
Vor wenigen Tagen habe ich hier ziemlich hart mit Correctiv abgerechnet. In meinem Beitrag „Millionen mobilisiert, null Rechenschaft: Der Fall Correctiv“ habe ich beschrieben, warum die Potsdam-Recherche mein Vertrauen in dieses Medium schwer beschädigt hat. Schon vorher hatte ich mich in „Zwischen Recherche und Inszenierung“ kritisch mit der journalistischen Aufbereitung des Potsdamer Treffens beschäftigt.
Ich nehme davon nichts zurück. Gerade bei einem derart explosiven politischen Thema müssen Journalisten Tatsachen, Schlussfolgerungen und Interpretationen sauber auseinanderhalten. Wenn eine Recherche den Eindruck vermittelt, bei einem Treffen sei ein „Masterplan zur Ausweisung deutscher Staatsbürger“ entwickelt worden, muss eine solche Aussage belastbar sein. Gerichte haben Correctiv bei wichtigen Formulierungen Grenzen gesetzt. Darüber kann man nicht einfach hinweggehen.
Aber während ich über Correctiv diskutiert und mich über dessen journalistische Arbeit geärgert habe, ist bei mir eine andere Frage immer größer geworden: Was sagen eigentlich diejenigen selbst, vor denen Correctiv warnen wollte? Denn aus journalistischen Fehlern folgt schließlich nicht, dass das politische Problem, über das berichtet wurde, nicht existiert. Und hier beginnt für mich ein Widerspruch, den nicht Correctiv, sondern die AfD erklären müsste.
Correctiv besiegt – und gleichzeitig Remigration?
Die AfD und große Teile ihres Umfelds feiern die gerichtlichen Entscheidungen gegen Correctiv als Beweis dafür, dass ihnen etwas Ungeheuerliches untergeschoben worden sei. Schaut man auf die offizielle Position der Partei, scheint die Sache tatsächlich zunächst eindeutig. Der Bundesvorstand definiert Remigration als „rechtsstaatliche und gesetzeskonforme Rückführung ausreisepflichtiger Ausländer“. Noch deutlicher wird es bei deutschen Staatsbürgern. Die AfD erklärt ausdrücklich, sie unterscheide nicht zwischen deutschen Staatsangehörigen mit und ohne Migrationshintergrund. Die Abschiebung deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund lehne sie ab.
Gut. Dann nehme ich die Partei beim Wort.
Nur besitzt diese Partei neben Positionspapieren leider auch Personal. Und dort wird die Sache erheblich interessanter.
René Springer schrieb unmittelbar nach Bekanntwerden der Potsdamer Recherche: „Wir werden Ausländer in ihre Heimat zurückführen. Millionenfach. Das ist kein Geheimplan. Das ist ein Versprechen.“ Björn Höcke beschäftigt sich schon wesentlich länger mit dem Begriff. Bereits 2018 schrieb er von einem „großangelegten Remigrationsprojekt“ und davon, dass dabei „menschliche Härten und unschöne Szenen“ nicht immer zu vermeiden seien. Später setzte er sich öffentlich mit Martin Sellners Remigrationskonzept auseinander und verteidigte es gegen den Vorwurf, Staatsangehörige mit Migrationshintergrund pauschal zu Bürgern zweiter Klasse zu machen.
Ausgerechnet Sellner. Also der Mann, dessen Remigrationskonzept beim Potsdamer Treffen vorgestellt wurde und um dessen Vorstellungen sich ein erheblicher Teil der ganzen Auseinandersetzung dreht.
Und inzwischen geht Höcke noch weiter. Im Februar 2026 schrieb er öffentlich, die Opposition müsse die Debatte darüber führen, „wer ausgebürgert und remigriert gehört“. Das ist nicht irgendein Hinterbänkler, der nachts um halb zwei einen dummen Tweet absetzt. Bekanntlich zählt Björn Höcke zu den einflussreichsten Politikern dieser Partei.
Da darf man doch einmal fragen: Was gilt denn nun?
Das Positionspapier des Bundesvorstands oder das, was führende Vertreter der Partei öffentlich diskutieren?
Ich möchte der AfD ausdrücklich nichts unterstellen, was ich nicht belegen kann. Nach meiner Kritik an Correctiv wäre es geradezu absurd, nun selbst mit Unterstellungen zu arbeiten. Deshalb halte ich mich an das, was diese Leute selbst sagen und schreiben. Und genau dadurch wird es nicht beruhigender.
Denn Sellners Remigrationskonzept beschränkt sich gerade nicht auf die Abschiebung ausreisepflichtiger Ausländer. Darin spielen auch sogenannte „nicht assimilierte Staatsbürger“ eine Rolle. Bei ihnen geht es nicht um eine Abschiebung im klassischen juristischen Sinne, sondern um Maßnahmen und politischen Druck, die eine Ausreise bewirken sollen. Damit betreten wir eine völlig andere Welt. Denn plötzlich lautet die entscheidende Frage nicht mehr: Hat jemand die deutsche Staatsangehörigkeit? Sondern: Ist dieser deutsche Staatsbürger nach den Vorstellungen bestimmter Leute ausreichend assimiliert?
Wer entscheidet das eigentlich? Björn Höcke? Martin Sellner? Eine Behörde? Eine zukünftige Regierung?
Ein deutscher Staatsbürger ist ein deutscher Staatsbürger
Hier liegt für mich die rote Linie. Über eine strengere Migrationspolitik kann man streiten. Über Abschiebungen ebenfalls. Deutschland schiebt Menschen ab, und auch die demokratischen Parteien verlangen schnellere und konsequentere Rückführungen. Das ist nicht der entscheidende Streitpunkt.
Etwas fundamental anderes beginnt dort, wo bei deutschen Staatsbürgern hinter der Staatsangehörigkeit gewissermaßen noch ein Sternchen angebracht wird. Deutscher – aber mit Migrationshintergrund. Deutscher – aber nicht assimiliert. Deutscher – aber vielleicht doch nicht wirklich einer von uns.
Dann interessiert mich das schön formulierte Positionspapier der Parteizentrale irgendwann nur noch begrenzt. Dann interessiert mich, welches Verständnis von Staatsbürgerschaft in dieser Partei tatsächlich wächst.
Und damit bin ich wieder bei meiner Kritik an Correctiv. Ich halte die Fehler und Zuspitzungen der Potsdam-Recherche weiterhin für verheerend. Vielleicht heute sogar noch mehr als zuvor. Denn Correctiv hat der AfD damit ein Geschenk gemacht. Nun kann jede berechtigte Frage nach Remigration, nach Sellners Einfluss oder nach Äußerungen von AfD-Funktionären mit einem einzigen Wort abgewehrt werden: „Correctiv-Lüge.“
Das funktioniert erstaunlich gut. Nur beantwortet es keine einzige der politischen Fragen.
Ein Gerichtsurteil darüber, wie Correctiv eine bestimmte Äußerung darstellen durfte, entscheidet nicht darüber, welches Gesellschaftsbild Björn Höcke vertritt. Es entscheidet nicht darüber, was AfD-Politiker mit „Remigration“ meinen. Und es entscheidet erst recht nicht darüber, ob die Vorstellung von „nicht assimilierten Staatsbürgern“ mit unserem Verständnis gleicher Staatsbürgerschaft vereinbar ist.
Darüber müssen wir schon selbst reden.
Derselbe Maßstab für beide Seiten
Vielleicht habe ich selbst in meinem letzten Artikel einen Fehler gemacht. Nicht indem ich Correctiv kritisiert habe. Diese Kritik halte ich weiterhin für notwendig. Aber indem ich mich so sehr auf Correctiv konzentriert habe, gerieten diejenigen beinahe aus dem Blick, um die es ursprünglich ging.
Deshalb möchte ich jetzt denselben Maßstab anlegen. Wenn ich von Correctiv Genauigkeit verlange, verlange ich sie auch von der AfD. Wenn ich Correctiv an seinen eigenen Aussagen messe, messe ich auch AfD-Politiker an ihren Aussagen. Und wenn ich Correctiv Widersprüche vorhalte, werde ich nicht wegsehen, wenn die AfD einerseits offiziell erklärt, deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund seien selbstverständlich Teil unseres Staatsvolks, während einflussreiche Leute aus ihren Reihen mit politischen Vorstellungen sympathisieren, in denen „nicht assimilierte Staatsbürger“ überhaupt erst zu einer besonderen politischen Kategorie gemacht werden.
Beides gleichzeitig geht für mich nicht.
Man kann nicht permanent mit Begriffen wie „Remigration“, „millionenfach“, „Remigrationsprojekt“ und „nicht assimilierten Staatsbürgern“ hantieren, über Ausbürgerung und Remigration diskutieren und sich anschließend empören, wenn Menschen wissen möchten, was damit eigentlich gemeint ist.
Vielleicht ist meine Frage deshalb viel einfacher geworden. Ich möchte gar nicht mehr wissen, was Correctiv behauptet, dass die AfD will.
Ich möchte von der AfD wissen, was die AfD will.
Gilt für sie uneingeschränkt der Satz: Ein deutscher Staatsbürger ist ein deutscher Staatsbürger – unabhängig davon, wo seine Eltern geboren wurden, welche Hautfarbe er hat, wie er heißt oder ob irgendein Parteifunktionär ihn für hinreichend „assimiliert“ hält?
Wenn die Antwort darauf vorbehaltlos Ja lautet, wunderbar. Dann sollte es allerdings auch nicht besonders schwierig sein, sich von politischen Konzepten zu distanzieren, die genau an dieser Stelle eine zweite Kategorie deutscher Staatsbürger aufmachen.
Und wenn diese Distanzierung nicht erfolgt, darf man fragen, warum.
Dafür brauche ich Correctiv nicht.
Dafür genügt es, der AfD zuzuhören.
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