Wenn der Staat weiß, wo das Geld verschwindet – und trotzdem zögert

Kein Geld in der Kasse? Erhöhen wir halt – trotz aller gegenteiliger Versprechungen – die Steuern. Wir kennen solche Finten der Politik und stecken im Moment schon wieder mittendrin. Darüber fällt manchen von uns ein, dass es ja irgendwie gewaltige Geldmengen gibt, die dem Staat unzugänglich sind, die sich jedoch eben dieser Staat durch normales Handeln nutzbar machen könnte. Nein, ich meine jetzt gar nicht die Reichen- oder Erbschaftssteuer.


Manchmal sind es Sätze, die hängenbleiben wie ein Splitter unter der Haut. Der von Anne Brorhilker gehört dazu. Hundert Milliarden Euro Steuerhinterziehung pro Jahr – und die Frage, wie ein Finanzminister das mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen kann. „Tu was dagegen“, sagt sie. Tja, ein Satz wie ein Hammerschlag. Könnte man meinen. Aber wen juckt das in diesem schwerfälligen Staat mit seiner vergesslichen Bevölkerung?

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Als Brorhilker das im Podcast sagte, war Lars Klingbeil Finanzminister. Der Satz zielt also auf ihn – allerdings nur zeitlich. Er könnte auf mehr als nur eine Person zutreffen. Er trifft eher ein System. Möglicherweise sogar auf eine Haltung, die sich über Parteigrenzen hinweg eingeschlichen hat.

Die Empörung ist schnell formuliert. Die Lösung scheint ebenso klar: mehr Steuerprüfer, mehr Kontrollen, mehr Einnahmen. Ende der Geschichte.

Oder? Das trifft auf die normale Steuerhinterziehung ebenso zu wie auf die Folgen von Cum-Ex und viele andere Skandale in der Geschichte des Landes.

Die einfache Rechnung – und ihre Tücken

Die Rechnung klingt bestechend: Jeder zusätzliche Steuerprüfer bringt ein Vielfaches seines Gehalts ein. Also einstellen, ausbauen, verstärken. Ein Investment, das sich selbst trägt. Kaum ein Politiker würde dem offen widersprechen. Ich kenne diese Argumentation seit sehr vielen Jahren. Als das Thema aufkam, war der Fachkräftemangel, glaube ich, noch gar nicht so massiv wie heute.

Und doch passiert genau das nicht, zumindest nicht in dem Umfang, der immer wieder gefordert wird.

Warum? Hier beginnt die Realität, und die ist weniger elegant als die Rechnung. Denn die Frage lautet nicht nur: Wollen wir mehr Prüfer? Sondern: Woher nehmen wir sie?

Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Gute Leute mit steuerlichem Know-how sind begehrt – und die Privatwirtschaft zahlt besser, bietet mehr Flexibilität, oft auch mehr Dynamik. Der Staat wirkt daneben zuverlässig, aber schwerfällig. Kein Ort, an dem Karrieren im Schnellgang verlaufen.

Das Problem kennen wir. Zum Beispiel aus der Pflege.

Der Blick in die Pflege – ein Lehrstück

Seit Jahren wird dort „attraktiver machen“ gepredigt. Bessere Bezahlung, mehr Ausbildung, Kampagnen, Zuwanderung. Und ja, es hat etwas gebracht. Aber nicht genug. Der Mangel bleibt. Die Belastung bleibt. Viele gehen. Ein Kreislauf, der sich selbst stabilisiert:

Zu wenig Personal macht den Job unattraktiv.
Der unattraktive Job zieht zu wenig Personal an. Nur ein Beispiel. Eines, das dieser Berufsgruppe genutzt hat. Es ist etwas passiert. Zufrieden ist man in der Pflege nach meinem Eindruck trotzdem nicht.

Könnte das bei Steuerprüfern ähnlich laufen?

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Man kann also sagen: Der Staat könnte mehr tun. Und gleichzeitig: Er kann es nicht beliebig. Denn neben dem Fachkräftemangel gibt es weitere Bremsklötze.

Die Bürokratie etwa. Mehr Prüfungen bedeuten mehr Aufwand – auch für die, die nichts zu verbergen haben. Unternehmen reagieren sensibel auf zusätzliche Belastungen. Der Standort Deutschland steht ohnehin unter Druck.

Dann die internationale Dimension. Große Summen verschwinden nicht in der Kneipe um die Ecke, sondern in komplexen Konstruktionen über Ländergrenzen hinweg. Hier stößt nationale Politik schnell an Grenzen. Ohne europäische oder globale Lösungen bleibt vieles Stückwerk.

Und schließlich die politische Priorität. Steuerhinterziehung bekämpfen bringt keine schnellen Schlagzeilen. Es ist mühsam, kleinteilig, langfristig. Politik aber lebt vom sichtbaren Effekt, vom kurzfristigen Erfolg.

Das Ergebnis ist ein seltsames Gleichgewicht:

  • Wir wissen, wo das Problem liegt.
  • Wir kennen die Instrumente.
  • Und wir setzen sie nur halbherzig ein.

Das bequeme Narrativ

Der Ruf nach mehr Steuerprüfern hat deshalb etwas Beruhigendes. Er klingt nach Lösung, ohne dass man sich den tieferen Fragen stellen muss. Dahinter steckt noch ein konspirativer Anwurf. Wessen Interessen werden da von den Politikern gewahrt?

Wie attraktiv ist der Staat als Arbeitgeber wirklich? Wie komplex darf ein Steuersystem sein? Welche Interessengruppen blockieren (die angeblich dringend nötigen) Reformen? Sollten Steuererklärungen nicht mal auf einen Bierdeckel passen, Herr Merz? Und wie viel Konsequenz trauen wir uns zu?

Es ist einfacher, mehr Personal zu fordern, als Strukturen zu verändern.

Ein Schulterzucken mit System

Am Ende bleibt Brorhilkers Satz im Raum stehen. Er wirkt, weil er moralisch klar ist. Aber er blendet die Widersprüche aus, in denen Politik tatsächlich operiert.

Ja, der Staat könnte mehr tun. Nein, er kann es nicht ohne Weiteres. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt die Wahrheit. Und sie ist weniger spektakulär als die Zahl von hundert Milliarden – aber vielleicht entscheidender. Denn das eigentliche Problem ist nicht, dass wir nichts wissen. Es ist, dass wir mit dem, was wir wissen, nur zögerlich umgehen. Die Frage nach dem Warum bleibt letztlich offen.

Ein Schulterzucken also. Nicht aus Unwissen, sondern aus Gewohnheit.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.