
ki-rechenzentren-rheinisches-revierScheinbar formiert sich längst nicht nur in den USA der Widerstand gegen Rechenzentren, die wohl im Wesentlichen für die Rechenpower nötig sind, die für KI-Anwendungen gebraucht wird. Dort entstehen inzwischen bemerkenswerte Bündnisse: Konservative Landwirte, Umweltschützer und andere Bürgerinitiativen wehren sich gemeinsam gegen neue Anlagen. Es geht um Flächenverbrauch, Strom, Wasser, Lärm und nicht zuletzt um die Frage, was eine Gemeinde eigentlich davon hat, wenn sich ein solcher gigantischer Stromverbraucher vor ihrer Haustür niederlässt. In mehreren US-Bundesstaaten wurden Projekte bereits gestoppt, verzögert oder mit Moratorien belegt.
Ich frage mich allerdings noch etwas anderes: Wie viele dieser Aktivisten werden KI wohl aus grundsätzlichen Erwägungen überhaupt nicht nutzen? Wie viele nutzen sie, würden das aber lieber nicht an die große Glocke hängen? Wie viele benutzen ChatGPT, Copilot, Gemini und Konsorten mit einem latent schlechten Gewissen? Und wie viele nutzen KI völlig selbstverständlich, lehnen aber gleichzeitig die Infrastruktur ab, ohne die diese Dienste nicht funktionieren?
Das wäre schließlich kein ganz neues Phänomen. Wir wollen Strom, aber möglichst keine Stromtrassen. Wir wollen Windenergie, nur soll das Windrad bitte woanders stehen. Wir bestellen jeden erdenklichen Kram übers Internet und wundern uns über Logistikzentren und Lieferverkehr. Und nun möchten wir womöglich KI nutzen, aber die dafür erforderlichen Rechenzentren lieber nicht sehen.
Ganz so einfach darf man es sich allerdings auch nicht machen. Wer KI nutzt, verliert dadurch schließlich nicht das Recht, danach zu fragen, wie viel Strom und Wasser Rechenzentren verbrauchen, welche Flächen sie beanspruchen, wie ihre Notstromversorgung aussieht und welchen konkreten Nutzen die betroffenen Kommunen davon haben. Die Kritik wird nicht dadurch falsch, dass der Kritiker gelegentlich selbst einen Prompt abschickt. Interessant wird es erst dort, wo aus berechtigten Fragen eine Haltung wird, nach der die digitale Infrastruktur zwar vorhanden sein soll – bloß möglichst immer anderswo.
Diese Diskussion trifft uns in unserer Region unmittelbar. Microsoft baut im Rheinischen Revier einen Cluster aus drei großen Rechenzentren in Bergheim, Bedburg und Elsdorf. Im März 2026 erfolgte in Bergheim der erste Spatenstich; für Bergheim und Bedburg waren zu diesem Zeitpunkt die Baugenehmigungen erteilt. Microsoft beschreibt die Anlagen ausdrücklich als Infrastruktur für Cloud-Computing und KI-Anwendungen. (rheinisches-revier.de)
Damit findet die abstrakte Diskussion über den Ressourcenhunger der KI plötzlich praktisch vor unserer Haustür statt. Allein für das Projektgebiet sollen nach Angaben der NRW-Landesregierung zusätzliche Netzanschlusskapazitäten von bis zu 520 Megawatt geschaffen werden. (Landtag NRW) Umweltverbände kritisieren außerdem Flächenverbrauch und unter anderem die vorgesehene Absicherung des ersten Bergheimer Rechenzentrums durch Diesel-Notstromaggregate. (Bund Nordrhein-Westfalen)
Ich bin deshalb gespannt, ob sich auch bei uns stärkerer Widerstand entwickelt. Und noch gespannter wäre ich auf eine kleine, selbstverständlich vollkommen indiskrete Umfrage unter den Gegnern: „Nutzen Sie eigentlich KI?“ Man sagt uns Deutschen nach, technik- und fortschrittsfeindlich zu sein. Dass das nicht nur für AfD-Wähler gilt, ist angesichts dieser Diskussionen kaum zu bestreiten.
Die Antworten könnten interessanter werden als die nächste Grundsatzdebatte darüber, ob Rechenzentren gut oder böse sind. Denn vielleicht liegt der eigentliche Konflikt gar nicht zwischen Befürwortern und Gegnern der KI. Vielleicht verläuft er mitten durch uns selbst: zwischen dem, was wir digital längst selbstverständlich nutzen, und dem, was diese Bequemlichkeit in der wirklichen Welt an Infrastruktur benötigt.
Die Cloud schwebt eben nicht am Himmel. Irgendwo steht immer ein verdammt großes Gebäude.
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