Es sind oft kleine, vielleicht in den Augen mancher, unbedeutende Streichungen, die für andere am lautesten tönen. Ein Wort weniger – und plötzlich kippt die Statik eines ganzen Gebäudes. Beim Medienkonzern Axel Springer ist genau das passiert.
Aus der „freien und sozialen Marktwirtschaft“ ist schlicht die „freie Marktwirtschaft“ geworden. Das klingt nach Bürokratie, nach Übersetzungsarbeit für internationale Mitarbeiter. Tatsächlich ist es ein politisches Bekenntnis, das auch von Peter Thiel stammen könnte. Denn wer das Soziale streicht, streicht nicht nur ein Wort. Er streicht eine Idee. Die Idee, dass Märkte eingebettet sind. Dass Freiheit ohne Ausgleich nicht trägt. Dass wirtschaftliche Macht Grenzen braucht.
Und als wäre das nicht genug, verschwindet auch gleich das „vereinigte Europa“ aus dem Wertekanon. Europa – das war einmal mehr als ein Markt. Es war ein Versprechen. Frieden, Kooperation, ein Gegenentwurf zu den alten nationalen Reflexen. Jetzt ist es nur noch Kulisse. Wie Döpfner zu Europa steht, wird hier deutlich. Der Erwerb des britischen Mediums The Telegraph, in dem Europakritiker ihre Heimat haben, unterstreicht das.
Was bleibt, ist ein erstaunlich klarer Rest: Freiheit, Markt, transatlantische Bindung. Ein schlankes Weltbild. Fast schon elegant. Und zugleich beunruhigend reduziert.
Man kann das modern nennen. International anschlussfähig. Man kann es aber auch anders lesen. Als Anpassung.
Als Signal an Investoren, an Märkte, an ein Umfeld, in dem „sozial“ nur noch wie ein störender Nebensatz wirkt. Als leiser Abschied von einem Nachkriegsversprechen, das Deutschland geprägt hat wie kaum ein anderes Land.
Und dann ist da noch diese andere Ebene, die nicht in den „Essentials“ steht. Die nicht auf Hochglanzseiten gedruckt wird.
Die Frage nämlich, wie Macht in diesem Haus gelebt wird.
Die Affären der vergangenen Jahre – allen voran die um Julian Reichelt – haben gezeigt, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine Lücke klaffen kann. Eine ziemlich große sogar. Nähe, Abhängigkeit, Hierarchie – all das lässt sich nicht mit ein paar neu formulierten Grundsätzen einhegen.
Und genau deshalb wirkt diese Überarbeitung der „Essentials“ so irritierend.
Während nach innen Fragen offen bleiben, wird nach außen neu sortiert. Während Vertrauen erst mühsam wieder aufgebaut werden müsste, wird an Begriffen gefeilt. Während die Wirklichkeit komplexer wird, werden die Prinzipien einfacher.
Die Botschaft dieser Änderungen: Es geht nicht mehr um Balance, sondern um Klarheit. Nicht mehr um Ausgleich, sondern um Richtung. Und diese Richtung zeigt ziemlich eindeutig weg vom Sozialen – und ein Stück weit auch weg von dem, was diesen Staat einmal ausgemacht hat.
Man kann das für konsequent halten. Ich finde die Veränderung ist ein Bekenntnis der Führungsspitze des Springer-Verlages, dem Zeitgeist hinterherzuhecheln. Wäre es nicht schön, wenn die Kundschaft solche offensichtlichen Manöver angemessen „honorieren“ würde?
Ich bin gespannt ob ein weiterer Fall im Hause Springer für Unruhe sorgen wird. Bei Jan Philipp Burgard, Chefredakteur „WELT“ ist die Situation anders als bei Reichelt: Und es fehlt bisher eine vergleichbare Faktendichte oder Konsequenz. Nach einer Herzoperation befindet er sich in Rekonvaleszenz und wird später als neuer „Global Reporter“ den Job von Schreiber (früher Tagesschau) in Israel übernehmen. Es gibt Berichte (u. a. von Correctiv + KSta) über irritierendes Verhalten im Kontext einer Feier.
Vielleicht wäre im Hinblick auf derartige Dinge eine Anpassung der „Essentials“ viel sinnvoller, Herr Döpfner?

Anikacke halt. Sie hecheln dem Kapital hinterher und die großen „Investoren“ kommen nicht von hier.
@Juri Nello: Der Kapitalismus hat gewonnen. Man konnte es 1989 bereits ahnen.
Fakten selektiv: Wie die Springer-Presse Medienkritik instrumentalisiert Die Diskussion über den Begriff Remigration wurde durch eine einzelne Veranstaltung entfacht. Es geht seither darum, die Deutungshoheit…