Wenn ich Hiobsbotschaften in Sachen deutscher Infrastruktur erhalte (wie zuletzt die geschmolzenen und verzogenen Straßen und Eisenbahnschienen), geht mir die Frage durch den Kopf, ob solche offenbar der Klimakatastrophe geschuldeten Phänomen auch in anderen Ländern auftreten. In einer Diskussion über dieses Thema war ich wieder mal voreilig und vor allem uninformiert.
Mir fällt die Vorstellung schwer, all seien die Klagen über unsere mangelhafte Infrastruktur tatsächlich ein originär deutsches Thema.
Nehmen wir die Niederlande. Wer häufiger mal dort war und die Autobahnen unserer Nachbarn aus dieser Erfahrung heraus kennt, wird den Unterschied nicht nur wegen der gedrosselten Höchstgeschwindigkeit, sondern auch wegen ihrer hervorragenden Qualität sofort bemerkt haben. Das ist seit Jahren so und der Unterschied scheint sich auch zu zeigen, wenn es um die beim Straßenbau verwendeten Materialien geht.
Die Niederländer investieren seit Jahrzehnten konsequent in ihre Infrastruktur. Dazu kommen einige Besonderheiten:
- langfristige Erhaltungsplanung
- engmaschige regelmäßige Wartung statt später Großsanierungen
- hochwertige Asphaltmischungen
- sehr gute Drainage (deshalb entsteht bei Regen deutlich weniger Sprühwasser)
- schnelle Reparaturen kleiner Schäden
Woher nehmen die Niederländer bloß das Geld für die Infrastrukturpflege und warum hat diese dort offensichtlich große Priorität, während wir den Eindruck teilen dürften, dass eine Sanierung am gegenwärtigen Zustand auch perspektivisch nichts mehr ändern kann?
Die Sanierungsprozesse der Deutschen Bahn sind in dieser Hinsicht wohl die größte Optimismusbremse, die es nur geben könnte.
Sind woanders ebenfalls Straßen geschmolzen?
Obwohl die Niederlande in den vergangenen Tagen ebenfalls Temperaturen von über 35 °C bis örtlich fast 40 °C erlebt haben, finden sich bislang kaum Berichte über schmelzende Fahrbahnen.
Dafür gibt es mehrere Gründe:
- andere Asphaltrezepturen
- häufig hellere Deckschichten
- intensivere Wartung
- teilweise andere Bauweise des Straßenoberbaus.
Das bedeutet nicht, dass dort nichts passieren kann – aber die Infrastruktur scheint die Hitze derzeit besser zu verkraften.
Welche Länder meldeten Hitzeschäden?
Die internationale Presse berichtet in den letzten Tagen unter anderem über:
- 🇩🇪 Deutschland
- mehrere Autobahnen beschädigt,
- Fahrbahnen brachen auf oder verformten sich,
- Straßen mussten teilweise gesperrt werden,
- Straßenbahngleise in Leipzig verformten sich.
- 🇫🇷 Frankreich
- geschmolzene Asphaltdecken,
- Geschwindigkeitsbeschränkungen,
- zahlreiche Verkehrsbehinderungen.
- 🇬🇧 Großbritannien
- lokal beschädigte Straßen,
- Einschränkungen im Bahnverkehr wegen verformter Gleise.
- 🇸🇪 Schweden
- Entgleisungen und Probleme im Schienenverkehr infolge der Hitze.
Warum schmilzt Asphalt überhaupt?
Das eigentliche Bitumen schmilzt bei Temperaturen von etwa 50 bis 70 °C Oberflächentemperatur.
Eine schwarze Asphaltoberfläche erreicht bei:
- 36 °C Lufttemperatur
- voller Sonneneinstrahlung
problemlos 60 bis 70 °C, teilweise sogar darüber.
Dann können schwere Lkw:
- Spurrinnen erzeugen,
- den Asphalt verschieben,
- oder bestehende Schwachstellen aufbrechen lassen.
Ist Deutschland schlechter vorbereitet?
Die jüngsten Schäden haben diese Diskussion neu entfacht. Mehrere internationale Medien weisen darauf hin, dass die Hitzewelle in Deutschland besonders viele Verkehrsprobleme ausgelöst hat – von beschädigten Autobahnen bis zu verformten Straßenbahngleisen. Experten sehen darin auch einen Hinweis darauf, dass Teile der Infrastruktur auf häufigere Extremhitze noch nicht ausreichend ausgelegt sind.
Interessant ist dabei ein scheinbarer Widerspruch: Deutschland besitzt insgesamt ein sehr leistungsfähiges Straßennetz, doch vielerorts stammt der Oberbau aus einer Zeit, in der lang anhaltende Temperaturen um oder über 40 °C als Ausnahme galten.
Mit dem Klimawandel steigen die Anforderungen an Asphaltmischungen und Bauweisen – ein Bereich, in dem Länder wie die Niederlande schon länger konsequent in Erhalt und Anpassung investieren.
Föderale Strukturen mögen an vielen Stellen Vorteile haben. Bei diesem Thema wie bei vielen anderen (Bildung) scheint das allerdings weniger der Fall zu sein.
Für die Autobahnen und das nationale Fernstraßennetz ist in den Niederlanden praktisch eine einzige Behörde verantwortlich:
- Rijkswaterstaat – die nationale Straßen- und Wasserbaubehörde.
- Sie ist eine Exekutivbehörde des Ministerie van Infrastructuur en Waterstaat (Ministerium für Infrastruktur und Wasserwirtschaft).
Welche Aufgaben hat Rijkswaterstaat?
Die Behörde plant, baut, betreibt und unterhält:
- sämtliche Autobahnen (A-Straßen),
- die wichtigsten Nationalstraßen,
- Brücken und Tunnel,
- Verkehrsmanagement (inkl. Verkehrsleitstellen),
- Winterdienst,
- Erhalt und Sanierung der Fahrbahnen,
- sowie gleichzeitig die großen Wasserbauwerke, Deiche und Schleusen des Landes.
Damit vereint sie Aufgaben, die in Deutschland auf verschiedene Ebenen verteilt sind.
Zum Vergleich: Deutschland
In Deutschland ist die Zuständigkeit deutlich komplexer:
- Der Bund ist Eigentümer der Autobahnen.
- Die Planung, der Bau und der Betrieb erfolgen heute überwiegend über die Autobahn GmbH des Bundes.
- Daneben spielen das Bundesministerium für Verkehr, Fernstraßen-Bundesamt sowie Landes- und Kommunalbehörden bei Bundes-, Landes- und Kreisstraßen eine Rolle.
Die Niederländer haben hier also wesentlich weniger Reibungsverluste durch Zuständigkeitsgrenzen.
Zuerst einmal muss allerdings geklärt werden, woher das Geld für die notwendigen Maßnahmen überhaupt kommen könnte. Tendenziell werden wir davon in Zukunft zu wenig haben. Die Aussichten sind also beschissen und bleiben es wohl.
Vor diesem Hintergrund macht es „Spaß“, die Nachrichten anzuschauen und die Forderungen irgendwelcher Leute zu hören, der Staat müsse mehr für die Klimaanpassungen tun. Krankenhäuser verfügen nicht über Klimaanlagen oder andere Erfordernisse, die dieses Land wieder einmal schrecklich unvorbereitet scheinen lassen. Wir haben unser Geld ja für andere wichtige Dinge verpulvert. Buchstäblich. Das Schlimme ist: Es hat lange gedauert, bis wir das wenigstens zur Kenntnis genommen haben.
… gefiel dies!
… hat dies repostet!