Die Eskalation als Prinzip

19. April 2026

Inhalt

Die Diagnose ist klar, fast schon brutal: Die Weltpolitik hat ihren Modus gewechselt. Ohne Eskalation (in Worten wie in Taten) scheint es nicht zu gehen. Sie ist kein Ringen mehr um Ausgleich, kein mühsames Austarieren von multinationalen Interessen. Sie ist Bühne (für starke Männer mit deutlichem Hang zum Narzissmus) geworden. Und auf dieser Bühne steht ein Mann, der alle Regeln nicht nur verschiebt, sondern sie mit Lust (manche sagen: aus Dummheit) zertrümmert.

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Eskalation als Methode

Was man beschreiben kann, ist keine klassische Außenpolitik. Es ist ein Stil, der auf Zuspitzung setzt, auf Drohung, auf maximale Aufmerksamkeit. Konflikte werden nicht gedämpft, sondern hochgezogen, bis sie knistern wie eine überlastete Stromleitung. Komisch, wenn einer wie Trump das Gegenteil von dem tut, was er seinen Wähler*innen einst versprach. Er führt einen Krieg. Einen mit unabsehbaren Folgen – auch für sein Land.

Der Krieg mit dem Iran steht exemplarisch für einen irren Despoten, der nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Kulminationspunkt einer Politik, die vermutlich von Hause aus Stärke mit Lautstärke verwechselt. Wer zuerst nachgibt, verliert. Wer verhandelt, wirkt schwach. So stellen sich die Leute alte, weiße Männer vor. Verhandeln ist Schwäche. Alles, was er tut und sagt, ist zum Fremdschämen.

Das Problem: Seine Logik kennt offenbar keine Bremse, niemand scheint ihn stoppen zu können.

Politik als Spektakel

Man spürt täglich, wie sich etwas verschoben hat. Früher war Diplomatie oft langweilig. Graue Anzüge, leise Worte, zähe Prozesse. Heute scheint genau das verpönt zu sein und doch sehnen sich vermutlich viele nach den grauen Anzügen.

Stattdessen erleben wir eine Form von Politik, die sich an der Dramaturgie eines Showkampfs orientiert. Es geht um Bilder, um Wirkung, um den Moment. Die Inszenierung ersetzt die Substanz.

Trump und die Stapelkrisen
Trump und die Stapelkrisen

Und das Publikum? Das sind wir.

Wir schauen zu, kommentieren, empören uns – und merken gleichzeitig, dass wir Teil dieses Spiels geworden sind. Denn die Konsequenzen bleiben nicht auf der Bühne. Sie sickern in die Realität, in Energiepreise, in Unsicherheit, in die schleichende Erosion von Stabilität.

Die Welt im Strudel

Der vielleicht beunruhigendste Gedanke ist der einfachste: Es gibt kein Außen mehr. Es existiert kein Ort mehr, von dem aus wir die Dinge unbeteiligt betrachten könnten. Kein Rand der Welt, kein Balkon über dem Geschehen, kein sicherer Abstand. Früher gab es – zumindest als Vorstellung – dieses „Außen“:
Man konnte sagen: Dort ist die Politik, dort die Medien, dort die Konflikte. Und hier bin ich, als Beobachter. Vielleicht betroffen, aber nicht vollständig hineingezogen.

Wenn die größte Macht der Welt Konflikte wie ein Spektakel behandelt, dann zieht das Kreise. Andere Akteure reagieren nicht im luftleeren Raum. Sie kalkulieren, sie nutzen, sie verschieben ihre Positionen.

China beobachtet. Russland kalkuliert. Europa wirkt, wie so oft, eher reaktiv als gestaltend. Und wir? Wir stehen mittendrin. Es ist, als hätte jemand den Thermostat der Weltpolitik herausgerissen. Die Temperatur steigt, und keiner weiß mehr so genau, wer eigentlich noch die Kontrolle hat.

Ein anderes Bild

Mir kommt ein Bild in den Sinn: ein Raum voller Mikrofone, alle aufgedreht bis zum Anschlag. Jeder spricht lauter als der andere, jeder will gehört werden, keiner hört mehr zu. Irgendwann kippt das System. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem grellen Pfeifen. Es geht nichts über einen Tinnitus. Der kann einen verrückt machen. Wer den einmal kennenlernte, könnte den Vergleich passend finden.

Genau dort stehen wir. Und die eigentliche Frage ist nicht, wer den lautesten Ton trifft. Sondern wer als Erster den Mut und die Fähigkeit hat, ihn abzustellen.

Energiewende: Tempo, Preis, Verdruss: Was hinter dem Jubel steckt

19. April 2026

„Zu langsam“ – aber wofür eigentlich?

Eine Grafik kursiert dieser Tage, und sie sieht zunächst eindeutig aus: 57 % der Deutschen finden, die Energiewende geht zu langsam. Das ZDF-Politbarometer – frisch erhoben, veröffentlicht am 17. April 2026 – liefert eine sauber sortierte Botschaft. Jüngere voran, Ältere etwas verhaltener, aber die Richtung klar: schneller bitte. Wer die Grafik so liest, sieht einen Gesellschaftskonsens. Ich sehe vor allem: eine Tempo-Frage, die so tut, als wäre die Zielfrage schon beantwortet.

Denn die Erhebung misst keine Haltung zur Energiewende. Sie misst die Wahrnehmung ihres Fortschritts. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied – und er wird in der öffentlichen Debatte so gut wie nie gemacht.

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Der Elefant im Raum

Wir befinden uns in einer Lage, die man vor wenigen Monaten noch für ein Planspiel gehalten hätte. Die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran hat das Angebot von Gas und Öl auf den Weltmärkten reduziert und treibt die Preise. Der Iran-Krieg hat die Inflationsrate in Deutschland nach oben katapultiert – mit 2,7 Prozent erreichte die Teuerungsrate im März den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren, getrieben vor allem durch den Preisschock bei Kraftstoffen und Heizöl. Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen trifft das besonders hart, weil Energieausgaben in ihren Budgets überproportional schwer wiegen.

In dieser Lage eine Umfrage zu veröffentlichen, die fragt, ob die Energiewende „zu langsam“ geht – ohne auch nur einen Satz zum Warum zu sagen –, ist nicht falsch. Aber es ist eine Verkürzung, die ich für problematisch halte. Sie liefert eine Oberfläche, die nach Zustimmung aussieht, und verschweigt darunter liegende Widersprüche.

Denn was heißt „zu langsam“ in einem Moment, in dem die Gaspreise durch geopolitische Schocks getrieben werden, die kein Windrad der Welt verhindern kann? Heißt es: mehr erneuerbare Kapazitäten jetzt? Heißt es: weniger Abhängigkeit von fossilen Importen? Oder heißt es schlicht: irgendjemand soll das Chaos endlich in den Griff bekommen?

Was die Zahlen verschweigen

Laut dem Energiewende Zukunftsmonitor 2026 hält weniger als die Hälfte der Deutschen – gerade noch 43 % – den Ausbau der erneuerbaren Energien und den Atomausstieg für richtig. 2012 waren es fast drei Viertel. Erstmals verbindet die Mehrheit der Deutschen die Energiewende vor allem mit Risiken statt mit Chancen: höhere Preise, geringere Versorgungssicherheit, Eingriffe ins Landschaftsbild.

Das ist das Bild, das sich zeigt, wenn man nicht nach Tempo, sondern nach Grundsätzen fragt. Und es passt so gar nicht zu dem, was die Politbarometer-Grafik nahelegt. Beides ist richtig – und genau das ist der Punkt. Die Menschen tragen beides gleichzeitig in sich: den Wunsch nach Veränderung und die Angst vor ihren Kosten. Eine Umfrage, die nur eine Seite abfragt, bildet diese Ambivalenz nicht ab. Sie wählt.

Das KfW-Energiewendebarometer zeigt: 83 % der deutschen Haushalte halten die Energiewende für wichtig oder sehr wichtig. Eine andere Studie, von pollytix im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe, beziffert die grundsätzliche Zustimmung auf 73 %. Klingt beruhigend – aber keine dieser Zahlen beantwortet die Frage, was die Menschen bereit sind dafür zu zahlen, zu akzeptieren, zu ertragen. Zustimmung im Abstrakten ist billig. Die Rechnung kommt monatlich.

Überdruss, der keiner sein darf

Mein Eindruck – und er ist nicht nur mein eigener – ist der, dass die Bevölkerung der Energiewende seit Jahren mit einer stillen Erschöpfung begegnet. Nicht mit offener Ablehnung. Nicht mit dem Ruf nach dem Abbruch. Sondern mit dem Gefühl: Das soll doch irgendwie werden, aber bitte ohne neue Zumutungen, ohne weitere Planungschaos, ohne Kosten, die am Ende wir tragen.

Der Iran-Krieg und der daraus folgende Anstieg der Öl- und Gaspreise zeigt nun die Schwächen des deutschen Industriestrompreises. Noch wenige Monate zuvor galt 2025 als Wendepunkt, als die Rezession überwunden schien. Jetzt ist die Fragilität des Systems wieder sichtbar – und sie trifft auf eine Bevölkerung, die längst ahnte, dass die Umsetzung der Energiewende nicht so reibungslos läuft, wie Hochglanzbroschüren es versprechen.

Der Fotovoltaik-Ausbau läuft auf hohem Niveau, Windkraft an Land legt langsam zu, und die Erneuerbaren decken inzwischen 55,3 % der Stromnachfrage. Das sind beachtliche Zahlen. Und doch: Hohe Investitionskosten bremsen die Transformation in Industrie, Gebäuden und im Verkehr, der Stromverbrauch stagniert entgegen dem globalen Trend. Der Ausbau oben, die Strukturprobleme unten – und dazwischen eine Bevölkerung, die monatlich ihre Energierechnung öffnet.

Was die Grafik eigentlich zeigt

Wenn 57 % sagen „zu langsam“, dann ist das kein Blankoscheck für mehr Tempo um jeden Preis. Es ist eine Aussage über Frustration. Über das Gefühl, dass etwas, das beschlossen wurde und das man grundsätzlich für richtig hält, von denen, die es umsetzen sollen, schlecht gemacht wird. Zu bürokratisch. Zu kleinteilig. Zu teuer in der Ausführung, nicht notwendigerweise in der Vision.

Transparenz und Beteiligung gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung – 56 % der Befragten bewerten faktenbasierte Kommunikation als vertrauensbildend. Das ist der eigentliche Befund, der in den Kommentaren zur Grafik fehlt. Die Menschen wollen nicht nur Windräder. Sie wollen verstehen, warum, wie viel, wer davon profitiert, wer zahlt.

Eine Grafik, die „zu langsam“ als Zustimmungs-Signal verkauft, ohne das zu erklären, betreibt keine Aufklärung. Sie bestätigt, was ohnehin schon gedacht wird. Und das ist, gerade jetzt, in einem Moment globaler Energieunsicherheit und steigender Lebenshaltungskosten, keine besonders ehrliche Leistung.

Die Wahrheit ist komplizierter: Die Deutschen wollen die Energiewende – aber nicht um jeden Preis, nicht in jedem Tempo und vor allem nicht so, wie sie bisher gemacht wurde. Das ist kein Widerspruch. Das ist Realismus. Und der verdient eine Grafik, die ihn abbildet.

Was bleibt übrig vom „schönsten Tag“?

19. April 2026

Die Fotos sind 1962 anlässlich meiner Erstkommunion entstanden. Sie fand am 29.04. statt. Ich habe überhaupt keine Erinnerung mehr. Dabei wurde der Tag damals von der Kirche als „schönster Tag im Leben“ deklariert.

Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, dass der „Sonnenhof„, von dem ich (auch hier) immer so geschwärmt habe, vielleicht doch nicht so bunt und blühend war, wie ich dachte.

Auf dem Foto links sieht man den Weg, über den wir zu Fuß und mit dem Rad zur ca. 3 km entfernten Schule gingen oder fuhren. Rechts und links des schon sehr schottrigen Weges blühten (wenn sie blühten) wunderbare Rosen. Rechts ahnt man nur, wie nur wenig später im Frühling die Blüten der üppigen Obstbäume alles in buntes, helles Licht tauchten. Ob das Bild-Dokument belegt, wie weit die Vegetation auf dem Foto im Vergleich zu heute (Erderwärmung) zurück war? Jedenfalls sieht man hier überhaupt nichts von Frühling. Die kurzen Hosen auf dem rechten Foto sagen da etwas anderes. Gut, vielleicht auch ein Nachteil von s/w Fotos.

Wenn der Staat weiß, wo das Geld verschwindet – und trotzdem zögert

18. April 2026

Kein Geld in der Kasse? Erhöhen wir halt – trotz aller gegenteiliger Versprechungen – die Steuern. Wir kennen solche Finten der Politik und stecken im Moment schon wieder mittendrin. Darüber fällt manchen von uns ein, dass es ja irgendwie gewaltige Geldmengen gibt, die dem Staat unzugänglich sind, die sich jedoch eben dieser Staat durch normales Handeln nutzbar machen könnte. Nein, ich meine jetzt gar nicht die Reichen- oder Erbschaftssteuer.


Manchmal sind es Sätze, die hängenbleiben wie ein Splitter unter der Haut. Der von Anne Brorhilker gehört dazu. Hundert Milliarden Euro Steuerhinterziehung pro Jahr – und die Frage, wie ein Finanzminister das mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen kann. „Tu was dagegen“, sagt sie. Tja, ein Satz wie ein Hammerschlag. Könnte man meinen. Aber wen juckt das in diesem schwerfälligen Staat mit seiner vergesslichen Bevölkerung?

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Als Brorhilker das im Podcast sagte, war Lars Klingbeil Finanzminister. Der Satz zielt also auf ihn – allerdings nur zeitlich. Er könnte auf mehr als nur eine Person zutreffen. Er trifft eher ein System. Möglicherweise sogar auf eine Haltung, die sich über Parteigrenzen hinweg eingeschlichen hat.

Die Empörung ist schnell formuliert. Die Lösung scheint ebenso klar: mehr Steuerprüfer, mehr Kontrollen, mehr Einnahmen. Ende der Geschichte.

Oder? Das trifft auf die normale Steuerhinterziehung ebenso zu wie auf die Folgen von Cum-Ex und viele andere Skandale in der Geschichte des Landes.

Die einfache Rechnung – und ihre Tücken

Die Rechnung klingt bestechend: Jeder zusätzliche Steuerprüfer bringt ein Vielfaches seines Gehalts ein. Also einstellen, ausbauen, verstärken. Ein Investment, das sich selbst trägt. Kaum ein Politiker würde dem offen widersprechen. Ich kenne diese Argumentation seit sehr vielen Jahren. Als das Thema aufkam, war der Fachkräftemangel, glaube ich, noch gar nicht so massiv wie heute.

Und doch passiert genau das nicht, zumindest nicht in dem Umfang, der immer wieder gefordert wird.

Warum? Hier beginnt die Realität, und die ist weniger elegant als die Rechnung. Denn die Frage lautet nicht nur: Wollen wir mehr Prüfer? Sondern: Woher nehmen wir sie?

Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Gute Leute mit steuerlichem Know-how sind begehrt – und die Privatwirtschaft zahlt besser, bietet mehr Flexibilität, oft auch mehr Dynamik. Der Staat wirkt daneben zuverlässig, aber schwerfällig. Kein Ort, an dem Karrieren im Schnellgang verlaufen.

Das Problem kennen wir. Zum Beispiel aus der Pflege.

Der Blick in die Pflege – ein Lehrstück

Seit Jahren wird dort „attraktiver machen“ gepredigt. Bessere Bezahlung, mehr Ausbildung, Kampagnen, Zuwanderung. Und ja, es hat etwas gebracht. Aber nicht genug. Der Mangel bleibt. Die Belastung bleibt. Viele gehen. Ein Kreislauf, der sich selbst stabilisiert:

Zu wenig Personal macht den Job unattraktiv.
Der unattraktive Job zieht zu wenig Personal an. Nur ein Beispiel. Eines, das dieser Berufsgruppe genutzt hat. Es ist etwas passiert. Zufrieden ist man in der Pflege nach meinem Eindruck trotzdem nicht.

Könnte das bei Steuerprüfern ähnlich laufen?

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Man kann also sagen: Der Staat könnte mehr tun. Und gleichzeitig: Er kann es nicht beliebig. Denn neben dem Fachkräftemangel gibt es weitere Bremsklötze.

Die Bürokratie etwa. Mehr Prüfungen bedeuten mehr Aufwand – auch für die, die nichts zu verbergen haben. Unternehmen reagieren sensibel auf zusätzliche Belastungen. Der Standort Deutschland steht ohnehin unter Druck.

Dann die internationale Dimension. Große Summen verschwinden nicht in der Kneipe um die Ecke, sondern in komplexen Konstruktionen über Ländergrenzen hinweg. Hier stößt nationale Politik schnell an Grenzen. Ohne europäische oder globale Lösungen bleibt vieles Stückwerk.

Und schließlich die politische Priorität. Steuerhinterziehung bekämpfen bringt keine schnellen Schlagzeilen. Es ist mühsam, kleinteilig, langfristig. Politik aber lebt vom sichtbaren Effekt, vom kurzfristigen Erfolg.

Das Ergebnis ist ein seltsames Gleichgewicht:

  • Wir wissen, wo das Problem liegt.
  • Wir kennen die Instrumente.
  • Und wir setzen sie nur halbherzig ein.

Das bequeme Narrativ

Der Ruf nach mehr Steuerprüfern hat deshalb etwas Beruhigendes. Er klingt nach Lösung, ohne dass man sich den tieferen Fragen stellen muss. Dahinter steckt noch ein konspirativer Anwurf. Wessen Interessen werden da von den Politikern gewahrt?

Wie attraktiv ist der Staat als Arbeitgeber wirklich? Wie komplex darf ein Steuersystem sein? Welche Interessengruppen blockieren (die angeblich dringend nötigen) Reformen? Sollten Steuererklärungen nicht mal auf einen Bierdeckel passen, Herr Merz? Und wie viel Konsequenz trauen wir uns zu?

Es ist einfacher, mehr Personal zu fordern, als Strukturen zu verändern.

Ein Schulterzucken mit System

Am Ende bleibt Brorhilkers Satz im Raum stehen. Er wirkt, weil er moralisch klar ist. Aber er blendet die Widersprüche aus, in denen Politik tatsächlich operiert.

Ja, der Staat könnte mehr tun. Nein, er kann es nicht ohne Weiteres. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt die Wahrheit. Und sie ist weniger spektakulär als die Zahl von hundert Milliarden – aber vielleicht entscheidender. Denn das eigentliche Problem ist nicht, dass wir nichts wissen. Es ist, dass wir mit dem, was wir wissen, nur zögerlich umgehen. Die Frage nach dem Warum bleibt letztlich offen.

Ein Schulterzucken also. Nicht aus Unwissen, sondern aus Gewohnheit.

Springer: Der neue Ton im Maschinenraum der Macht

18. April 2026

Es sind oft kleine, vielleicht in den Augen mancher, unbedeutende Streichungen, die für andere am lautesten tönen. Ein Wort weniger – und plötzlich kippt die Statik eines ganzen Gebäudes. Beim Medienkonzern Axel Springer ist genau das passiert.

Aus der „freien und sozialen Marktwirtschaft“ ist schlicht die „freie Marktwirtschaft“ geworden. Das klingt nach Bürokratie, nach Übersetzungsarbeit für internationale Mitarbeiter. Tatsächlich ist es ein politisches Bekenntnis, das auch von Peter Thiel stammen könnte. Denn wer das Soziale streicht, streicht nicht nur ein Wort. Er streicht eine Idee. Die Idee, dass Märkte eingebettet sind. Dass Freiheit ohne Ausgleich nicht trägt. Dass wirtschaftliche Macht Grenzen braucht.

Und als wäre das nicht genug, verschwindet auch gleich das „vereinigte Europa“ aus dem Wertekanon. Europa – das war einmal mehr als ein Markt. Es war ein Versprechen. Frieden, Kooperation, ein Gegenentwurf zu den alten nationalen Reflexen. Jetzt ist es nur noch Kulisse. Wie Döpfner zu Europa steht, wird hier deutlich. Der Erwerb des britischen Mediums The Telegraph, in dem Europakritiker ihre Heimat haben, unterstreicht das.

Was bleibt, ist ein erstaunlich klarer Rest: Freiheit, Markt, transatlantische Bindung. Ein schlankes Weltbild. Fast schon elegant. Und zugleich beunruhigend reduziert.

Man kann das modern nennen. International anschlussfähig. Man kann es aber auch anders lesen. Als Anpassung.

Als Signal an Investoren, an Märkte, an ein Umfeld, in dem „sozial“ nur noch wie ein störender Nebensatz wirkt. Als leiser Abschied von einem Nachkriegsversprechen, das Deutschland geprägt hat wie kaum ein anderes Land.

Und dann ist da noch diese andere Ebene, die nicht in den „Essentials“ steht. Die nicht auf Hochglanzseiten gedruckt wird.

Die Frage nämlich, wie Macht in diesem Haus gelebt wird.

Die Affären der vergangenen Jahre – allen voran die um Julian Reichelt – haben gezeigt, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine Lücke klaffen kann. Eine ziemlich große sogar. Nähe, Abhängigkeit, Hierarchie – all das lässt sich nicht mit ein paar neu formulierten Grundsätzen einhegen.

Und genau deshalb wirkt diese Überarbeitung der „Essentials“ so irritierend.

Während nach innen Fragen offen bleiben, wird nach außen neu sortiert. Während Vertrauen erst mühsam wieder aufgebaut werden müsste, wird an Begriffen gefeilt. Während die Wirklichkeit komplexer wird, werden die Prinzipien einfacher.

Die Botschaft dieser Änderungen: Es geht nicht mehr um Balance, sondern um Klarheit. Nicht mehr um Ausgleich, sondern um Richtung. Und diese Richtung zeigt ziemlich eindeutig weg vom Sozialen – und ein Stück weit auch weg von dem, was diesen Staat einmal ausgemacht hat.

Man kann das für konsequent halten. Ich finde die Veränderung ist ein Bekenntnis der Führungsspitze des Springer-Verlages, dem Zeitgeist hinterherzuhecheln. Wäre es nicht schön, wenn die Kundschaft solche offensichtlichen Manöver angemessen „honorieren“ würde?

Ich bin gespannt ob ein weiterer Fall im Hause Springer für Unruhe sorgen wird. Bei Jan Philipp Burgard, Chefredakteur „WELT“ ist die Situation anders als bei Reichelt: Und es fehlt bisher eine vergleichbare Faktendichte oder Konsequenz. Nach einer Herzoperation befindet er sich in Rekonvaleszenz und wird später als neuer „Global Reporter“ den Job von Schreiber (früher Tagesschau) in Israel übernehmen. Es gibt Berichte (u. a. von Correctiv + KSta) über irritierendes Verhalten im Kontext einer Feier.

Vielleicht wäre im Hinblick auf derartige Dinge eine Anpassung der „Essentials“ viel sinnvoller, Herr Döpfner?

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