Wie Wegsehen zur Gewohnheit wurde

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Was ist Haram
Was ist Haram

Das also soll Toleranz sein. Ein Mann steht auf einer Bühne in Nordrhein-Westfalen, zieht seine Jacke aus, stopft eine Plastikflasche darunter – und erklärt jungen Männern, wie viel Frau ($) noch erlaubt ist.

Kein Hals. Keine Ohrringe. Kein Schmuck. Kein eigener Maßstab. Und Hunderttausende klicken drauf, als wäre das »Orientierung«.

Wir schauen zu. Wir nennen es Religionsfreiheit. Wir nennen es kulturelle Sensibilität. Wir nennen es Vielfalt – und meinen: Wegsehen.

Nur: Das hier ist keine Frömmigkeit. Das ist Macht. Keine Spiritualität, sondern Kontrolle. Kein Glauben, sondern Gehorsamstraining. Diese Prediger reden kaum über Barmherzigkeit, Verantwortung, Demut. Sie reden über Frauenkörper. Über Haare. Über Blicke. Über »Reinheit«. Über »Schuld«.

Sie reden über Regeln, bis aus einem Menschen ein Gegenstand wird. Und sie tun das nicht im Hinterzimmer. Sie tun es dort, wo Jugendliche heute leben: im Feed. In Dauerschleife. Mit Algorithmen als Lautsprechern und Kommentarspalten als Tribunalen.

Wir haben ein Problem, sobald wir Angst davor haben, das Offensichtliche zu benennen. Nicht »den Islam« – sondern Islamismus, Salafismus, ultrakonservative Gängelei. Nicht Menschen – sondern Ideologien, die Menschen klein machen.

Denn was hier verkauft wird, ist keine Religion als innerer Weg. Es ist ein Rollenkorsett, festgezurrt mit Drohungen und Scham. Man stelle sich denselben Tonfall aus anderer Richtung vor:

Ein christlicher Influencer erklärt, Frauen seien »unrein« und hätten sich aus dem öffentlichen Raum herauszuhalten.

Der Aufschrei wäre sofort da.

Hier aber kommt oft zuerst das Zögern: Darf man das sagen? Man darf. Man muss. Wer solche Videos kritisiert, greift keine Musliminnen an. Im Gegenteil: Man verteidigt sie.

Man verteidigt die junge Frau, die nach dem Ablegen des Kopftuchs zur Zielscheibe wird. Man verteidigt Mädchen, die Ausreden erfinden, um nicht schwimmen zu müssen. Man verteidigt Lehrerinnen, die sich rechtfertigen sollen, weil sie kein Kopftuch tragen. Man verteidigt Freiheit – die echte, nicht die in Ketten erklärte.

Und ja: Der Islam ist vielfältig. Viele leben ihren Glauben selbstbestimmt, friedlich, modern, widersprüchlich, wie das Leben selbst. Gerade deshalb ist es fatal, wenn wir den Reaktionären die Deutungshoheit überlassen – aus falscher Rücksicht. Toleranz heißt nicht, jede Form von Menschenverachtung zu dulden.

Toleranz endet dort, wo Grundrechte beginnen. Klingt abgedroschen? Die Bedeutung des Wortes Toleranz hat insgesamt an Wert verloren. Das beklage ich schon seit Jahren. Es liegt sicher auch daran, dass wir es so exzessiv zur Erklärung für alle möglichen Irrungen missbraucht haben.

Gleichberechtigung ist keine Modeerscheinung, kein Dekor. Sie ist die tragende Wand einer freien Gesellschaft. Wenn jemand in Deutschland öffentlich predigt, Frauen dürften keinen Hals zeigen, keinen Schmuck tragen, keinen Raum einnehmen – dann ist das kein »privater Glaube«.

Dann ist das ein politisches Programm in religiösem Gewand. Und unsere Antwort darf nicht aus Watte bestehen. Wir brauchen Klarheit:

Wer bedroht, wer einschüchtert, wer Hass mobilisiert, wer Mädchen und Frauen zu Objekten macht, steht nicht »nur für Werte«, sondern gegen die Verfassung.

Das gehört benannt, begrenzt, verfolgt – im Netz und auf der Straße.

Denn ein Staat, der das laufen lässt, verliert mehr als Autorität. Er verliert Glaubwürdigkeit. Und am Ende fragt sich die nächste Generation nicht mehr, was erlaubt ist – sondern für wen dieses Land eigentlich da ist. Zeit, das wieder laut zu beantworten: für die Freiheit des Einzelnen.

Für gleiche Rechte.

Für Frauen, die selbst entscheiden.

Ohne Prediger, ohne Mob, ohne Angst.

Mein Text richtet sich nicht gegen Religion oder gegen Muslime. Im Gegenteil. In diesem Land herrscht Gott sei Dank Religionsfreiheit. Aber was im Namen von Religionen falschgelaufen ist, und dazu zähle ich auch den Umgang mit Frauen im Islam, darf sich in unserem Land nicht fortsetzen. Nirgends.

Also auch nicht in den sozialen Medien, wie YouTube oder TikTok. Die Initiatoren solcher Tendenzen müssen rigoros bekämpft werden. Diese Menschen müssen unser Land verlassen und von allen Plattformen verbannt werden. Dass dies bisher nicht in der Form geschieht, wie sich viele Bürger (sicher auch viele Muslime) es ausdrücklich wünschen, ist ein schweres Versagen von Politik und Gesellschaft.

Dass dieser unglaubliche geistige Dünnschiss seit Jahren verbreitet wird, stärkt AfD und andere demokratiefeindliche Gruppen. Die Ahnungen eines Michel Houellebecqs dürfen sich auch aus diesen Gründen nicht erfüllen! Zahlen und Daten, die vor mehr als 10 Jahren von Sarrazin in die Welt gesetzt wurden, nehmen in unserer Realität leider immer mehr Gestalt an. Kein Wunder, wenn diese Entwicklung zu schweren Verwerfungen führt und zur Gefahr für unsere Demokratie wird. Lernen wir nichts dazu?

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2 Gedanken zu „Wie Wegsehen zur Gewohnheit wurde“

  1. ich finde das hast Du prima »aufgedröselt«, was Toleranz und was Wegschauen ist! – Und. danke, dass Du mich in Deine Links mit aufgenommen hast, das hat mich sehr gefreut! 🙂
    Beste Bloggergrüße

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