
Wenn ein Schauspieler eine historische Figur von der Monstrosität eines Hermann Göring verkörpert, droht fast immer die Karikatur: die plumpe Schablone eines größenwahnsinnigen Despoten. Was Russell Crowe in dem in diesem Jahr angelaufenen Spielfilm „Nürnberg“ unter der Regie von James Vanderbilt auf die Leinwand bringt, schlägt jedoch einen weitaus unbequemeren Weg ein.
Crowe spielt Hitlers einstigen Reichsmarschall nicht als rasenden Fanatiker, sondern mit einer beiläufigen weltmännischen Eloquenz, schneidendem Intellekt und einer gefährlichen Jovialität. Im Zentrum steht das psychologische Duell zwischen ihm und dem US-Militärpsychiater Dr. Douglas Kelley (gespielt von Rami Malek), der die Angeklagten vor Prozessbeginn auf ihre Zurechnungsfähigkeit untersuchen soll. Kelley sucht nach dem anatomischen Sitz des Bösen, nach einer greifbaren Geisteskrankheit – und muss stattdessen feststellen, dass er einem hochintelligenten, rhetorisch versierten Zyniker gegenübersitzt, der die Klaviatur der menschlichen Psychologie meisterhaft beherrscht.
Genau darin liegt die beklemmende Stärke dieser Inszenierung. Wer das Verbrechen der NS-Diktatur auf pathologische Einzelfälle reduziert, macht es sich historisch zu leicht. Die eigentliche Gefahr ging von Menschen aus, die bei vollem Bewusstsein und mit wachem Verstand handelten. Eine Auseinandersetzung, die auch heute angesichts mancher Geschichtsvergessenheit schmerzt, wie ich es bereits im Text darüber festhielt, warum man die Wahrheit über die Vergangenheit aushalten muss.
Wenn das Recht instrumentalisiert wird
Wer „Nürnberg“ sieht, sollte zwingend einen zweiten Film zur Hand nehmen, der thematisch dort ansetzt, wo die Verurteilung der ersten Riege endete: Stanley Kramers Meisterwerk Urteil von Nürnberg aus dem Jahr 1961.
Während Vanderbilts aktueller Streifen das Duell zwischen Anklage und den politischen Haupttätern ausleuchtet, seziert Kramer den Nürnberger Juristenprozess von 1947. Im Mittelpunkt steht dort Burt Lancaster als Dr. Ernst Janning – ein hochgebildeter Rechtsphilosoph, der das Unrecht nicht aus dumpfem Hass beging, sondern das Recht schrittweise für vermeintlich höhere Zwecke opferte.
Die Entscheidung, die von Burt Lancaster gespielte Figur fiktiv anzulegen, war letztlich auch eine dramaturgische Notwendigkeit, da es in den realen Prozessen an einer passenden historischen Alternative für diese spezifische Rolle fehlte. Keiner der tatsächlichen Angeklagten des Juristenprozesses erfüllte die Funktion, die für die emotionale und moralische Tragweite des Films gebraucht wurde: ein hochangesehener, ehemals international geschätzter Jurist, der sich seiner Schuld vollends bewusst ist und dies schließlich auch offen eingesteht. Die realen Angeklagten zeigten meist keine Reue oder flüchteten sich in formale Ausreden. Um diesen tiefen inneren Konflikt und das späte, dramatische Geständnis überhaupt auf die Leinwand bringen zu können, mussten die Filmemacher auf einen fiktiven Charakter zurückgreifen, da die historische Realität für diese Schlüsselrolle schlicht kein passendes Vorbild bot.
Kramers Film zeigt eindringlich, was geschieht, wenn ein Berufsstand, der dem Schutz des Bürgers verpflichtet ist, zur formalistischen Abwicklungsmaschinerie wird. Die reale Nachkriegsjustiz hat diese Einsicht lange verweigert, was die filmische Reflexion umso zeitloser macht. Beide Werke ergänzen sich auf bemerkenswerte Weise: Während Crowe die skrupellose Selbstinszenierung der Machtelite verkörpert, verdeutlicht Lancaster den schleichenden Verrat des bürgerlichen Gewissens.
Wachsamkeit statt bequemes Vergessen
Gute historische Spielfilme sind keine verstaubten Museumsstücke; sie sind Prüfsteine für die Gegenwart. Sie erinnern uns daran, dass demokratische Institutionen und rechtsstaatliche Prinzipien nicht von selbst überleben, sondern von den Menschen abhängen, die sie mit Leben füllen.
Es gibt immer wieder Strömungen, die meinen, man könne die Erinnerung an jene Epoche allmählich ruhen lassen – eine Haltung, die mich jedes Mal nachdenklich stimmt, sei es bei Debatten über Straßennamen oder wenn die Erinnerung sprichwörtlich auf den Friedhof verbannt werden soll.
„Nürnberg“ mit Russell Crowe ist deshalb weit mehr als ein historisch akkurates Kammerspiel. Es ist eine Aufforderung, genau hinzusehen, wenn Demagogen mit Charme, Bildung und intellektueller Schärfe auftreten. Ein lohnender Kinobesuch – am besten im direkten Doppelpack mit dem Klassiker von 1961.
Na das ist ja mal ein Hallloween Film Tip, danke. Gucke ich mir nachher an.
@Peter Lohren: viel Spaß.