Die Broschüre, die der AfD den Spiegel vorhält
Die CDU hat eine Broschüre über die AfD veröffentlicht. Der Titel ist nicht gerade ein Samthandschuh: „Abstieg für Deutschland. Keine Alternative.“ Darin wird die AfD als demokratieschädlich, antisemitisch und völkisch beschrieben. Das ist harter Stoff. Aber wer sich die zitierten Aussagen anschaut, merkt schnell: Die CDU hat hier nicht heimlich in irgendeinem Keller Gerüchte zusammengerührt. Sie hat öffentlich auffindbare Aussagen, Verfassungsschutz-Einstufungen und politische Muster zusammengetragen. Genau das macht die Sache für die AfD so unangenehm.
Der Zweck dieser Broschüre ist klar: Die CDU will ihren Mitgliedern, Funktionären und Wählerinnen Material an die Hand geben. Eine Argumentationshilfe gegen die AfD. Keine wissenschaftliche Dissertation, kein neutraler Bericht aus dem Elfenbeinturm. Sondern politisches Material. Zugespitzt, parteiisch, kämpferisch. Aber deshalb noch lange nicht falsch.
Nach Angaben der CDU wurden die Zitate bereits vor Monaten gesammelt, pünktlich zum CDU-Bundesparteitag im Februar 2026. Öffentlich Wellen geschlagen hat die Sache dann am 21. Mai 2026, als AfD-Mann Bernd Baumann in der CDU-Zentrale auftauchte und die Empörung aufführte wie eine Wanderbühne. Das Handelsblatt schrieb am 22. Mai 2026, die AfD habe scharf reagiert: Ein Bundestagsabgeordneter habe Anzeige wegen Verleumdung erstattet, Baumann habe sich ein Exemplar aus der CDU-Zentrale geholt und das Ganze als „Pamphlet voll von Lügen“ bezeichnet.
Man muss der CDU nicht jeden politischen Weihrauch abkaufen, um zu sehen: Diese Broschüre trifft einen wunden Punkt. Und die AfD reagiert, wie sie oft reagiert, wenn sie getroffen wird: laut, beleidigt, drohend. Erst den Rechtsstaat verachten, dann zum Anwalt laufen. Auch das ist eine Art Heimatfilm.
AfD und Demokratie: Das Problem ist nicht der Streit
Natürlich darf man die CDU kritisieren. Natürlich darf man diese Broschüre parteipolitisch nennen. Sie ist parteipolitisch. Überraschung! Eine CDU-Broschüre wurde nicht von der Zentrale für politische Bildung herausgegeben. Aber die entscheidende Frage lautet nicht: Ist das CDU-Material? Die entscheidende Frage lautet: Stimmen die Vorwürfe im Kern?
Die CDU schreibt in der Broschüre, die AfD sei kein konservativer Wettbewerber und keine bürgerliche Partei. Sie greife demokratische Institutionen an, erkläre politische Gegner zu Feinden und spreche wesentlichen Säulen der demokratischen Ordnung die Legitimität ab. In der Broschüre heißt es außerdem, die AfD denke nicht vom einzelnen Menschen her, sondern von Kollektiven ethnisch Gleicher. Das ist der Kern des Problems.
Diese AfD attackiert nicht nur einzelne Entscheidungen. Sie attackiert das demokratische Spielfeld selbst. Sie redet von „Altparteien“, als seien alle anderen politischen Kräfte ein einziger fauler Block. Sie stellt Medien, Gerichte, Parlamente, Behörden und politische Gegner unter Generalverdacht. Das ist nicht mehr die normale Härte demokratischer Auseinandersetzung. Das ist eine Methode.
Wer immer nur ruft, alle anderen seien Verräter, Marionetten, Systemlinge oder Volksfeinde, der will nicht diskutieren. Der will delegitimieren. Erst wird das Vertrauen zerstört, dann bietet man sich selbst als einziger Retter an. Das ist nicht neu. Das ist der alte autoritäre Verkaufsstand mit frischer LED-Beleuchtung.
Der Rechtsstaat als Gegner
Besonders heftig trifft die Broschüre dort, wo sie den Umgang der AfD mit dem Rechtsstaat beschreibt. Die AfD kann mit Institutionen offenbar nur umgehen, solange diese ihr nützen. Wenn Gerichte anders entscheiden, wenn der Verfassungsschutz hinschaut, wenn Medien nachfragen, dann ist sofort vom politischen System, von gelenkter Justiz oder von Verfolgung die Rede.
Das ist bequem. Man ist nie verantwortlich. Man ist immer Opfer. Die AfD beherrscht diese Opferrolle inzwischen wie andere Leute das Einparken. Nur leider geht es hier nicht um Theater, sondern um Demokratie.
Die Broschüre verweist unter anderem auf Einstufungen von AfD-Landesverbänden durch Sicherheitsbehörden. Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt spielen dabei eine zentrale Rolle. Für Sachsen-Anhalt wird in der Broschüre angeführt, der Landesverband sei wesentlich von der rassistischen Ideologie des Ethnopluralismus durchdrungen und verstoße gegen die Menschenwürdegarantie des Grundgesetzes.
Gerade dieser Punkt ist für die AfD besonders gefährlich. Denn hier geht es nicht mehr um die übliche Wahlkampffrage, ob Steuern zu hoch oder Behörden zu langsam sind. Hier geht es um Artikel 1. Um Menschenwürde. Um die Frage, ob Menschen in diesem Land gleiche Rechte haben oder ob erst einmal geprüft wird, ob sie den richtigen Stammbaum, das richtige Aussehen, den richtigen Namen und die richtige Herkunft mitbringen.
Das ist die eigentliche Grenze. Und diese Grenze wird von der AfD immer wieder angetastet.
Remigration: Das kalte Wort für eine heiße Fantasie
Einer der härtesten Punkte der CDU-Broschüre ist das Thema Remigration. Dieses Wort klingt technisch. Fast harmlos. Wie ein Formular aus dem Innenministerium, Ablagefach C, bitte dreifach unterschreiben. Aber politisch ist es Sprengstoff.
Die Broschüre beschreibt Remigration als Angriff auf Gesellschaft und Verfassung. Sie stellt den Zusammenhang her zwischen AfD-Rhetorik, völkischem Denken und der Idee, Menschen in „richtige“ und „falsche“ Deutsche einzuteilen. Genau hier wird es ernst.
Denn es geht nicht nur um Menschen ohne Aufenthaltsrecht. Es geht in der AfD-Rhetorik längst um mehr. Es geht um Deutsche mit Migrationsgeschichte. Um Menschen, die einen deutschen Pass haben, aber aus Sicht mancher AfD-Politiker offenbar trotzdem nicht richtig dazugehören. „Passdeutsche“ nennen sie solche Menschen dann gern. Ein ekelhaftes Wort. Ein Wort, das den Pass nimmt und die Würde gleich mit.
Die demokratische Antwort ist einfach: Wer deutscher Staatsbürger ist, ist Deutscher. Punkt. Nicht Deutscher zweiter Klasse. Nicht Deutscher auf Bewährung. Nicht Deutscher mit Fußnote. Deutscher.
Die AfD greift genau diesen Gedanken an. Und deshalb ist der Streit um Remigration kein Randthema. Er ist ein Lackmustest. Wer hier herumlaviert, sollte wenigstens zugeben, dass er nicht mehr über normale Migrationspolitik spricht, sondern über Zugehörigkeit nach völkischem Muster.
Erinnerungskultur ist kein lästiger Altbau
Die CDU-Broschüre wirft der AfD auch vor, die Verantwortung für die deutsche Geschichte tilgen zu wollen. Auch hier kann man natürlich sagen: Die CDU formuliert hart. Ja. Tut sie. Aber man muss schon sehr fest die Augen zukneifen, um nicht zu sehen, was Teile der AfD seit Jahren treiben.
Da wird von „Schuldkult“ gesprochen. Da wird die Erinnerung an die NS-Verbrechen als Belastung dargestellt. Da soll Deutschland endlich wieder stolz sein, als sei historische Verantwortung eine nasse Wolldecke, die man nur abschütteln müsse.
Aber die Erinnerungskultur ist kein lästiger Altbau, den man endlich abreißen sollte, damit Parkplätze entstehen. Sie ist ein tragender Pfeiler dieser Republik. Ohne sie versteht man die Bundesrepublik nicht. Ohne sie versteht man das Grundgesetz nicht. Ohne sie versteht man auch die CDU nicht, die sich in ihrer Broschüre ausdrücklich auf das „Nie wieder“ nach der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte beruft.
Das ist übrigens einer der stärkeren Punkte der Broschüre. Sie erinnert die CDU selbst an ihre Herkunft. Das kann für diese Partei nicht schaden. Denn auch in der Union gibt es bekanntlich immer wieder Leute, die beim Wort Brandmauer nervös auf ihre Schuhe schauen.
Jüdisches Leben als Kulisse im Kulturkampf
Besonders widerlich wird es dort, wo jüdisches Leben gegen Muslime ausgespielt wird. Die AfD gibt sich gern als Schutzmacht jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Aber dieser Schutz endet auffällig oft dort, wo rechter Antisemitismus benannt werden müsste.
Muslimischer Antisemitismus existiert. Natürlich. Er muss bekämpft werden. Aber wer ihn benutzt, um alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen, schützt keine Juden. Er führt Kulturkampf.
Jüdisches Leben wird dann zur Kulisse. Zur Requisite. Zum Schild, hinter dem man gegen andere Minderheiten feuert. Das ist kein Schutz. Das ist Missbrauch politischer Erinnerung.
Die AfD attackiert hier nicht nur Muslime. Sie beschädigt auch den Ernst, mit dem Antisemitismus bekämpft werden muss. Wer Antisemitismus nur dann aufregend findet, wenn er in das eigene Feindbild passt, hat das Problem nicht verstanden. Oder er hat es verstanden und benutzt es trotzdem. Beides ist schlimm.
Getroffene Hunde bellen. Manche klagen auch.
Die Reaktion der AfD auf die Broschüre ist aufschlussreich. Laut Tagesspiegel erwägt die AfD juristische Schritte gegen die CDU-Broschüre. Der Bericht verweist darauf, dass die Broschüre im CDU-Shop angeboten wurde und in Paketen bestellt werden konnte. Außerdem wird zitiert, die AfD empfinde die Broschüre offenbar als Angriff, weil sie darin unter anderem als judenhassende Partei beschrieben und mit Deportationsplänen in Verbindung gebracht werde.
Nun kann jeder klagen. Das gehört zum Rechtsstaat. Auch die AfD darf das. Gerade sie darf das. Aber ein bisschen komisch ist es schon: Dieselbe Partei, die Institutionen ständig als Teil eines angeblichen Systems beschimpft, sucht plötzlich Schutz bei genau diesem System. Rechtsstaat als Garderobe: Wenn es passt, hängt man den Mantel hinein.
Das sagt viel über das Verhältnis dieser Partei zur Demokratie. Sie nutzt ihre Rechte. Aber sie verachtet häufig die Ordnung, aus der diese Rechte stammen. Sie fordert Meinungsfreiheit, aber diffamiert andere Meinungen als Verrat. Sie beruft sich auf Gerichte, aber unterstellt ihnen politische Steuerung, wenn Urteile nicht passen. Sie ruft Volk, meint aber oft nur die eigenen Leute.
Das ist der Punkt. Die AfD will nicht einfach nur eine andere Politik. Sie will eine andere politische Logik. Weniger Pluralismus, mehr Freund-Feind-Denken. Weniger Ausgleich, mehr Durchregieren. Weniger gleiche Rechte, mehr Zugehörigkeitsprüfung.
Die CDU hat recht, aber damit ist noch nichts gewonnen
Man darf an dieser Stelle nicht zu bequem werden. Ja, die CDU hat mit dieser Broschüre einen wichtigen Punkt gesetzt. Und ja, die AfD-Reaktion zeigt, dass der Treffer saß. Aber damit ist politisch noch wenig gewonnen.
Denn die AfD wird nicht schwächer, nur weil die CDU eine Broschüre verteilt. Papier ist geduldig. Wählerinnen und Wähler sind es nicht unbedingt. Wer die AfD zurückdrängen will, muss mehr tun, als ihre Zitate zu sammeln. Er muss zeigen, dass demokratische Politik Probleme lösen kann.
Da wird es für CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke gleichermaßen unbequem. Die AfD lebt nicht nur von ihrer eigenen Propaganda. Sie lebt auch von der Müdigkeit, den Fehlern und der Zerstrittenheit der anderen. Sie lebt davon, dass viele Menschen den Eindruck haben, niemand höre ihnen zu. Sie lebt von Wut. Und Wut ist ein schlechter Ratgeber, aber ein sehr fleißiger Wahlhelfer.
Trotzdem bleibt richtig: Man darf die AfD nicht verharmlosen. Nicht aus taktischer Vorsicht. Nicht aus Müdigkeit. Nicht aus Angst vor ihren Wählern. Wer völkisch redet, muss völkisch genannt werden. Wer die Demokratie beschädigt, muss als Gefahr für die Demokratie beschrieben werden. Wer Menschen nach Herkunft sortiert, darf nicht als konservativer Querkopf durchgehen.
Die CDU-Broschüre ist deshalb kein Meisterwerk der politischen Literatur. Das muss sie auch nicht sein. Sie ist ein Warnschild. Und manchmal braucht ein Land genau das: ein Schild, auf dem nicht höflich „Vorsicht, Unebenheiten“ steht, sondern klar und deutlich: Hier geht es abwärts.
- „Abstieg für Deutschland“ – CDU und AfD streiten wegen Broschüre
- Broschüre AfD: Abstieg für Deutschland | 5259
- AfD-Politiker geht in CDU-Zentrale und schimpft über Broschüre: 34 Seiten: „Pamphlet ist voll von Lüge“ – WELT
- CDU und AfD: Heimliche Handyvideos befeuern Streit um Broschüre – DER SPIEGEL
- CDU gegen AfD: Jetzt wird’s absurd❗ – YouTube