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Der Bericht der New York Times zeichnet ein detailliertes Bild eines über Jahre gewachsenen Korruptionssystems im ukrainischen Energiesektor: geschwächte Aufsichtsräte, politisch besetzte Kontrollgremien und hundert Millionen Euro, die über undurchsichtige Strukturen verschwinden, während das Land zugleich von westlichen Milliarden gestützt wird. Im Zentrum stehen staatliche Energieunternehmen, bei denen genau jene Governance‑Mechanismen ausgehebelt wurden, die Europa und andere Partner als Bedingung für ihre Unterstützung eingefordert hatten.
Die Regierung von Selenskyj sabotierte die Aufsicht und ließ die Korruption weiter wuchern.
Quelle: NYT
Besonders brisant: Führende Vertreter europäischer Staaten und Institutionen waren demnach seit Langem über das Korruptionsrisiko informiert, nahmen es aber im Schatten des Krieges stillschweigend in Kauf – mit der Begründung, die militärische Unterstützung der Ukraine habe Vorrang vor konsequenter Korruptionsbekämpfung. Dieses Spannungsfeld zwischen bekannten Risiken und weiter fließenden Milliarden macht den Skandal zu einem Problem, das weit über Kiew hinausreicht und heute amtierende nationale und internationale Führungspersönlichkeiten direkt trifft.
Dieser Skandal ist kein Randthema, sondern ein politisches und moralisches Erdbeben, das die Grundfrage stellt: Wer trägt die Verantwortung dafür, dass über Jahre Milliarden an Steuergeldern in ein System geflossen sind, dessen Korruptionsrisiken bekannt waren? Er betrifft nicht nur Kiew, sondern auch Berlin, Brüssel, Oslo, Washington – kurz: die gesamte politische Klasse, die »den Preis kannte und ihn trotzdem bezahlt hat«.
Ein Fehler mit Ansage
Der jüngste Korruptionsskandal im ukrainischen Energiesektor ist in seiner Dimension wie in seiner Struktur kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis eines Systems, das Kontrolle offiziell predigt und informelle Netzwerke faktisch gewähren lässt. Nach Recherchen der New York Times wurden über Jahre zentrale Aufsichtsgremien geschwächt, mit Loyalisten besetzt oder funktionsunfähig gehalten, während gleichzeitig immer größere Summen aus Europa und den USA in Energiekonzerne und Beschaffungsagenturen flossen.
Brisant ist dabei weniger die bloße Existenz von Korruption – die war allen Beteiligten bekannt –, sondern die Kombination aus hohem politischem Schutz, systematisch ausgehöhlten Governance‑Strukturen und einem Kriegszustand, der als Generalrechtfertigung diente. Wer in einem solchen Umfeld Milliarden mobilisiert, ohne die Kontrollarchitektur mit gleicher Härte durchzusetzen, schafft eine Einladung zur Veruntreuung – und trägt politische Mitverantwortung für die Folgen.
Das verdrängte Wissen des Westens
Die entscheidende Passage, die nun in den Mittelpunkt rückt, lautet sinngemäß: Führende europäische Politiker wussten um die Korruptionsprobleme, kritisierten sie intern, tolerierten sie aber, weil der Kampf der Ukraine gegen Russland als übergeordnetes Ziel galt. Der Skandal liegt damit nicht nur in Kiew, sondern auch in den westlichen Hauptstädten: Man kann nicht gleichzeitig Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und »Null Toleranz gegenüber Korruption« propagieren, um dann im Krisenmodus stillschweigend andere Maßstäbe anzulegen.
Diese Diskrepanz zwischen interner Erkenntnis und öffentlicher Kommunikation ist der eigentliche Sprengsatz. Wenn Olaf Scholz, Ursula von der Leyen, Friedrich Merz, andere Regierungschefs und EU‑Spitzen seit Jahren über Risiken informiert waren, sich aber gegenüber ihren Bevölkerungen vor allem auf das Narrativ der »solidarischen Hilfe« konzentriert haben, dann entsteht ein massives Vertrauensproblem. Bürgerinnen und Bürger durften glauben, ihre Regierungen hätten die Lage im Griff; tatsächlich akzeptierten diese ein Niveau von Intransparenz, das sie im eigenen Land niemals dulden würden.
Treuhänder des Steuergeldes – oder politische Risikospieler?
Steuergeld ist kein abstrakter Haushaltsposten, sondern das Ergebnis konkreter Lebenszeit und Arbeitsleistung. Wer in führender politischer Funktion über zweistellige Milliardenbeträge entscheidet, agiert nicht als Eigentümer, sondern als Treuhänder. Diese Rolle verlangt zweierlei: eine klare Definition des politischen Ziels und eine kompromisslose Rechenschaft darüber, welche Risiken dafür in Kauf genommen werden.
Im aktuellen Fall wurden Risiken in Kauf genommen, aber nur halb ausgesprochen. Die Botschaft hätte lauten müssen: »Ja, wir wissen, dass in der Ukraine erhebliche Korruptionsgefahren bestehen. Ja, wir halten die Unterstützung trotzdem für notwendig – deshalb verknüpfen wir jede weitere Milliarde mit harten, überprüfbaren Konditionen und veröffentlichen die Ergebnisse dieser Kontrollen.« Stattdessen stand im Vordergrund ein moralisch aufgeladener Solidaritätsdiskurs, der Zweifel schnell als »nützlich für den Kreml« abkanzelte und kritische Nachfragen zu Governance‑Strukturen als Störung der Geschlossenheit brandmarkte.
Der blinde Fleck der »Wertepolitik«
Der Skandal legt schonungslos offen, wie selektiv »Wertepolitik« in der Praxis gehandhabt wird. Rechtsstaatlichkeit, Transparenz, Anti‑Korruption – all das sind Kernbegriffe europäischer Selbstbeschreibung. Genau diese Begriffe wurden in der Ukraine‑Politik zwar rhetorisch gepflegt, in der konkreten Mittelvergabe und Aufsicht aber zu oft in den Hintergrund geschoben, sobald sicherheitspolitischer Druck entstand.
Damit verschiebt sich der Fokus: Das Problem ist nicht nur die Korruption in einem von Krieg und Oligarchennetzwerken geprägten Land, sondern die normativ aufgeladene Selbsttäuschung des Westens. Wer sich als Hort der Rechtsstaatlichkeit inszeniert, kann sich nicht gleichzeitig auf eine »Ausnahmelogik« zurückziehen, sobald die geopolitische Lage kompliziert wird. Gerade in der Krise zeigt sich, ob Prinzipien Substanz haben oder nur kommunikative Kulisse sind.
Explosive Folgefragen für die Gegenwart
Aus diesem Befund ergeben sich politische Fragen, die nicht mehr wegmoderiert werden können:
- Wer hat auf Seiten der Bundesregierung, der EU‑Kommission und anderer nationaler Regierungen wann welche Informationen über die systematischen Governance‑Defizite in der Ukraine erhalten?
- Welche konkreten Kontrollmechanismen wurden tatsächlich implementiert, welche nur auf dem Papier beschlossen – und warum?
- Warum wurde die Öffentlichkeit nicht frühzeitig darüber informiert, dass die eigene politische Führung bewusst ein hohes Korruptionsrisiko in Kauf nimmt, statt den Eindruck zu erwecken, man habe alles »im Griff«?
Noch brisanter wird dies, wenn es um die Verwendung eingefrorener russischer Vermögen geht. Wenn Deutschland – unter welcher Regierung auch immer – für Dutzende Milliarden an europäischen Anleihen bürgen will, während zugleich dokumentiert ist, dass frühere Mittel missbraucht und Kontrollmechanismen umgangen wurden, dann ist das kein technisches Finanzthema, sondern eine Grundsatzfrage politischer Verantwortung. Wer hier ohne vollständige Aufklärung der Vorgeschichte handelt, riskiert einen zweiten Vertrauensbruch – diesmal gegenüber den eigenen Bürgern.
Ein notwendiger Bruch mit der Kultur des Wegschauens
Aus journalistischer Sicht ist es überfällig, dass der NYT‑Bericht auch im deutschsprachigen Raum nicht nur als Auslandsstory, sondern als innenpolitische Schlüsselfrage behandelt wird. Es geht nicht darum, die Ukraine »fallen zu lassen«, sondern darum, die dringend notwendige Unterstützung mit einem Minimum an intellektueller Redlichkeit und institutioneller Kontrolle zu verbinden.
Der eigentliche Paradigmenwechsel wäre:
- keine Tabuisierung von Korruptionsdebatten aus Angst vor »Schützenhilfe für den Aggressor«,
- öffentliche, detaillierte Rechenschaft der politischen Spitzen über bekannte Risiken und getroffene Abwägungen,
- harte, transparente Konditionalität für jede weitere Milliarde – gegenüber Kiew, aber eben auch gegenüber den eigenen Steuerzahlern.
Dieser Skandal markiert damit einen Wendepunkt. Er zwingt die heute amtierenden nationalen und internationalen Führungspersönlichkeiten, sich zu entscheiden, ob sie weiter auf das Modell »wir wissen mehr, sagen aber weniger« setzen – oder ob sie bereit sind, den Preis ihres bisherigen Krisenmanagements offen zu benennen und die politische Verantwortung dafür zu übernehmen. Alles andere würde die ohnehin brüchige Vertrauensbasis zwischen Regierten und Regierenden weiter erodieren lassen.
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Sehr interessant finde ich den zeitlichen Gleichklang zwischen den Bemühungen der Trump-Administration um einen »Frieden« in der Ukraine, der sich aus ukrainischer und europäischer Sicht viel eher als ein kooperatives Vorgehen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten darstellt. Wer weiß, welche Motive die Investigativ-Journalisten der NYT dazu veranlassten, ausgerechnet in dieser Phase etwas an die Öffentlichkeit zu bringen, das bei Lichte gesehen, doch seit vielen Jahren bekannt gewesen ist und das bei entsprechender Verstärkung bestens dazu geeignet ist, die Ukraine bzw. Präsident Selenskij noch stärker unter Druck zu setzen? Will Trump nicht aus Gründen 15 Mrd. $ von der NYT haben? Ist diese Story etwa eine willkommene Möglichkeit, sich gegenüber Trump zu rehabilitieren? Gelegen käme dieser Administration der Fall ganz sicher. Außerdem trifft er irgendwie wunderbar den Kern der eben veröffentlichten und schier unglaublichen Sicherheitsstrategie der Trump-Administration.


Dass »die gesamte politische Klasse, die «den Preis kannte und ihn trotzdem bezahlt hat», ist eher typisch für den Umgang mit Steuergeldern, ist ja nicht IHR Geld!
Davon abgesehen, kann ich mir vorstellen, dass es nicht gerade leicht, vielleicht sogar unmöglich ist, unter Kriegsbedingungen einen etablierten Korruptionssumpf auszutrocken – in einem Land, mit dem man vor Putins Angriff nicht allzu viel zu tun hatte.
«keine Tabuisierung von Korruptionsdebatten aus Angst vor »Schützenhilfe für den Aggressor« – diese Tabuisierung erinnert an den Umgang mit Kritik an den Maßnahmen während des Corona-Lockdowns.
Ganz allgemein scheinen unsere »Eliten« der Bevölkerung nicht gerade viel zuzutrauen. Wenn ich etwa derzeit Nachrichtensendungen und Mainstream-Medien-Themen betrachte, empfinde ich eine krasse Diskrepanz zwischen dem, was da als das Wichtigste vorkommt und dem, was auf der Welt derzeit abgeht – weit über das Thema Ukraine-Krieg hinaus!
Dass etwa die Beschlagnahmung und die Debatten um die Verwendung der russichen Vermögen weit großräumigere Wirkungen haben, als hierzulande überhaupt besprochen wird, ist nur ein Beispiel unter vielen.
Hier ein DLF-Artikel dazu, der erst ganz am Ende in einem kleinen Absatz speziell DIESE Bedenken anspricht, allerdings so unkonkret und abstrahiert, dass niemand, der sich nicht anderswo informiert, wirklich nachvollziehen kann, was da in der Welt abgeht: Die Bricks-Staaten und etliche andere haben ihre Bemühungen intensiviert, sich von der Dominanz des westlichen Geldsystems zu befreien, mit zunehmenden Erfolgen. Damit bringen sie mittelfristig das aktuelle Finanzsystem in Gefahr, das auf immer heftiger steigenden Schulden basiert und (siehe die Rohstoff-Ralley) sowieso an Vertrauen verliert.
Mehr dazu (ohne Zahlschranke) in der Berliner Zeitung, die allerdings für ihren »russlandfreundlichen« Bias bekannt ist. Sei’s drum, was sie berichtet, sind deshalb nicht immer gleich Fake-News, sondern durchaus mal Fakten, die hierzulande wenig Aufmerksamkeit bekommen.
@ClaudiaBerlin:
Das ist leider durch fast alle Aussagen von Politikern als amtlich festgestellt zu beschreiben. Die halten uns für blöd!
Ich finde wirklich interessant, dass die NYT-Recherche in unseren Nachrichtensendungen überhaupt NICHT erwähnt wurde. Ich habe darauf geachtet und keinen Hinweis darauf gefunden. Hoffentlich habe ich es übersehen. Das ist ein Ausweis von Ignoranz, die man sich nicht vorstellen kann. Natürlich stimmt es, dass lange bekannt war, wie mächtig die Korruption in der Ukraine ist und wie schwer es ist, ein Land mit horrenden Beträgen zu unterstützen, das diese Vorbedingungen mitbringt. Die andere Frage ist allerdings, ob wir unsere Solidarität deshalb hätten aufkündigen sollen. Ganz schwierige Sache, die allerdings eine offene Kommunikation der Bundesregierung erforderlich machen würde. Das tun sie nicht, und das ist mindestens irritierend.
@Horst Schulte: Der Artikel der NYT ist dazu empfehlenswert. Deshalb kam ich auch auf die Anmerkung im farbig abgesetzten Kasten.
Das sind Peanuts. Durch die Besten unser Besten angezettelten Cum Cum und Cum Ex Deals geht mehr verloren.
Bliebe noch zu Fragen wo die letzten 40 Jahre Wehretat wohl hin sind? Man wird es nie wissen.
Aber für alle, denen 2030 nicht schnell genug da sein kann, hat der ÖR auch etwas vorbereitet:
https://www.zdf.de/dokus/fremdenlegion–100
Was wohl passieren würde, wenn jetzt noch jemand an die Menschen und nicht an Kosten denken würde?
Wir werden es wohl nie erfahren.
@juri nello: Was muss eigentlich alles schiefgelaufen sein, um so sarkastisch und boshaft über alles zu urteilen, was auf dieser Welt suboptimal läuft? Wir sind alle nur Menschen. Ich wünschte, es würde besser funktionieren. Aber deine Schlussfolgerungen und Anmerkungen schaden in ihrer Monströsität vor allem dir und deiner seelischen Gesundheit. Ändern lässt sich das alles nicht. Ich versuch‘ mir mit Texten das Dickicht halbwegs überschaubar zu halten und nicht allzu schwarzseherisch herüberzukommen. Probiere das doch auch mal. Deiner mentalen Gesundheit zuliebe. Ich meine das nicht herablassend oder boshaft.