Die Krise der Meinungsfreiheit beginnt beim Maßstab

Die Debatte über Meinungsfreiheit leidet unter doppelten Maßstäben. Wer staatliche Eingriffe gegen Protest kritisiert, muss auch die eigene politische Seite prüfen. Freiheit gilt nicht nur für sympathische Meinungen, sondern gerade für unbequeme.

Politische Rede muss was aushalten

In einer Demokratie muss poli­ti­sche Rede mehr aus­hal­ten als pri­va­te Befindlichkeit. Vor allem dann, wenn sie sich gegen Regierende rich­tet. Wer Macht aus­übt, wird här­ter kri­ti­siert. Das gehört zum Geschäft. Manchmal ist die­se Kritik unge­recht. Manchmal ist sie über­dreht. Manchmal ist sie schlicht dane­ben. Aber eine frei­heit­li­che Demokratie darf nicht jedes gro­be Wort gleich in die Nähe des Strafrechts schieben.

Das heißt nicht, dass alles erlaubt ist. Bedrohungen, Volksverhetzung, geziel­te Einschüchterung oder kon­kre­te Gewaltaufrufe sind kei­ne roman­ti­schen Nebenprodukte einer leben­di­gen Streitkultur. Sie sind Angriffe auf Menschen und auf den demo­kra­ti­schen Raum. Aber zwi­schen har­ter poli­ti­scher Kritik und straf­wür­di­ger Entgleisung liegt ein Feld, auf dem die Meinungsfreiheit gel­ten muss. Wenn wir die­ses Feld aus Angst, Empörung oder per­sön­li­cher Kränkung zu eng zie­hen, schnü­ren wir der Demokratie den Kragen zu. Tun das Politiker wie Merz, Habeck oder Strack-Zimmermann, um eini­ge der­je­ni­gen zu nen­nen, die kri­ti­sche Äußerungen beson­ders häu­fig ver­fol­gen lassen?

Der Hinweis von Netzpolitik​.org ist wich­tig. Der Staat soll­te nicht zum emp­find­li­chen Richter poli­ti­scher Eitelkeiten werden. 

Demokratie ist kein Wellnessbereich für Amtsträger.

Meinungsfreiheit ist kein Parteibuch

Man mag die Vorgänge, die Netzpolitik​.org in dem Beitrag «Krise der Meinungsfreiheit: Die Beleidigten» beschreibt, als Krise der Meinungsfreiheit bezeich­nen. Aber man soll­te dabei vor­sich­tig sein. Denn wer hier zu laut klagt, lan­det schnell in jenem Chor, der seit Jahren behaup­tet, man dür­fe in Deutschland ja gar nichts mehr sagen. Das tun Rechte oft und laut. Dabei sind Linke nicht gera­de zurück­hal­tend, wenn es um kri­ti­sche Worte zu »Bemerkungen« von Rechts geht. 

Gesagt wird viel. Und nicht sel­ten mit einer Lust an der Grobheit, bei der einem der Atem gefrie­ren könnte.

Aber es gibt eine ande­re Krise. Eine lei­se­re, tie­fe­re, poli­tisch unbe­que­me­re. Es ist die Krise der Maßstäbe. Und die betrifft nicht nur die übli­chen Verdächtigen von rechts. Sie betrifft auch jene, die sich selbst für beson­ders auf­ge­klärt, beson­ders demo­kra­tisch und beson­ders sen­si­bel gegen­über auto­ri­tä­ren Entwicklungen halten.

Der Text bei Netzpolitik​.org beschreibt einen rea­len Punkt. Wenn auf Demonstrationen wegen gro­ber, geschmack­lo­ser, aber poli­tisch gemein­ter Plakate Personalien auf­ge­nom­men wer­den und Ermittlungen fol­gen, ent­steht ein Einschüchterungseffekt. 

Es geht in dem Beitrag unter ande­rem um das Plakat «Friedrich stirb doch sel­ber an der Ostfront!» im Kontext der Wehrpflichtdebatte. Geschmackvoll ist das nicht. Klug auch nicht. Aber Geschmack und Klugheit sind kei­ne Voraussetzungen für Meinungsfreiheit.

Quelle: https://​netz​po​li​tik​.org/​2​0​2​6​/​k​r​i​s​e​-​d​e​r​-​m​e​i​n​u​n​g​s​f​r​e​i​h​e​i​t​-​d​i​e​-​b​e​l​e​i​d​i​g​t​en/

Das dop­pel­te Maß ver­gif­tet die Debatte

Trotzdem bleibt ein Problem. Der Text von Netzpolitik​.org wäre stär­ker, wenn er die eige­ne poli­ti­sche Seite in einen Check ein­be­zie­hen wür­de. Denn Meinungsfreiheit wird in Deutschland zu oft nach Sympathie ver­teilt. Ich mei­ne das nicht böse. Es ist ein Appell an alle.

Trifft es die eige­ne Seite, spre­chen wir von Einschüchterung, Repression und gefähr­li­cher Verengung des Debattenraums. Trifft es die ande­re Seite, spre­chen wir von not­wen­di­ger Grenzziehung, Verantwortung oder wehr­haf­ter Demokratie.

Genau hier beginnt die Krise der Meinungsfreiheit im eigent­li­chen Sinn.

Viele Linke, auch Teile des netz­po­li­ti­schen Milieus, gehen nicht gera­de zim­per­lich mit Menschen um, die sie als rechts oder rechts­extrem ein­ord­nen. Dabei reicht die Markierung inzwi­schen manch­mal erschre­ckend weit. Auch Friedrich Merz, immer­hin CDU-Mitglied und Bundeskanzler, wird in bestimm­ten Debattenräumen nicht sel­ten so behan­delt, als stün­de er bereits mit einem Fuß im Vorhof des Rechtsextremismus. Man kann Merz scharf kri­ti­sie­ren. Man kann sei­ne Migrationspolitik, sei­nen Ton, sei­ne Zuspitzungen und sei­ne poli­ti­sche Strategie ableh­nen. Aber Kritik ist etwas ande­res als Kontaktschuld, Verdachtsverwaltung und mora­li­sche Ausbürgerung aus dem demo­kra­ti­schen Gespräch.

Wenn jedes kon­ser­va­ti­ve Argument sofort nach rechts außen gerückt wird, ver­engt sich der Raum. Dann ver­liert die Meinungsfreiheit nicht durch ein Gesetz, son­dern durch ein Klima. Und die­ses Klima ist für die Demokratie eben­falls gefährlich.

Freiheit gilt auch für fal­sche Leute

Der Prüfstein der Meinungsfreiheit ist nie die ange­neh­me Meinung. Nicht der klu­ge Kommentar, nicht der freund­li­che Zwischenruf, nicht die wohl­tem­pe­rier­te Kolumne am Sonntag beim Kaffee. Der Prüfstein ist die Meinung, die nervt. Die über­zieht. Die stört. Die einem poli­tisch gegen den Strich geht.

Wer Meinungsfreiheit nur dann ver­tei­digt, wenn die eige­ne Seite betrof­fen ist, ver­tei­digt nicht die Freiheit. Er ver­tei­digt ein Lagerinteresse.

Das ist heut­zu­ta­ge die eigent­li­che Schwäche vie­ler Debatten. Rechts insze­niert sich gern als Opfer einer angeb­li­chen Meinungsdiktatur. Links erkennt die­se Pose mit siche­rem Blick, manch­mal sogar mit berech­tig­ter Schärfe. Aber sobald die eige­ne Seite zu Ausgrenzung, öffent­li­chem Druck oder mora­li­scher Herabsetzung greift, wird das Problem klei­ner gere­det. Dann heißt es plötz­lich, man müs­se eben Haltung zei­gen. Man müs­se kla­re Kante zei­gen. Man müs­se benen­nen, was ist.

Ja, natür­lich muss man benen­nen, was ist. 

Eine Demokratie braucht robus­te Maßstäbe

Vielleicht ist es rich­tig, von einer Krise zu spre­chen. Aber nicht von einer simp­len Krise der Meinungsfreiheit nach dem Muster: «Niemand darf mehr etwas sagen.» Das wäre zu bequem. Es ist auch zu falsch.

Wir erle­ben eine Krise der Glaubwürdigkeit im Umgang mit Meinungsfreiheit. Viele ver­tei­di­gen sie beson­ders dann, wenn sie ihnen nützt. Wird der Gegner getrof­fen, sinkt die Empfindlichkeit. Dann wird aus dem­sel­ben Vorgang plötz­lich demo­kra­ti­sche Hygiene. Das ist kon­tra­pro­duk­tiv. Es schwächt gera­de jene, die offe­ne Debattenräume erhal­ten wollen.

Wer staat­li­che Überreaktionen gegen lin­ke Demonstranten kri­ti­siert, muss auch dann auf­merk­sam blei­ben, wenn kon­ser­va­ti­ve, libe­ra­le oder rech­te Stimmen durch mora­li­sche Markierung aus dem Gespräch gedrängt wer­den. Und wer sich über lin­ke Doppelmoral empört, darf nicht so tun, als sei jede Kritik an rech­ter Sprache schon Zensur.

Meinungsfreiheit braucht robus­te Maßstäbe. Nicht rech­te. Nicht lin­ke. Robuste.

Der eigent­li­che Schaden

Doppelte Standards rich­ten (immer!) einen gewal­ti­gen Schaden an. Es bestä­tigt jene, die aus jeder Kritik eine Opfergeschichte bau­en. Es macht die Verteidiger der Freiheit unglaub­wür­dig. Und es sorgt dafür, dass Menschen irgend­wann nicht mehr unter­schei­den kön­nen z.B. zwi­schen berech­tig­ter Grenzziehung und poli­ti­scher Einschüchterung.

Am Ende bleibt eine Gesellschaft zurück, in der alle belei­digt sind, aber kaum noch jemand wirk­lich zuhört. Die einen rufen «Zensur», sobald sie Widerspruch bekom­men. Die ande­ren rufen «Hetze», sobald ihnen ein Argument nicht passt. Dazwischen steht der Begriff der Meinungsfreiheit wie ein alter Baum im Sturm. Noch steht er. Aber man soll­te nicht jeden Tag mit der Axt dar­an herumprobieren.

Die Meinungsfreiheit ist kein Schmuckstück für Sonntagsreden. Sie ist ein Arbeitsgerät der Demokratie. Sie wird schmut­zig. Sie bekommt Kratzer. Manchmal stinkt sie nach Streit. Aber ohne sie wird es nicht sau­be­rer. Enger und unge­dul­di­ger wird es aber auf alle Fälle.

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