transparenz von Beginn ihrer Amtszeit an ausdrücklich zu einem Ziel erklärt. Dass die Amerikaner ihre jetzige Intervention trotzdem als Kompetenzüberschreitung betrachten, ist deshalb eine ernstzunehmende Kritik – aber noch kein Beweis dafür, dass die Frau zu blöd ist, ihren Job zu verstehen. (UN Regional Information Centre)
Genau dieser Unterschied scheint in solchen Kommentarspalten inzwischen verlorengegangen zu sein. Das Urteil steht vorher fest. Baerbock tut etwas, also muss es falsch sein. Anschließend wird das Ereignis als neuer Beweis für ihre angebliche vollständige Unfähigkeit verbucht. So entsteht ein hübscher geschlossener Kreislauf, der den Vorteil hat, dass man sich mit nichts mehr beschäftigen muss.
Auch die Hamas-Geschichte verdient Genauigkeit
Wie schnell aus einem komplizierteren Sachverhalt eine persönliche Anklage wird, zeigt eine weitere Geschichte, die WELT im Umfeld des Artikels aufgreift. Dort heißt es:
„Die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, hat an einer Gedenkveranstaltung der UN teilgenommen, bei der Beobachtern zufolge auch ein Hamas-Kämpfer geehrt wurde.“
Das ist, vorsichtig formuliert, geschickt formuliert. Denn der zugrunde liegende Vorgang ist tatsächlich brisant. Am 8. Juni gedachten die Vereinten Nationen 136 im Vorjahr ums Leben gekommenen Mitarbeitern, darunter 80 Beschäftigten des Palästinenserhilfswerks UNRWA in Gaza. Unter den Verstorbenen befand sich der UNRWA-Lehrer und spätere Schulleiter Imad Yousif El Samhouri. Nach inzwischen veröffentlichtem Material soll derselbe Mann zugleich Feldkommandeur der Al-Qassam-Brigaden, also des militärischen Arms der Hamas, gewesen sein. Ein von der Hamas stammendes sogenanntes Märtyrervideo zeigt ihn bewaffnet und in Tunneln. Das sind erhebliche Anhaltspunkte, und die UN beziehungsweise UNRWA haben hier verdammt unangenehme Fragen zu beantworten. (Vereinte Nationen)
Nur folgt daraus etwas anderes eben nicht: Es gibt bislang keinen Beleg dafür, dass Baerbock wusste, dass unter den 136 Verstorbenen ein mutmaßlicher Hamas-Kommandeur war. Sie nahm an einer zentralen UN-Gedenkveranstaltung für getötete Mitarbeiter teil. Das Problem liegt deshalb zunächst bei der UN und vor allem bei UNRWA: Wie konnte ein Mann, der nach dem vorliegenden Material gleichzeitig eine militärische Funktion bei der Hamas bekleidete, jahrelang Lehrer und Schulleiter einer UN-Organisation sein und schließlich auf deren Gedenkliste landen? Das ist schlimm genug. Man muss daraus nicht zusätzlich die Geschichte basteln, Baerbock habe sich persönlich hingestellt, um einen Hamas-Terroristen zu ehren.
Der WELT-Satz behauptet das streng genommen auch gar nicht. Aber er lässt die beiden Informationen „Baerbock nahm teil“ und „Hamas-Kämpfer wurde geehrt“ so dicht nebeneinanderstehen, dass der gewünschte Eindruck kaum ausbleiben dürfte. Und wer anschließend in die Kommentarspalte hinabsteigt, erlebt, wie solche Verkürzungen weiterverarbeitet werden.
Erst das Urteil, dann vielleicht die Fakten
Da wird Baerbock nicht mehr für eine konkrete Entscheidung kritisiert. Ihre gesamte Person wird für unbrauchbar erklärt. Nicht eine Kompetenzüberschreitung wird behauptet, sondern sie selbst sei eine „personifizierte Kompetenzüberschreitung“. Nicht ihre Diplomatie wird kritisiert, sondern sie ist angeblich „ungebildet“. Nicht eine Entscheidung wird für falsch gehalten, sondern alles, was diese Frau anfasst, kann offenbar nur schiefgehen.
Natürlich sind Kommentarspalten keine repräsentativen Meinungsumfragen. Die besonders Wütenden schreiben vermutlich häufiger als jene, die nach der Lektüre eines Artikels bloß denken: Interessant – und anschließend ihren Kaffee austrinken. Deshalb wäre es genauso dämlich, aus einigen Dutzend Kommentaren „die WELT-Leser“ zu machen, wie Baerbock aus jedem ihrer Fehler zur vollkommen unfähigen Person zu erklären.
Aber der Ton ist bemerkenswert. Er zeigt eine Form politischer Debatte, die mir zunehmend auf die Nerven geht. Menschen werden zu Symbolfiguren erklärt, anschließend genügt ihr Name als Reizwort. Bei den einen ist es Baerbock, bei anderen Merz, Weidel, Habeck oder Trump. Irgendwann wird nicht mehr darüber gesprochen, was jemand getan hat, sondern nur noch darüber, wer es getan hat. Dann kann man sich die Fakten eigentlich sparen.
Baerbock muss Kritik aushalten. Auch harte. Vielleicht hat sie bei der Auswahl des nächsten UN-Generalsekretärs tatsächlich ihre Kompetenzen überschritten. Dann soll man das benennen und begründen. Und wenn die UN einen Mann ehrt, der gleichzeitig Hamas-Kommandeur gewesen sein soll, muss das rückhaltlos aufgeklärt werden. Aber wer als Reaktion darauf nur noch „Trampolinchen“, „Clown“ und „Nichtskönnerin“ herausbekommt, betreibt keine Kritik mehr.
Er pflegt seine Verachtung.
Und manchmal verrät die Art, wie ein Mensch über einen politischen Gegner spricht, mehr über ihn selbst als über denjenigen, den er gerade beschimpft.
Wie schwer es mir fällt, über diese Dinge hinwegzusehen, ohne auch gleich wieder ins Grundsätzliche zu gehen. Dabei gebe ich mir wirklich Mühe.
Ich finde es immer toll und bemerkenswert, wenn Menschen ihnen eigentlich missliebige Personen differenziert und fair betrachten und auch behandeln können. Es gibt sie. Das ist eine Wohltat!
Diese Kommentarspaltenspucker sind von Übel. Ich les das auch gar nicht gern. Das ist keine Art des Umgangs.
@Violine: Richtig: Das ist keine Art des Umgangs miteinander. Und doch finden wir diese auch in linken Medien zumindest in ähnlich krasser Form. Man kann das leicht ausprobieren, in dem man etwa bei Mastodon oder Bluesky eine wenn auch nur scheinbar rechte Position vertritt. Sobald sich jemand auf die Füsse getreten fühlt (bei den einschlägigen Themen) wird daraus ein wahres Scharmützel. Nur lasse ich die Medien nicht aus, weil das so ist. Ich muss wissen, wie andere ticken. Das kann ich nur erfahren, wenn ich lese, was da geschrieben wird. Aber ich meine damit natürlich nicht unbedingt Kommentare bei WELT. Wie die „geartet“ sind, weiß ich. Und zwar ohne, dass ich sie lesen müsste.
@Horst Schulte: So Kommentarspaltenspucker findet man überall, jedenfalls bei den grossen Plattformen. Muss eine elende Arbeit sein, das zu moderieren.
Ich habe mal von einer gelesen, die die Hasskommentatoren auf einer Plattform ausfindig gemacht hat im realen Leben. Das waren oft ganz zahme Leute, die aber im Internet die Sau rauslassen.
Ich weiss leider nicht mehr, welche Plattform das war. Ich glaube, das war was in den Niederlanden.
@Violine:
Absolut freudlos 🙂 Diejenige, die Hasskommentatoren z.B. persönlich aufgesucht hat, war Renate Kühnast. Das waren interessante Ergebnisse. Die Leute waren viel harmloser als man das aus ihren Kommentaren hätte schließen können. Was ist nur mit uns los?