Die Welt ist gerade ein ziemlich hässlicher Ort

Manchmal denke ich, gewisse Blogger haben wohl Recht, wenn sie mir einen Hang zur Larmoyanz andichten. Ein anderes Mal gehen mir solche Dinge auch ziemlich am Allerwertesten vorbei. 

Meine Schwester findet, dass ich vielleicht das falsche Zeug lese. Es gebe doch viele andere Menschen, die die Dinge so oder wenigstens so ähnlich sähen wie wir – also wie sie und ich. Damit ist längst nicht nur die „normale“ Debattenkultur gemeint, die sich übers Internet in den letzten Jahren so prächtig entwickelt hat. Es gingen Gewissheiten über die Wupper, mit denen sich Generationen eingerichtet hatten. Das verunsichert und macht sauer.

Sauer sein – ein neues Grundgefühl für Blogger

Mir reicht es ja schon, die mitunter haarsträubend doofen Kommentare unter Youtube-Videos zu lesen. Und die sind nun wirklich nicht repräsentativ für das deutschsprachige Internet.

Mehr ärgere ich mich über Texte, in denen die Autoren die miese Stimmung im Land aufnehmen. Diese Schreiber glauben sich allzu oft im Besitz der allein gültigen Wahrheit und alle, die anders denken sind Büttel dieser Regierung und somit Teil des Übels, das mit Stumpf und Stil auf den Müll der Geschichte gehört. So machen sie ihre Punkte. Das kommt an. Mich deprimiert das!

Rechte Meinungskartelle

Insbesondere denke ich an viele rechte und noch rechtere Blogs. Auch an solche recht neuen Produkte wie Tichys Einblick. Beim Lesen der Texte dieser Frau Schunke kriege ich immer Magenschmerzen. Sie und ihre Mitschreiber reden ihren Lesern ein, alle Werte, an die ich in der Gesellschaft so viele Menschen so lange geglaubt haben, seien oberflächlich und dumm gewesen. Die helfen den ganz rechten Spinnern im Land nach Kräften dabei, Begriffe wie Toleranz zu entwerten, in dem sie Empathie und Mitmenschlichkeit als schädlich und somit überflüssig darstellen.  Und dabei sind diese Leute wirklich vorbildlich. Darunter sind viele sehr gute Autoren. Die wissen wie man mit Texten überzeugt. Umso ekliger finde ich das. Nicht, weil ich ein Problem mit anderen Meinungen hätte. Der Vorwurf kommt immer sofort. Nein, weil viele solcher Texte zu offensichtlich gegen andere Menschen gerichtet sind. Und da hört bei mir der Spaß auf!

Bei alldem, worüber ich mich hier beklage, orientiere ich mich zunächst nur an dem, was in Deutschland los ist. Wenn ich nach Frankreich oder in die Türkei schaue oder auf viele andere Orte auf diesem Planeten, so kommt es mir mitunter so vor, als seien die Menschen durch einen neuartigen und noch unentdeckten Virus drauf und dran, alles, was sie nach dem zweiten großen Krieg des letzten Jahrhunderts mit viel Mühe und noch mehr Rückschlägen miteinander aufgebaut haben, jetzt einreißen wollen. Brauchen wir für sowas einen Virus, oder entspricht das dem Naturell des Menschen? Vielleicht lernt er nicht dazu!

Woanders regiert auch der Blues

Was ich eben gelesen habe, tröstet mich etwas. Das Motto: Geteilter Schmerz ist halber Schmerz sticht halt auch heute noch.

Es gibt also offenbar doch mehr Leute, die unter der vertrackten Lage leiden. Und der, von dem hier die Rede ist, ist ganz bestimmt viel klüger als ich.

Ich mache es kurz: aus persönlichen und beruflichen Gründen werde ich in den nächsten Monaten seltener twittern und kommentieren. Ich habe heute bei Hamed Abdel-Samad diese Worte gelesen, die mir aus der Seele sprechen:

Man muss nicht zu allem Stellung nehmen. Ich versuche mich seit Monaten aus den täglichen Debatten zurückzuziehen, weil sie meine Energie rauben und die Welt um mich immer mehr als einen hässlichen Ort erscheinen lassen. […] 
Ich bin ratlos und weiß ehrlich gesagt nicht, was wir gerade brauchen, um solche Tragödien zu überwinden und deren Wiederholung zu verhindern.

Mir geht es seit einiger Zeit ähnlich. Ich habe auch lange darüber nachgedacht, die Zeit in den sozialen Netzwerken zu reduzieren. Es ist einerseits spannend: Rede und Gegenrede, Argument und Gegenargument oft im Sekundentakt. Es ist aber andererseits auch aufwendig.Quelle: Today (Stefanolix) | LINK

Stefanolix‘ Blog lese ich gern. Ich stimme nicht immer mit ihm überein. Aber er macht es sich nicht leicht. Er wird nie müde, gewissenhaft und beherrscht zu argumentieren. Es wird ihm nie zu viel. Egal, was anliegt.

Jetzt scheint vielleicht doch der Punkt erreicht, an dem er etwas Abstand braucht. Das kann viele Gründe haben. Ich wollte ihn mit meinen Einlassungen nicht vereinnahmen. Das steht mir nicht zu. Ich glaube aber, ich kann seine momentane Sicht auf die Dinge einigermaßen einordnen.

Ich habe die Diskussionen dort im Blog verfolgt. Dabei gehe ich nicht davon aus, dass sie allein in seinem Blog geführt werden. Stefanolix ist (war) auch bei Twitter sehr aktiv. Auch dort will er sich nun etwas rarer machen.









Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!