Fernsehen konnte einmal zuhören. Günter Gaus wollte seine Gesprächspartner nicht bloßstellen oder in Widersprüche treiben. Er wollte verstehen. Vielleicht wirken seine Interviews deshalb auch Jahrzehnte später noch erstaunlich modern.
🎥 Hannah Arendt – Zur Person (1964)

Dauer: ca. 71 Minuten
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Das berühmteste Gespräch der Reihe. Hannah Arendt spricht über Heimat, Sprache, Freiheit, Totalitarismus und die Verantwortung des Denkens. Keine Talkshow, sondern ein außergewöhnlich konzentriertes Gespräch zweier kluger Menschen.
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| Helmut Schmidt | Willy Brandt | Rudi Dutschke |
| 68 Minuten | 62 Minuten | 59 Minuten |
| ★★★★★ | ★★★★★ | ★★★★★ |
| Klar, analytisch und ungewöhnlich persönlich. | Über Exil, Demokratie und Verantwortung. | Ein selten ruhiges Gespräch über die Studentenbewegung. |
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| Franz Josef Strauß | Günter Grass | Christa Wolf |
| 64 Minuten | 66 Minuten | 58 Minuten |
| ★★★★☆ | ★★★★☆ | ★★★★☆ |
| Das Psychogramm eines Ausnahmepolitikers. | Literatur, Politik und Moral. | Nachdenklich, ruhig und zeitlos. |
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Warum gerade diese Gespräche?
Es gibt Interviews, die nur informieren. Und es gibt Gespräche, die den Menschen hinter den Schlagzeilen sichtbar machen. Günter Gaus gehörte für mich zu den wenigen Journalisten, die diese Kunst beherrschten. Er stellte keine Fangfragen, unterbrach selten und verzichtete auf jede Form der Selbstdarstellung. Stattdessen hörte er zu – klug, aufmerksam, geduldig und mit echter Neugier.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb diese Gespräche bis heute kaum gealtert sind. Sie leben nicht von Aktualität, sondern von Substanz.
Als Journalisten noch Fragen stellten statt sich selbst zu inszenieren
Wenn ich heute eine Talkshow einschalte, habe ich oft den Eindruck, dass das Gespräch nur noch Kulisse ist. Jeder Satz muss möglichst zugespitzt sein, jeder Einspieler möglichst emotional, jede Unterbrechung möglichst wirkungsvoll. Das Tempo hat gewonnen, das Zuhören verloren. Lanz, der seit vielen Jahren eine der erfolgreichsten (zuschauerstärksten) Talkshows im ZDF macht, hat eine besonders unangenehme Art, Menschen in die Enge zu treiben und sich Journalisten einzuladen, die ihn nach Kräften bei der Demontage seiner „Interview-Gäste“ unterstützen.
Ganz anders Günter Gaus.
Er ließ Stille zu. Er hatte keine Angst davor, dass ein Gedanke Zeit braucht. Seine Fragen waren häufig erstaunlich kurz. Die eigentliche Arbeit überließ er seinem Gegenüber. Dadurch entstanden keine Wortgefechte, sondern Denkprozesse, an denen der Zuschauer teilnehmen durfte.
Besonders deutlich wird das im Gespräch mit Hannah Arendt. Man spürt förmlich, wie zwei Menschen versuchen, schwierige Fragen gemeinsam zu durchdringen. Niemand möchte den anderen vorführen. Niemand kämpft um den besseren Satz für die Abendnachrichten.
Heute wäre ein solches Interview vermutlich kaum noch denkbar. Nach wenigen Minuten würde ein Einspieler folgen, danach Werbung oder eine zugespitzte Nachfrage, die sich am nächsten Morgen als Überschrift eignet. Das eigentliche Gespräch bliebe auf der Strecke.
Natürlich sollte man die Vergangenheit nicht verklären. Auch damals gab es schlechte Interviews. Aber Günter Gaus hat gezeigt, was Journalismus sein kann, wenn Neugier wichtiger ist als Inszenierung und Erkenntnis wichtiger als Quote.
Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, diese Gespräche wiederzuentdecken. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil sie daran erinnern, dass gutes Zuhören manchmal die wichtigste journalistische Fähigkeit überhaupt ist.
Mein persönlicher Eindruck
Das Gespräch mit Hannah Arendt gehört für mich zu den beeindruckendsten Interviews, die jemals im deutschen Fernsehen geführt wurden. Es fordert Aufmerksamkeit und Geduld – Eigenschaften, die heute selten geworden sind. Gerade deshalb entfaltet es eine Wirkung, die weit über seine Entstehungszeit hinausreicht. Wer sich darauf einlässt, erlebt Fernsehen in einer Form, die beinahe vergessen scheint: respektvoll, klug und ganz dem Gedanken verpflichtet.

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