Gesellschaft

Wie schön. Warum mein Ehrgeiz zur Selbstoptimierung unterentwickelt ist

Wie sehr schwarz-weiß Bilder nachhaltig beeindrucken können, lässt sich durch viele Beispiele belegen. In meinem Fall war es Melvilles Queequeg, der mein Gefühl für Ästhetik (sogar trotz fehlender Farbe) für mein Leben geprägt hat. Menschen mit Tattoos stecke ich seit damals in eine Schublade. Für mich wären sie nicht infrage gekommen. Ich finde es geradezu erschreckend, wie inflationär diese Kunst Einzug in unser globales Leben genommen hat. Ganz selten war ich positiv beeindruckt davon. Ich glaube, es handelte sich ausschließlich um junge, hübsche Frauen, deren Tattoos meine Vorbehalte kurzzeitig überlagert haben.

Es kann sein, dass meine Angst vor Schmerzen dabei eine Rolle spielt. Ich weiß von Bekannten, dass die Prozedur schmerzhaft ist und dass Komplikationen vorkommen. Schon allein diese Aussichten haben mich abgehalten. Wahrscheinlich hat meine Einstellung auch mit dem Alter zu tun. So ganz stimmt das allerdings nicht, denn auch in meiner Altersklasse gibt es unglaublich viele Tätowierte. Mein Alter und meine Sozialisierung auf’m Land könnten eine Rolle spielen. Meine Frau hat übrigens eine beinahe deckungsgleiche Einstellung.

Foto von Wellington Cunha von Pexels

In unserem Freundeskreis tragen weder sie noch er Tattoos. Das heißt was, wenn man weiß, dass mehr als jeder fünfte Erwachsene in Deutschland nach Medienberichten heute ein Tattoo hat.

Die Süddeutsche Zeitung stellt fest: »Entgegen vielen Klischees lässt der Körperschmuck keinen Rückschluss auf Bildungsniveau oder Beruf zu.« Wäre das also ein für alle Mal geklärt. Ich meine, wenn die SZ das schreibt… Eine Studie besagt übrigens, was Wunder, das genaue Gegenteil. Das kann uns nach unseren Erfahrungen in der Pandemie wenigstens nicht mehr überraschen!

Italiener sind unter uns Europäern die mit den meisten Tattoos. Es gibt sogar Statistiken, die aussagen, dass die Schweden und Dänen diejenigen sind, die ihre Tattoos am meisten bereuen. Von den deutschen Tattooträgern bedauern 25 %, dass sie sich eines stechen ließen. Wow, was für ein hoher Anteil von Zweiflern!

In Deutschland gibt es 7000 Tattoo – und Piercingstudios, die einen Umsatz von 50 Millionen Euro erwirtschafteten. 20.000 Menschen waren im Jahr 2014 in dieser Branche beschäftigt. Auch sie gehört leider zu den Leidtragenden dieser Pandemie. Ich erwähne dass, weil meine hochindividuelle Abneigung gegen »den Kult« nicht in der Absicht aufgeschrieben wird, diesen Menschen zu schaden. Das Thema gehört aber mit zu einer Entwicklung, die ich beachtenswert finde. Außerdem hatte ich immer den Eindruck, dass tätowierte Menschen mit einem gesunden Selbstvertrauen ausgestattet sind und sie deshalb über spießerhaft geäußerten Attitüden stehen.

In meinem Alter hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Ich glaube, die allermeisten in meinem Alter werden begriffen haben, was sie sich mit diesem falschen Zauber angetan haben. Allerdings gibt es ja auch längst den »neuen« heißen Scheiß. Immer mehr Leute lassen sich vom Schönheitschirurgen behandeln. Es gibt Länder (Venezuela), in denen ganz junge Mädchen ihren Schönheitsidealen frönen und sich nicht entblöden, einem Trend nachzueifern, den ich ehrlich gesagt noch weniger mag als Tattoos.

Schönheit ist auch nur ein Markt. Jeder ist seines Glückes Schmied. 1981 wurden allein bei Douglas bundesweit 140 Millionen Euro für Schönheit ausgegeben, 2000 waren es schon 2,1 Milliarden Euro und 2018 3,3 Milliarden Euro. Die Gesamtumsätze aller Spezialisten »nur« für Kosmetikprodukte beliefen sich in Deutschland in 2018 auf 14 Milliarden Euro! Der weltweite Umsatz betrug 210 Milliarden Euro.

Im Jahr 2017 gab es nach Schätzungen weltweit 10,7 Millionen schönheitschirurgische Eingriffe. Es gibt eine Umfrage nach der sich ca. 1/3 der Befragten vom existierenden Schönheitsideal unter Druck gesetzt fühlten. Zwei Drittel würde gern etwas an ihrem Aussehen ändern. Faceliftings gibts in einer Spanne von 5000 bis 10000 Euro, eine Brustvergrößerung von 4500 bis 8500 Euro.

Das Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt, klingt erst mal toll. Aber auch das belegen ältere Untersuchungen: Gutaussehende Menschen sind in ihren Berufen erfolgreicher als andere. Der Druck zur Selbstoptimierung existiert also nicht bloß durch Instagram und den ganzen Quatsch!

Was ist eigentlich die Botschaft, wenn ein so genannter Journalist 30-60 operative Eingriffe innerhalb eines definierten Zeitraumes an sich vornehmen lässt und darüber in einem deutschen TV-Privatsender Abendfüllendes berichtet? Das sollen bitte die entscheiden, die sich sowas anschauen.

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Dass der Mann in die von mir hochgeschätzte WDR-Talkshow »Kölner Treff« eingeladen wird und er dort seine Selbstverstümmelungsorgien eingehend erläutern darf, halte ich für kritikwürdig. Ich dachte zuerst (und das ist wirklich ehrlich so gewesen!) Mickey Rourke wäre zu Gast.

Nee, der Jenke wars. Bestimmt werden sich ein paar junge und mittelalte Leute mit Hang zur Selbstoptimierung an seinem Handeln ein Beispiel nehmen und ein paar Tausender in die Optimierung ihres »Instagram-Auftritts« investieren. Ob das dem Bildungsauftrag von öffentlich-rechtlichen Sendern entspricht?

Jenke von Wilmsdorff – 2017-03-22-1086.jpg« by Raimond Spekking is licensed under CC BY-SA 4.0

Mich tröstet, dass die Spendenbereitschaft in Deutschland im vergangenen Jahr erneut gestiegen ist. Die Deutschen gaben 5,4 Millionen Euro an Spenden. Man kann sein Geld auch für Sinnvolles raushauen.

Über den autor

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt.

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