Die gedopten Spiele der Milliardäre

26. Mai 2026

Die Tagesschau berichtete über die sogenannten Enhanced Games. Schon der Name klingt wie aus der Werbeabteilung eines Silicon-Valley-Konzerns: verbessert, gesteigert, optimiert. Als sei der Mensch ein Gerät, bei dem man nur noch ein Update einspielen muss.

Tatsächlich geht es um einen Sportwettbewerb, bei dem Doping nicht heimlich geschieht, sondern Teil des aus meiner Sicht abartigen und menschenunwürdigen Geschäftsmodells ist. Wie so manches, was die Herren aus dem Silicon Valley und ihre Unterstützer in diese Welt bringen.

In Las Vegas traten 42 Athletinnen und Athleten in Schwimmen, Gewichtheben und Leichtathletik an. Sie hatten im Vorfeld Zugang zu leistungssteigernden Mitteln, angeblich unter ärztlicher Aufsicht. Einige verbesserten persönliche Bestleistungen, aber der große sportliche Urknall blieb aus. Eine Weltrekordzeit wurde übertroffen – und selbst die wird (selbstverständlich!) von den etablierten Verbänden nicht anerkannt.

Hinter dem Spektakel stehen unter anderem die deutschen Unternehmer Christian Angermayer und Maximilian Martin. Medienberichten zufolge zählen auch Peter Thiel und Donald Trump Jr. zu den Geldgebern. Das passt leider ziemlich gut in diese Zeit: Wo Milliardäre, politische Lautsprecher und der alte Traum vom „neuen Menschen“ zusammenkommen, ist der Weg zum Zirkus nicht weit.

Der Mensch als Geschäftsmodell

Natürlich wird das Ganze als Fortschritt verkauft. Als Befreiung der Athleten. Als ehrlicher Umgang mit dem, was im Spitzensport ohnehin passiere. Man kennt diese Masche: Erst wird ein Tabu eingerissen, dann nennt man es Transparenz.

Aber was wird hier wirklich befreit? Der Körper? Oder doch eher der Markt?

Die Enhanced Games sind keine harmlose Provokation. Sie machen aus Sportlern Versuchskörper mit Startnummer. Wer gewinnt, gewinnt nicht nur wegen Talent, Training, Disziplin und Nervenstärke. Er gewinnt auch wegen chemischer Aufrüstung, medizinischer Grenzverschiebung und finanzieller Verlockung. Das ist nicht die Zukunft des Sports. Das ist seine Kapitulation vor dem Labor.

Und ja, der normale Spitzensport ist nicht unschuldig. Ich sage nur Infantino oder die IOC-Präsidenten vergangener Zeiten. Auch dort gibt es Betrug, Vertuschung, Druck, kaputte Körper, Funktionäre mit zu viel Macht und Athleten mit zu wenig Schutz. Aber die Antwort auf ein beschädigtes System kann doch nicht sein, den Schaden zum Prinzip zu erklären.

Die falsche Ehrlichkeit

Die Befürworter dieser Spiele sagen: Wenigstens sei alles offen. Kein Versteckspiel, keine Heuchelei. Das klingt zunächst fast verführerisch. Ist das ehrlich oder zynisch? Für mich ist es Zynismus in höchster Potenz!

Nur ist nicht jede Offenheit, alle gegebenen Möglichkeiten auszunutzen, automatisch moralischer Fortschritt. Hier ist es das Gegenteil. Wenn Doping erlaubt wird, verschwindet der Druck nicht. Er wird nur ehrlicher, noch brutaler und auch marktfähiger. Das heißt, es findet sich Zuspruch und sogar Leute, die sich an diesen Gladiatorenkämpfen erbauen.

Denn was passiert mit jungen Sportlern, die zuschauen? Was lernen sie daraus? Dass Leistung nicht mehr genügt. Dass der Körper ein Projekt ist. Dass Grenzen nicht respektiert, sondern monetarisiert werden müssen. Die Welt-Anti-Doping-Agentur hatte das Konzept bereits als gefährlich und unverantwortlich kritisiert. Auch andere Anti-Doping-Stimmen sprechen von einem Spektakel, das mit fairem Sport wenig zu tun hat.

Trump-Sohn, Thiel und der neue Gladiator

Dass ausgerechnet Leute wie Donald Trump Jr. und Peter Thiel in diesem Umfeld auftauchen, überrascht kaum. Es ist diese Mischung aus Macht, Geld, Provokation und Verachtung für gewachsene Regeln. Alles soll disruptiv sein. Alles soll größer, härter, lauter werden. Selbst der menschliche Körper wird zur Bühne für Investorenfantasien.

Früher standen Gladiatoren in der Arena, heute stehen Athleten im Scheinwerferlicht von Las Vegas. Damals jubelte das Publikum, heute klicken Kameras, Investoren rechnen und Influencer erklären uns, das sei die Zukunft. Wundern sollten wir uns über die Entwicklung allerdings nicht. Schließlich deutete sich lange an, was nun von Menschen wie sie im Umfeld des US-Präsidenten zu finden sind, zur Normalität avancieren soll.

Zukunft, das sollte man Herr Trump oder Herrn Thiel deutlich sagen, ist nicht automatisch gut, nur weil Regeln gebrochen werden, sie glänzt oder weil die, die an den großen Rädern drehen, meinen, dass dies so sei.

Man muss niemanden beschimpfen, um diesen Zynismus zu erkennen. Es reicht, genau hinzusehen. Hier wird nicht der Sport verbessert. Hier wird die Hemmschwelle gesenkt. Und am Ende stehen nicht Supermenschen, sondern Menschen, deren Körper zum Material einer Show gemacht werden.

Kein Fortschritt, sondern Rückfall

Die Enhanced Games zeigen nicht, wie mutig die Moderne ist. Sie zeigen, wie alt manche Versuchungen sind. Der Wunsch, Menschen zu optimieren. Der Wunsch, Regeln wegzuwischen. Der Wunsch, aus Risiko Rendite zu machen.

Sport war nie rein. Aber er lebt von einer Idee: dass Leistung vergleichbar bleibt, dass Fairness wenigstens angestrebt wird, dass der Körper nicht beliebig verfügbar ist. Wer diese Idee aufgibt, bekommt vielleicht ein paar spektakuläre Sekunden auf der Anzeigetafel. Aber er verliert etwas Größeres.

Die Nachricht des Tages wäre: Nicht die Athleten sind verbessert worden. Verbessert wurde nur das Geschäftsmodell derer, die an ihnen verdienen wollen.

Jülich meldet schon jetzt Wasserknappheit

25. Mai 2026

Es gibt zu viele negative Nachrichten, finde ich. Aber diese hat mich nicht nur überrascht, sondern macht mich zudem noch besorgter, was unser aller Zukunft angeht. Unsere Nachbarstadt Jülich meldet „Trinkwasser wird knapp„.

Warum gibt es bereits jetzt Wasserprobleme in Jülich?

  • Verdoppelter Verbrauch: Hitze treibt Wasserverbrauch durch Gartenbewässerung und Pools massiv in die Höhe – besonders nachts, wenn sich die Speicher eigentlich erholen sollten.
  • Zu kleine Infrastruktur: Nur drei Tiefbrunnen und zwei Reservoirs mit 5000 m³ – für Spitzenlast schlicht zu wenig, ein neues Wasserwerk ist erst geplant.
  • Kumulierte Trockenheit: Frühjahr 2025 und Winter 2025/26 waren beide ungewöhnlich trocken – der „Wasser-Akku“ wurde nie aufgefüllt.
  • Extrem trockener April 2026: Nur halb so viel Regen wie normal (~25 statt 58 Liter/m²), was die Lage weiter verschärfte.

Das Grundproblem: Der Grundwasservorrat wird normalerweise in Winter und Frühjahr aufgefüllt. Da das im Jahr 2025/26 kaum passiert ist, reicht die erste Sommerhitze, um die Versorgung sofort an ihre Grenzen zu bringen.

Und ich hatte mich gefreut, dass es weniger regnet und endlich schönes Wetter ist. Zu früh gefreut.

Trockenheit in Deutschland – Fragen und Antworten | Umweltbundesamt

Wenn die Suchmaschine zur Antwortmaschine wird

25. Mai 2026

Wer in den letzten Monaten das Gefühl hatte, dass das Internet, wie wir es kennen und schätzen, zunehmend aus dem letzten Loch pfeift – der lag nicht falsch. Auf der Google I/O 2026 hat der Konzern offiziell das Ende der klassischen Suche eingeläutet. So berichtet TechCrunch: Aus der Suchmaschine wird eine KI-gestützte Antwortmaschine. Das neue „intelligente Suchfeld“ ist laut Google die größte Veränderung seit der Einführung der Suchleiste vor über 25 Jahren. Statt einer Liste mit Links landen Nutzer künftig in interaktiven KI-Erlebnissen, können „Informationsagenten“ losschicken und sich personalisierte Mini-Apps zusammenstellen.

Das klingt nach Innovation. Es ist aber vor allem eines: das Ende eines Ökosystems.

Zahlen, die wehtun

Die KI-Suche ist kein Zukunftsszenario mehr – sie ist bereits Gegenwart, und die Auswirkungen sind messbar. Eine Analyse von Sistrix, berichtet vom Deutschlandfunk, kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Deutsche Websites verlieren durch Googles KI-Übersichten bereits jetzt monatlich rund 265 Millionen Klicks. Wikipedia allein büßt geschätzte 31,6 Millionen Aufrufe pro Monat ein. Seiten zu Gesundheit, Familie und Haus verlieren über 20 Prozent ihres Traffics. Nachrichtenportale liegen bei minus 7,4 Prozent. In fast 60 Prozent aller Suchanfragen klickt heute überhaupt niemand mehr auf eine Website. Die KI fasst zusammen, präsentiert, und der Nutzer bleibt, wo er ist: in der Google-Oberfläche.

Das ist kein gradueller Wandel. Das ist ein Strukturbruch.

Das Geschäftsmodell ist das Opfer

Webseiten finanzieren sich über Besucher. Besucher kommen über Suchmaschinen. Werbung – ob klassische Banner oder Google AdSense – rechnet sich nur bei Klicks und Seitenaufrufen. Wenn die KI-Suche den Nutzer nie auf die eigentliche Seite weiterleitet, kollabiert diese Kette vollständig. Das betrifft nicht nur kleine Blogs oder Nischenseiten. Portale wie Slashfilm, die über Jahre durch pointierte Überschriften und verlässliche Klickströme lebten, stehen vor einem Modell, das ihnen schlicht die Grundlage entzieht. Ob ein Verlag wie Forbes sich weiterhin einen TV-Kritiker leistet, wenn dessen Artikel kaum noch angeklickt werden – das ist keine rhetorische Frage mehr.

Und gleichzeitig torpediert Google damit sein eigenes AdSense-Modell, das jahrelang zu den profitabelsten Einnahmequellen des Konzerns zählte. Der Gedanke dahinter: Werbung soll künftig direkt in KI-Antworten integriert werden. Google tauscht ein bewährtes Modell gegen ein unerprobtes – und schleppt den Rest des Webs als Kollateralschaden mit.

SEO lebt – aber kaum noch

Google selbst versucht, Webseitenbetreiber zu beruhigen. Im offiziellen Leitfaden zur KI-Optimierung heißt es: „Is SEO still relevant for generative AI search? In short, yes!“ Was das konkret bedeutet, bleibt schwammig. Aktuelle Ranking-Faktoren wie E-E-A-T – Expertise, Erfahrung, Autorität, Vertrauenswürdigkeit – bleiben relevant, klare Strukturen und nachgewiesene Kompetenz ebenso. Aber was am Ende der KI-Suche als sichtbare Quelle überlebt, dürfte kaum mehr sein als ein Fußnotenlink in Klammern – vergleichbar mit dem, was ChatGPT heute schon liefert.

SEO wird nicht sterben. Es wird zu einer Disziplin, die dafür sorgt, dass KI-Systeme eine Seite als Quelle erwähnen. Das Ziel ist nicht mehr der Klick.

Die eigentliche Frage

Das alles läuft auf ein grundlegendes Problem zu, das selten laut ausgesprochen wird: KI-Systeme – auch die KI-Suche – basieren auf menschlich erstellten Inhalten. Sie wurden trainiert auf Blogs, Journalismus, Forenbeiträgen, Wikipedia-Artikeln. Wenn diese Inhalte sich wirtschaftlich nicht mehr lohnen, weil niemand mehr auf die Quellseiten klickt, werden sie seltener. Und dann? Die Frage, woraus künftige KI-Modelle lernen sollen, wenn das offene Web austrocknet, stellt sich nicht erst in zehn Jahren.

Googles KI-Suche ist damit nicht nur ein Angriff auf das Webseitenökosystem. Sie ist ein langsamer Angriff auf die eigene Wissensgrundlage.

Walled Gardens und was bleibt

Das Resultat dieser Entwicklung zeichnet sich bereits ab: Wer noch kann, zieht sich hinter geschlossene Plattformen zurück. Newsletter statt Blogs. Paywalls statt offener Artikel. Communitys statt öffentlicher Kommentarspalten. Das offene Web weicht einem Netz aus kontrollierten Umgebungen – Walled Gardens, in denen Konzerne und Plattformbetreiber bestimmen, was sichtbar ist und was nicht.

Initiativen wie der UberBlogr-Webring oder Debatten auf der re:publica über eine neue Blogosphäre sind in diesem Kontext kein nostalgisches Projekt – sie sind ein politischer Akt. Das Hyperlink-basierte Web, in dem Inhalte miteinander vernetzt und auffindbar waren, ist eine Infrastruktur, die es zu verteidigen lohnt. Nicht weil früher alles besser war. Sondern weil das, was gerade passiert, konkrete Konsequenzen hat: für unabhängigen Journalismus, für kleine Betriebe, die von lokalen Suchergebnissen leben, für jeden, der das Netz noch als Werkzeug zur Informationsgewinnung und nicht als Unterhaltungskanal benutzt.

Die EU hat mit dem Digital Markets Act bereits Instrumente geschaffen, um Gatekeeper-Plattformen zu regulieren. Ob das reicht, um einen Wandel dieser Dimension einzuhegen – das bleibt die offene Frage dieser Jahre.

E-E-A-T erklärt: Was Google damit meint und warum es wichtig ist – Seorado.de – Freelancer für Seo & E-Commerce

Für 8-jährige:

Stell dir vor, du willst wissen, ob ein Pilz im Wald essbar ist.

Dann fragst du besser nicht irgendein Kind auf dem Spielplatz, das sagt: „Sieht lecker aus.“
Du fragst lieber jemanden, der sich mit Pilzen auskennt, schon oft im Wald war, vielleicht ein Pilzbuch geschrieben hat und ehrlich sagt: „Bei diesem Pilz musst du vorsichtig sein.“

Google versucht genau das im Internet.

Es schaut sich Webseiten an und fragt ungefähr:

„Hat diese Seite wirklich Ahnung?“
„Hat der Schreiber das selbst erlebt?“
„Vertrauen andere dieser Seite?“
„Sagt die Seite klar, wer sie gemacht hat?“
„Sind die Informationen richtig und sicher?“

Eine gute Webseite ist also wie ein guter Lehrer:
Sie erklärt etwas verständlich, sagt nicht einfach irgendwas, zeigt, woher sie ihr Wissen hat, und tut nicht so, als wüsste sie alles besser.

E-E-A-T heißt deshalb ganz einfach:

Google mag Seiten, denen Menschen vertrauen können.

Für deinen Blog bedeutet das ganz praktisch:

Schreibe sichtbar als du selbst. Zeige Erfahrung, Haltung und Quellen. Verlinke sauber. Pflege eine gute Über-mich-Seite, Impressum, Kontaktmöglichkeiten und korrigiere Fehler offen, wenn sie passieren. Gerade persönliche Blogs haben hier einen Vorteil: Sie können echte Erfahrung zeigen — nicht diese glattgebügelte SEO-Suppe aus der Konservendose.

Die Blogosphäre der einen und die Gedanken der anderen

24. Mai 2026

Ich lese dieser Tage wieder einiges über Blogs. Über ihre Vergangenheit, ihre Zukunft, ihre Bedeutung, ihren Niedergang, ihre Wiederauferstehung. Das Übliche also. Ein bisschen Friedhof, ein bisschen Frühling, ein bisschen Digitalromantik mit WLAN-Anschluss.

Und während ich das lese, merke ich: Mit vielen dieser Blogger fühle ich mich zugegebenermaßen nicht verbunden. Kein Vorwurf! Echt nicht. Es ist eher eine nüchterne Feststellung. Ich mache dazu auch keine Verlinkung. Wie wenn man in eine Kneipe kommt, in der alle sich seit zwanzig Jahren kennen, und man selbst steht mit seinem Bier am Tresen und denkt: Aha. Hier gibt es offenbar eine Sitzordnung, die mir niemand erklärt hat.

Das zeigt sich nicht erst bei einem Blick auf manche Blogrollen. Die Blogger, die ich „kenne“, tauchen dort gar nicht auf. Menschen, deren Texte ich lese. Leute, die seit Jahren schreiben, verlinken, widersprechen, zweifeln, erzählen. Sie kommen in dieser sichtbaren deutschen Bloghemisphäre schlicht nicht vor. Fußvolk halt. Wobei Fußvolk ein hässliches Wort ist. Aber manchmal trifft gerade das hässliche Wort den schiefen Ton einer Szene ganz gut.

Es gibt offenbar ein Blog-Oberhaus

Manche Namen sind immer da. Sie gehören zum Inventar. Wenn über Blogs gesprochen wird, sitzen sie schon auf dem Podium, bevor die Einladung verschickt wurde. Sie schreiben klug, keine Frage. Viele haben Verdienste. Das soll man gar nicht kleinreden. Ohne diese Leute wäre die deutsche Bloggeschichte ärmer.

Aber es gibt eben auch diesen leichten Geruch nach Oberhaus. Nach „wir waren schon da, als ihr noch gar nicht wusstet, was ein RSS-Feed ist“. Nach digitalem Salon, in dem man sich gegenseitig kennt, zitiert, empfiehlt und gelegentlich versichert, wie wichtig das alles einmal war.

Und dann gibt es die vielen anderen. Die ohne Szeneanschluss. Ohne re:publica-Bändchen. Ohne Erinnerungsfoto aus Berlin. Ohne Netzwerk, das ihre Texte zuverlässig weiterträgt. Die schreiben trotzdem. Nicht aus Karrieregründen, nicht für Panels, nicht für die nächste medienkulturelle Selbstvergewisserung. Sondern weil ihnen etwas unter den Nägeln brennt.

Ich muss da nicht dazugehören

Auch als Rentner hält sich mein Bedürfnis in Grenzen, nach Berlin zu fahren und mir dort erklären zu lassen, was Bloggen angeblich heute bedeutet.Das klingt jetzt böser, als es gemeint ist.

Ich habe nichts gegen Konferenzen. Menschen sollen sich treffen, reden, streiten, feiern. Daran ist nichts falsch. Aber mich zieht das nicht an. Diese Mischung aus Szenesprache, Medienbetrieb, Selbstbespiegelung und moralisch gut gebügeltem Haltungssakko hat für mich wenig Reiz.

Mir reicht der Küchentisch. Der Schreibtisch. Die Tastatur. Der Moment, in dem ein Satz endlich sitzt. Oder auch nicht sitzt, aber trotzdem raus muss, weil der Tag sonst schief im Magen liegt.

Vielleicht ist das altmodisch. Vielleicht ist es auch einfach Bloggen.

Die Mehrheit schreibt im Schatten

Was mich stört, ist nicht, dass einige sichtbarer sind als andere. Sichtbarkeit verteilt sich nie gerecht. Das war nie anders. Mich stört eher, wenn aus dieser Sichtbarkeit eine Art Deutungshoheit entsteht. Als seien die bekannten Stimmen automatisch die Blogosphäre.

Sind sie nicht.

Die Blogosphäre besteht auch aus den kleinen Seiten. Aus privaten Notizen, politischen Kommentaren, regionalen Beobachtungen, Alltagsminiaturen, Wuttexten, Erinnerungen, Linktipps, Gedankensplittern. Aus Menschen, die keine Marke sind. Die keine Bühne brauchen. Die sich nicht mit einem Namensschild durch Berlin bewegen, sondern morgens den Kaffee neben die Tastatur stellen und loslegen.

Diese Mehrheit ist weniger glamourös. Aber sie ist lebendig. Vielleicht lebendiger als manches, was sich selbst für relevant hält.

Bloggen braucht keine Aufnahmeprüfung

Ich will niemandem den Platz streitig machen. Die sogenannten Eliteblogger haben ihren Platz. Sie haben ihre Geschichte, ihre Verdienste, ihre Leser. Alles gut.

Aber daneben gibt es eben uns andere. Die nicht eingeladen werden, nicht vorkommen, nicht gemeint sind, wenn wieder einmal über „die Blogs“ gesprochen wird. Wir schreiben trotzdem. Und vermutlich ist genau das der Punkt.

Bloggen war für mich nie eine Eintrittskarte in eine Szene. Es war immer ein eigenes Zimmer im Netz. Eine kleine, widerspenstige Parzelle. Kein Palast, eher Gartenlaube. Aber meine.

Und wenn dort nicht die große Blogprominenz vorbeikommt, dann ist das zu verschmerzen. Manchmal ist es sogar angenehm. Denn am Ende zählt nicht, ob man auf der richtigen Blogrolle steht. Am Ende zählt, ob man noch etwas zu sagen hat.

Und ob man es sagt.

Arbeitsrealität ist mehr als Blaumann und Nachtschicht

24. Mai 2026

Wenn aus einer Anekdote eine Weltanschauung wird

Der WELT-Beitrag über Heidi Reichinnek ist ein gutes Beispiel dafür, wie man aus einer kleinen Arbeitserfahrung eine große Abrechnung mit der modernen Linken bastelt. Reichinnek erzählt von Inventurjobs, einem Toilettengang, der offenbar nicht als Arbeitszeit gelten sollte, und Arbeit im Tiefkühlbereich ohne Handschuhe. Der Autor macht daraus eine Diagnose: Die Linke habe die Arbeitsrealität verloren.

Das klingt flott. Es liest sich auch flott. Aber es ist schief.

Denn die Arbeitsrealität beginnt nicht erst dort, wo Stahl glüht, Schichtsirenen heulen und jemand mit rußigem Gesicht nach Hause kommt. Arbeitsrealität ist auch der Einzelhandel. Sie ist das Kühlregal, der Dienstplan, die Inventur, der Minijob, die befristete Stelle, der Vorgesetzte, der sagt: Erst austragen, dann Toilette. Das ist kein Weltuntergang. Aber es sagt etwas über Haltung aus.

Der Spott ersetzt die Prüfung

Der Autor arbeitet stark mit Herabsetzung. Aus Reichinneks Erzählung wird „Wohlstandsverwahrlosung“. Aus Empörung wird „heilige Wut“. Aus Kritik an schlechten Arbeitsbedingungen wird angeblich ein seelisches Drama linker Milieus.

Das ist rhetorisch geschickt. Nur ersetzt Spott keine Analyse.

Die entscheidenden Fragen wären doch einfach: Wurde Arbeitszeit nicht bezahlt? Wurden Schutzmittel verweigert? Werden Beschäftigte in solchen Jobs oft behandelt, als seien sie bloß Material im Betriebsablauf? Wer diese Fragen nicht stellt, sondern lieber über die Empfindlichkeit der Linken spottet, verschiebt die Debatte. Dann geht es nicht mehr um Arbeitsrealität, sondern um die Tonlage derjenigen, die sie kritisieren.

Der Arbeiter als romantische Figur

Der WELT-Text wirft der Linken vor, den Arbeiter zur Erzählfigur gemacht zu haben. Das ist nicht völlig falsch. Teile der Linken reden tatsächlich oft so, als kämen ihre Sätze frisch aus dem Seminarraum und nicht aus dem Alltag der Leute. Sprachfragen, Identitätspolitik und symbolische Kämpfe haben manchmal mehr Raum bekommen als Miete, Lohn, Rente und Stromrechnung.

Aber der Autor macht denselben Fehler von der anderen Seite.

Sein Arbeiter ist der klassische Malocher: früh raus, harte Schicht, schwere Arbeit, knapper Lohn. Diese Menschen gibt es. Natürlich. Aber sie sind nicht die ganze Arbeitsrealität. Eine Verkäuferin, eine Pflegekraft, ein Lagerarbeiter, ein Paketfahrer, eine Reinigungskraft oder ein Mensch im befristeten Dienstleistungsjob gehören genauso dazu. Arbeit riecht heute nicht immer nach Öl und Werkhalle. Manchmal riecht sie nach Desinfektionsmittel, Tiefkühltruhe, Pappe, Kantine und Müdigkeit.

Der wahre Punkt bleibt liegen

Ja, Reichinnek muss aufpassen, aus kurzen studentischen Arbeitserfahrungen keine zu große biografische Heldenerzählung zu machen. Wer nur kurz in solche Jobs hineingeschaut hat, sollte nicht so sprechen, als habe er das ganze Elend jahrzehntelanger prekärer Arbeit selbst getragen.

Stärker wäre der Satz: Ich habe in kleinen Ausschnitten erlebt, wie respektlos Arbeit organisiert sein kann. Andere erleben das jeden Tag, viel härter und viel länger.

Aber genau da liegt auch der blinde Fleck des WELT-Beitrags. Kleine Ungerechtigkeiten sind nicht bedeutungslos, nur weil es größere gibt. Sie zeigen oft, wie ein System tickt. Wer Beschäftigten signalisiert, dass selbst ein Toilettengang nur dann zählt, wenn er betriebswirtschaftlich sauber ausgetragen wurde, sagt mehr über Arbeitsrealität, als ihm lieb sein kann.

Was bleibt

Der WELT-Beitrag trifft einen wunden Punkt: Die Linke hat ein Vermittlungsproblem. Sie muss wieder glaubwürdiger über Arbeit, Löhne, Mieten, Renten und Alltag reden. Weniger Pose, mehr Bodenhaftung. Weniger moralische Selbstvergewisserung, mehr handfeste Politik.

Aber der Text macht es sich zu bequem. Er nimmt Reichinneks Beispiele nicht ernst, sondern nutzt sie als Sprungbrett für eine längst fertige Pointe: Die Linke sei urban, empfindlich und wirklichkeitsfern.

Das ist keine ganz falsche Beobachtung. Aber sie wird zur Karikatur.

Denn wer ausgerechnet Erfahrungen aus Einzelhandel und Inventur zur Entkopplung von der Arbeitsrealität erklärt, steht selbst nicht besonders fest auf dem Boden dieser Realität. Arbeit ist heute eben nicht nur Blaumann und Nachtschicht. Arbeit ist auch Kasse, Kühlregal, App-Steuerung, Befristung, Dienstplan und das müde Lächeln, wenn jemand sagt: Stell dich nicht so an.

Und genau dieses „Stell dich nicht so an“ ist der eigentliche Ton des WELT-Textes. Elegant formuliert. Aber von oben gesprochen. Eigentlich völlig typisch für die ignoranten Springer-Texter, die sich im Auftrage des großen Ganzen (also ihres Konzernchefchens) leicht dazu bringen lassen, die andere Seite der Gesellschaft und diejenigen, die deren Interesse vertreten, so zu behandeln, als seien sie Idioten, denen man erst einmal die Welt erklären müsse.

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