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KI-Schreck im Bloggerland: Wie Vorurteile und Angst statt Argumente regieren

KI verbreitet sich in atemberaubendem Tempo – schneller als viele frühere Innovationen. In der Blogosphäre reagieren nicht wenige mit Abwehr, Alarmismus und Datenschutz-Reflexen. Statt nüchterner Kritik dominiert oft Stimmungsmache. Der Text plädiert für Ehrlichkeit statt Hysterie.

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Man kann der Technikgeschichte viel vorwerfen, aber eines sicher nicht: Trägheit. Das Smartphone hat in wenigen Jahren unsere Taschen, Tische und Köpfe besetzt. Das Internet hat in kaum einer Generation den Weg vom akademischen Experiment zum Betriebssystem des Alltags geschafft. Fernsehen, Social Media, Streaming – alles Beispiele dafür, wie schnell sich neue Technologien festsetzen, wenn Nutzen, Bequemlichkeit und Neugier zusammenkommen.

Und dann kommt KI. Nicht als gemächliches Update, sondern als Beschleuniger. Zwei Jahre, und schon ist sie in Redaktionen, Büros, Schulen, im Alltag vieler Menschen angekommen. Kein Nischenphänomen, sondern ein Technologie-Sprint, der selbst das Smartphone älter aussehen lässt, als es ist.

Genau an diesem Punkt wird es interessant: Denn während die Technik rast, sortiert sich die Öffentlichkeit. Und in der Blogosphäre ist deutlich zu sehen, wie stark der Reflex zur Abwehr geworden ist. Skepsis ist gesund, klar. Aber was wir derzeit erleben, ist oft etwas anderes: ein Chor der Empörung, der sich seiner eigenen moralischen Überlegenheit erstaunlich sicher ist. Ja, sogar bei der KI werden moralische Maßstäbe angelegt. Ich schrieb darüber, was man sich als Abtrünniger anhören darf.

KI als Prüfstein für Selbstbild und Status

Viele Blogger leben vom Vertrauen in ihre Stimme, in ihren Stil, in ihre Handschrift. Verständlich. Schreiben ist Identität. Wenn nun Tools auftauchen, die ebenfalls Texte produzieren, kratzt das an diesem Selbstbild. Es fühlt sich an, als würde jemand plötzlich mit am Schreibtisch sitzen, ungebeten, schnell, manchmal verblüffend gut – und manchmal spektakulär daneben.

Statt diese Ambivalenz auszuhalten, wird in manchen Blogs eine andere Strategie gewählt: Man reduziert KI auf ihre schlechtesten Momente. Fehlübersetzungen, absurde Antworten, falsche Fakten – alles bestens geeignet, um ein Bild zu zeichnen, in dem KI wahlweise als Lachnummer oder als demokratiegefährdendes Monster auftritt.

Das Muster ist immer ähnlich:
Ein schlechtes Beispiel, ein empörter Kommentar, ein warnender Tonfall – fertig ist die pädagogische KI-Kolumne. Dass es genauso Beispiele gibt, in denen KI Arbeit erleichtert, Recherche beschleunigt, Gedanken sortiert oder schlicht Inspiration liefert, wird höchstens im Nebensatz erwähnt, wenn überhaupt.

So entsteht kein Diskurs, sondern eine Dramaturgie. Es geht weniger darum, etwas zu verstehen, als darum, die eigene Leserschaft emotional zu justieren: »Wir hier sind die Vernünftigen, die Aufrechten, die sich von diesem Zeug nicht einlullen lassen.« Das hat schon fast etwas Stammtischhaftes – nur eben in gut gesetzten Absätzen statt in dicken Rauchschwaden.

Datenschutz als deutsche Ersatzreligion

Und dann ist da noch diese besondere deutsche Note: der Datenschutz. Kein Land trägt seine Ambivalenz gegenüber der Digitalisierung so stolz vor sich her wie Deutschland. Man nutzt WhatsApp, Google, Facebook, TikTok und Co. mit einer Selbstverständlichkeit, als wären sie staatlich geprüfte Grundversorger – und gleichzeitig wird jede neue Technologie mit dem reflexhaften »Aber der Datenschutz!« begrüßt.

Genau dieser Reflex taucht in der KI-Debatte wieder auf. Plötzlich wird Datenschutz zur Allzweckwaffe, zur rhetorischen Abrissbirne:
Wer KI nutzt, gefährdet Daten.
Wer experimentiert, verrät Prinzipien.
Wer offen ist, ist naiv.

Das wirkt bisweilen heuchlerisch. Dieselben Menschen, die jahrelang bedenkenlos persönliche Informationen in alle möglichen US-Dienste gekippt haben, inszenieren sich nun als letzte Bastion der digitalen Tugendhaftigkeit, sobald es um KI geht. Statt über konkrete Risiken, sinnvolle Regulierung und realistische Einsatzszenarien zu sprechen, wird Datenschutz zum moralischen Totschlagargument erhoben.

Natürlich gibt es legitime Fragen: Wie werden Trainingsdaten erhoben? Wer hat Zugriff? Welche Modelle dürfen auf welche Inhalte zugreifen? Das sind wichtige Punkte – aber sie werden häufig nicht mit der nötigen Präzision diskutiert, sondern als pauschaler Alarm verwendet. Datenschutzhinweis als Nebelkerze.

Was ehrliche Kritik von Abwehrritualen trennt

Niemand muss KI mögen. Niemand ist verpflichtet, sie zu nutzen. Aber wer sie kritisiert, sollte es sauber tun. Ehrliche Kritik benennt Risiken, zeigt Grenzen auf, thematisiert Fehlentwicklungen – und erkennt zugleich an, was funktioniert und welche Chancen entstehen. Es ist jetzt, wie es in vielen anderen Bereichen unseres Lebens diejenigen gibt, die ihre eigenen Maßstäbe über alle stülpen möchten. Wer dachte, mit der Ampel-Regierung wäre diese Verbiesterung und Reduzierung auf Moral von Bord gehüpft, sieht sich getäuscht. Ja, ich vergleiche diese Diskussionen mit anderen, die so etwas von nervtötend sind!

Was wir in Teilen der Blogosphäre erleben, ist eher das Gegenteil:
Abwehrrituale statt Analyse.
Stimmung statt Argument.
Selektive Wahrnehmung statt Neugier.
Es gibt eine Art ideologischer Starre.
Viele positionieren sich gegen und viel zu selten für etwas.

Dabei wäre gerade von Bloggern etwas anderes zu erwarten: die Bereitschaft, sich auf neue Werkzeuge einzulassen, ohne sich von ihnen verschlucken zu lassen. Die Fähigkeit, über den eigenen Schatten zu springen, statt ihn zur Leitfigur zu erklären.

KI ersetzt keine Haltung. Sie entwertet nicht automatisch den eigenen Stil, sie überschreibt kein Lebenserlebnis, keine Biografie, kein Temperament. Sie stellt allerdings vielleicht eine unbequeme Frage: Bin ich bereit, mein Selbstbild als Schreibender zu aktualisieren?

Wer darauf mit Neugier antwortet, wird KI als Verstärker nutzen – nicht als Gegner. Wer darauf mit moralischer Überheblichkeit und immer denselben Negativbeispielen reagiert, mag sich kurzfristig in seiner Rolle als Mahner gefallen. Langfristig wirkt diese Haltung jedoch vor allem wie das, was sie ist: ein Versuch, die eigene Verunsicherung als Prinzipienfestigkeit zu verkaufen.

Der Fortschritt fragt nicht um Erlaubnis. Aber er fragt uns, wie wir mit ihm umgehen wollen. Die Antwort darauf entscheidet sich nicht in wütenden Blogartikeln gegen KI, sondern in der Ehrlichkeit, mit der wir unsere eigenen Ängste, Gewohnheiten und Selbstbilder ansehen. Genau da beginnt die eigentliche Debatte – und genau dort wird es spannend. Nur – so weit sind wir noch lange nicht.


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10 Gedanken zu „KI-Schreck im Bloggerland: Wie Vorurteile und Angst statt Argumente regieren“

  1. Das sehe ich auch so, ich bin begeisterter Nutzer der KI. Ich nutze die KI zum Programmieren und bin immer wieder erstaunt, wie gut das funktioniert. Für die Recherche von Quellen nutze ich KI ebenfalls. Aber gerade im Bereich php Programmierung ist die KI einfach nur genial. Das schöne ist ja, dass jeder KI so nutzen kann wie er/sie möchte.

    Das Thema Datenschutz hat ja auch jeder in seiner Verantwortung. Ich würde die KI z.B. nicht als Psychiater nutzen, so ich denn einen brauche.

    Ich würde der KI auch keine sensiblen privaten Daten anvertrauen, aber wenn die KI beispielsweise meine Prompteingaben zur php Programmierung zu Lernzwecken nutze, bitte.

    Bei allem Nutzen von KI und das gilt meines Erachtens für die gesamte Digitalisierung, muss der Verstand natürlich eingeschaltet bleiben. Ich sehe aber genauso wenig wie du die Gefahr, dass KI uns vielleicht einen Teil der Persönlichkeit nimmt, oder irgendwas ersetzt. KI ist ein Werkzeug, was der einzelne damit macht, liegt in eigener Verantwortung.

    • @Peter Lohren: Ebend. Die Leute machen ein Bohei um diese Dinge. Sie sollen doch auch mal wenigstens versuchen, die Vorteile zu sehen und in ihren Blogs zu beschreiben. Aber nein. Einige geben die Denkrichtung vor, die anderen folgen. Ich finds einfach nur noch scheiße. Deutschland wird mit solchen Leuten nie aus dem Quark kommen.

      • @Horst Schulte: Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass KI auf Dauer eine Menge an Arbeitsplätzen kostet. KI wird vermutlich einiges in den Industrieunternehmen in Vertrieb, Personalabteilung, Buchhaltung, Steuerung Planung und natürlich Programmierung effizienter machen und das wird sich auf die Arbeitsplätze auswirken. Im Bereich der Produktion sehe ich dagegen einen Zuwachs, allerdings von hochqualifizierten Arbeitsplätzen, die haben die Rationalisierung durch die Digitalisierung ja bereits hinter sich.

        Wie auch immer, Deutschland wird entweder in der Topliga (mit KI) oben mitspielen, oder ohne KI als erweiterte Werkbank für die Länder dienlich sein, die es verstanden haben. Hoffen wir auf ersteres.

  2. Links wären wie immer schön.
    Und dann wäre schön, wenn man genauso differenzieren würde, wie das andere ggf tun oder wie es mit so einem Text notwendig wäre.

    Ich bspw. verteufle die KI nicht. Ich bin aber auch kein brennender Verehrer. Ich nutze KI im beruflichen Alltag sehr viel; ebenso für manche Anliegen im privaten. Trotzdem formuliere ich meine Meinung auf meinem Blog stark: Dass ich angesichts des wachsenden KI-Slops bspw. den Einsatz von KI in persönlichen Blogs für überflüssig halte. Oder, dass man – und das ist nun mal Fakt – den Sprachmodellen nicht ungeprüft trauen sollte, weil sie nicht zwangsläufig die richtige Antwort geben, sondern das erzählen, was die naheligendste richtige Antwort sein kann.
    Einen Beißreflex gegen die KI habe ich deshalb nicht. Nee, es gehört zur kritischen Auseinandersetzung und der Formulierung, worin ich Nutzen oder eben nicht sehe. ¯\_(ツ)_/¯

  3. Aktuell ist es halt angesagt, gegen etwas zu sein. Das geht immer, damit hebt man sich so schön von der Masse ab und kann seine Überlegenheit im Netz zeigen. KI ist dafür gerade ein Paradebeispiel.

    Außerhalb der Blogger- und Social-Media-Blase, zum Beispiel im Arbeitsumfeld, erlebe ich einen anderen Umgang mit der neuen Technik. Da wird über Risiken gesprochen, sich über Möglichkeiten informiert und dann experimentiert, was damit gut machbar ist oder wo es (noch) nicht funktioniert. Letzteres trifft aktuell (noch) oft zu, aber warten wir mal ein, zwei Jahre ab.

  4. Ich finde ja Diskussion am Text mit Links und echten Argumenten super. Diskussion im luftleeren Raum hingegen ist bestenfalls ein Ausweis von Faulheit. So »manche sagen«, »es wird gemeint«, »überall heißt es« ist halt keine Diskussion, sondern bestenfalls die Suche nach einem Strohmann. Gerade bei Bloggern sollte es doch nicht so schwer sein, ein echtes Statement zu finden, auf dass sich dann sogar eingehen ließe.

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