Es klingt nach ($) Aufbruch, nach frischer Luft in abgestandenen Räumen: Parteien sollen sich „disruptieren“, sich neu erfinden, sich endlich entscheiden. Schluss mit Unschärfe, Schluss mit Moralisierung, her mit Klarheit, Leistung, Wettbewerb. Ein Text wie ein Weckruf – und doch hallt er wie ein Echo aus vertrauten ideologischen Kammern. Poschardt ($), Herausgeber der WELT, „Politico“, „Business Insider“, schwafelt von Disruption, immer und immer wieder.

Inhalt
Die entscheidende Frage wird nicht gestellt. Oder besser: Sie wird sorgfältig umgangen.
Wem nützt diese Disruption eigentlich?
Der Autor zeichnet ein Bild politischer Erneuerung, das auf den ersten Blick nachvollziehbar, vielleicht sogar bestechend wirkt. Parteien sollen wieder Profil zeigen, sich ideologisch festlegen, ihre Wähler nicht länger mit wolkigen Kompromissen abspeisen. Klingt vernünftig. Fast schon selbstverständlich.
Doch diese Forderung ist nicht neutral. Sie ist ausgerichtet und sie zieht eine Schneise durch die politische Landschaft. Sie lenkt die Debatte in eine ganz bestimmte Richtung. Denn „Klarheit“ bedeutet hier hauptsächlich eines:
Rückkehr zu einem wirtschaftsliberalen Paradigma, das seit Jahrzehnten die Verteilungsfrage systematisch ausblendet.
Die viel beschworene „Leistungsgerechtigkeit“ erscheint dabei wie ein moralischer Talisman. Wer könnte schon dagegen sein? Doch hinter dem Wort verbirgt sich eine schlichte Umdeutung: Nicht mehr die Frage, wie Leistung entsteht, unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten, leben, aufsteigen oder scheitern – sondern nur noch, wie stark sie belastet werden dürfen.
Poschardt liefert keine Analyse. Er verkauft Interessenpolitik in eleganter Sprache.
Der alte Reflex: Die „Leistungsträger“ im Mittelpunkt
Wenn von „Netto-Steuerzahlern“ und „hochproduktiven Leistungsträgern“ die Rede ist, dann ist das keine neutrale Beschreibung sozialer Realität. Es ist eine politische Prioritätensetzung.
Eine Priorität, die stillschweigend unterstellt:
- dass gesellschaftlicher Wert primär ökonomisch messbar ist
- dass diejenigen, die weniger beitragen (können), ein Problem darstellen
- dass Umverteilung per se verdächtig ist
Und plötzlich verschiebt sich der Blick. Nicht mehr strukturelle Ungleichheit steht im Fokus, sondern individuelle „Leistung“. Ein altes Spiel. Ein sehr erfolgreiches. Denn wer so argumentiert, muss nicht mehr fragen:
- warum Vermögen sich konzentriert
- warum Arbeit entwertet wird
- warum Aufstieg für viele zur Fiktion geworden ist
Stattdessen genügt ein Appell: Mehr leisten. Weniger fordern.
Die bequeme Erzählung von der „Moralisierung“
Besonders elegant ist die Schuldzuweisung: SPD und Union hätten sich durch „Moralisierung“ selbst geschwächt. Das klingt fast schon analytisch – ist aber vor allem eines: ein politischer Kampfbegriff. Denn was hier als „Moralisierung“ diskreditiert wird, sind häufig genau jene Debatten, die moderne Gesellschaften führen müssen:
- über soziale Gerechtigkeit
- über Minderheitenrechte
- über ökologische Grenzen
- über globale Verantwortung
Diese Fragen sind unbequem. Sie lassen sich nicht in Steuerformeln pressen. Sie stören das Bild einer Gesellschaft, die sich allein über Markt und Leistung organisiert.
Also nennt man sie „moralisch“ – und damit implizit irrational.
Ein rhetorischer Trick, so alt wie wirkungsvoll.
Die FDP als Heilsversprechen – oder als Symptom?
Besonders aufschlussreich ist die Rolle, die der FDP zugedacht wird. Sie soll die „Marktlücke“ in der Mitte besetzen, die Stimme der Leistungsstarken sein, die große Steuerreform liefern. Doch genau hier kippt die Analyse endgültig ins Normative. Hier kommen Poschardt politische Wunschvorstellungen zum Tragen.
Denn die vermeintliche „Marktlücke“ ist keine objektive Leerstelle. Sie ist das Ergebnis einer Perspektive, die gesellschaftliche Spannungen primär aus der Sicht der ökonomisch Starken interpretiert.
Was fehlt, ist nicht eine Partei für die „Leistungsträger“. Was fehlt, ist eine ernsthafte Antwort auf die Frage:
Wie organisiert man eine Gesellschaft, in der Leistung überhaupt möglich ist – für alle?
Die AfD als Nebenschauplatz
Die Diagnose der AfD wirkt fast beiläufig – als sei sie ein chaotischer Akteur, der sich bei genügend strategischer Klugheit der Union einfach „auflösen“ ließe. Das ist nicht nur optimistisch. Es ist gefährlich verkürzt. Denn die Stärke dieser Partei speist sich nicht aus programmatischer Kohärenz, sondern aus einem Gefühl: dem Gefühl, nicht mehr gesehen zu werden.
Wer dieses Gefühl ignoriert und stattdessen glaubt, man könne Wähler durch bessere wirtschaftsliberale Angebote „zurückholen“, verkennt die Tiefe der gesellschaftlichen Brüche.
Was wirklich fehlt
Der Text fordert Disruption – aber nur innerhalb eines engen Rahmens. Was fehlt, ist eine Disruption der Perspektive selbst.
Eine Politik, die nicht nur fragt: Wie entlasten wir die Starken?
sondern:
- Wie schaffen wir echte Teilhabe?
- Wie sichern wir Würde jenseits von Marktlogiken?
- Wie organisieren wir Wohlstand in einer alternden, fragmentierten Gesellschaft?
Das sind keine moralischen Nebelkerzen. Das sind die zentralen Fragen unserer Zeit.
Der Klang der alten Ordnung
Am Ende bleibt ein merkwürdiger Eindruck. Der Text spricht von Zukunft, von Umbruch, von Disruption – doch er denkt in vertrauten Mustern, in bekannten Hierarchien, in alten Gewissheiten. Es ist, als würde man ein neues Etikett auf eine sehr alte Flasche kleben.
Die Botschaft lautet nicht: „Die Politik muss sich neu erfinden.“
Sondern vielmehr: „Die Politik soll wieder so werden, wie sie für bestimmte Gruppen am besten funktioniert hat.“
Und vielleicht ist genau das der eigentliche Kern dieser Erzählung.
Nicht der Aufbruch. Sondern die Sehnsucht nach Ordnung. Einer Ordnung, in der jeder seinen Platz kennt – und manche ein bisschen mehr als andere.

Es fehlt nicht an Leistung.
Es fehlt nicht an Subventionen.
Es fehlt nicht an Arbeitskraft.
Es fehlt nicht an Liberalität.
Es fehlt an Eigenständigkeit.
Es fehlt an wirklichen Managern.
Es fehlt an der Bereitschaft eigene Wege zu gehen.
2026 reicht es nicht, auf Chinateile einen neuen Stempel zu kleben und die für das 5fache in die Welt zu verscherbeln und ab und zu bei den Amis zu gucken, was für Trends und Geschäftsmodelle es da gibt. Außer in Deutschland haben alle Länder dieser Erde 5G / Internet mit Datenvolumen bezahlbar auf dem Fon. Selbst in Äthiopien.
Das sind beileibe keine Probleme, die man nur einseitig der Politik zuschreiben kann, sondern der Verknüpfung von Politik und Wirtschaft nach nur einem Vorbild: Amerika.
Was noch gut läuft, ist das Restaurieren alter Industriemaschinen. Das können andere inzwischen aber auch.
@Juri Nello: Du wirst doch wohl nicht den Apparatschiks und Datenschützern den Kampf ansagen wollen? Das klingt aber ein wenig so.
Der Start klang ja fast wie Poschardt. Denkst du etwa so?
Unser Geschäftsmodell ist gescheitert, weil u. a. die Energie zu teuer geworden ist – auch durch eigene Schuld, nicht nur, weil wir mal wieder besonders moralisch handeln und Putin nichts mehr abkaufen wollten. Die Zeiten der Globalisierung haben China schnell erwachsen werden lassen. Wollen wir uns wirklich darüber beklagen, weil die Leute dort jetzt auch mal was „ab“ haben wollen? Vielleicht erfinden wir uns aber auch neu. Ich sehe da allerdings wenig Spielraum, denn dafür braucht man nicht zuletzt so etwas wie den Willen sich gegen alte Strukturen aufzulehnen. Da kommt dann die Demografie ins Spiel. Die Alten wollen ihre Ruhe. Und damit bewegt sich … NIX, richtig!
@Horst Schulte: Du neigst zur Überinterpretation! Halte dich an die Worte Deines Deutschlehrers. 😉
Der Kram ist doch schon vorher verkackt worden. Eben auch, weil die Globalisierung ungenügend von den Richtigen begleitet wurde. Das habe ich Dir hier aber anderweitig schon ins Logbuch verklappt, weswegen ich jetzt wenig Lust habe, dass alles erneut durchzugehen. Es fing bereits 1987 an.
Ob die Alten alle Ruhe haben wollen? Der bitterböse Friedrich ist doch gerade mal 72 oder so. Da gehen doch bestimmt noch 12, 13, 14, 15 Jahre. Vielleicht wird er dann auch froh sein, wenn er KEIN Graubrot in Woauchimmer bekommt.
Ach ja, der Poschardt, durchschaubar wie eine Glasvitrine in seinen neoliberalen Grundsätzen. Ich befürchte, er meint das alles tatsächlich so, was er von sich gibt. Für den sind selbst Amerikas Republikaner zu liberal. Dabei hat er Glück, dass die Springer Presse in nach seinem Rausschmiss aus der Süddeutschen aufgefangen hat.
@Peter Lohren: Die Springers halten offenbar viel von ihm. Mich törnt der Typ aber so etwas von ab. Aber davon gibts bei WELT und beim Rest der Springers ja reichlich. Nimmt man noch Focus dazu (Reitz-Thema), ist alles rund. ( ͡° ͜ʖ ͡°)