Vom „Schulte“ zum „Du“: Eine Zeitreise der Etikette

3 Min. lesen

13 Kommentare

0

Ein persönlicher Rückblick auf den Wandel der Anrede: Von der schroffen Etikette der Nachkriegszeit über die Distanz im Berufsleben der 80er bis zur heutigen Duz-Kultur im Netz. Ein Plädoyer für das „Sie“ als Ausdruck von Wertschätzung und Raum für das Gegenüber – auch in digitalen Zeiten.

Meinen Beitrag zu Eriks Blogparade #relevant könnte man auch in die Rubrik »Opa erzählt von früher ™« einordnen, denn die allgemeine Handhabung der Ansprache anderer Menschen hat sich in meiner Erinnerung sehr verändert. Das gilt auch für mich.

Du oder SIe
Du oder SIe

Der Chef meines Vaters sprach ihn mit Schulte an. Nicht Herr Schulte, kein Vorname, einfach Schulte. Ich fand das als Junge respektlos. Mein Vater duzte seine Freunde (klar!) und Arbeitskollegen, er sprach alle mit dem Vornamen an. Ausländer, auch die, die er bis dahin gar nicht kannte, duzte er. Fand ich auch komisch.

Ich war Zeit meines Lebens eher zurückhaltend und hatte ein Kreuz damit zu tragen, Autoritäten (die ich selbst dazu gemacht habe) nicht zu viel Respekt entgegenzubringen. Ob es Lehrer, Ärzte, Pfarrer oder der Chef war. Zuviel Respekt schadet vielleicht nicht den Umgangsformen, aber der eigenen Durchsetzungsfähigkeit dafür umso mehr.

Als junger Mann hatte ich einmal mit einer Gruppe von älteren Herren zu tun, die allesamt adliger Abstammung waren. Ein Prinz, Grafen, Barone – ich erinnere mich nicht mehr genau. Allesamt waren freundlich und zeigten sich dankbar für meine kurzzeitige Tätigkeit als Fremdenführer.

Obwohl ich vorab genau über die korrekten Titel instruiert worden war, klappte das in der Aufregung kaum. Die Herren selbst sahen das gelassen: Sie fanden, dass ein schlichtes »Sie« als Ansprache völlig ausreichend sei.

Damals war ich um die 20. Für mich war es selbstverständlich, die Kolleginnen und Kollegen zu siezen. Innerhalb der größeren Gruppe von Lehrlingen duzten wir uns natürlich. Die anderen Kolleg*innen wurden mit dem formellen Sie angesprochen.

Im Laufe der Jahre wurde ich Abteilungsleiter und Prokurist. Das war in den 80ern. Mit den Leuten, mit denen ich mich inzwischen angefreundet hatte, blieb es natürlich beim Du, während ich bei neuen Mitarbeiter*innen mit dem Du zurückhaltend war.

Diese vielleicht erziehungsbedingte Zurückhaltung und die mangelhafte Beweglichkeit, Kolleginnen das Du anzubieten, hat sich bei mir erst spät verändert.

Mit den meisten Kolleg*innen duzte ich mich schließlich und ich empfand das als angenehm locker.

Auch beim Bloggen duze ich nicht jeden. Ich weiß schon, wie die Regeln sind, trotzdem. Schaden kann das nichts, weil man trotz der eingetretenen Duzmentalität ja nicht wissen kann, wie alt der Bloggast ist und ob es ihr oder ihm nicht lieber ist, mit dem förmlicheren Sie angesprochen zu werden.

Ich finde immer noch wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, auch wenn ich natürlich weiß, wie das in unserer Internet-Gegenwart üblicherweise gehandhabt wird.

3 Min. lesen

0

Bisher 466 Mal aufgerufen6 mal davon heute

430 Wörter

13 Gedanken zu „Vom „Schulte“ zum „Du“: Eine Zeitreise der Etikette“

  1. Hallo Horst,
    die Duz-Mentalität ist mir suspekt. Nicht generell und auch nicht im Netz, aber beim Zwang zum Duzen hört es bei mir auf. Ich sehe auch nicht ein, warum ich von Institutionen, Versicherungen oder Dienstleister geduzt werden sollte. Im Arbeitsbereich finde ich das Sie auch sehr schön, um einen gewissen Abstand zu signalisieren, z.B. zur Geschäftsführung. (Ich habe bei uns im Unternehmen das Hamburger vorgeschlagen, nachdem mich die GF wiederholt zum Duzen überreden wollte, Vorname und Sie ist nicht ganz so förmlich, lässt aber keine Kumpanei zu. )

    Übrigens – diese Duzerei geht auch einher mit der Infantilisierung der Gesellschaft, wir sprachen drüber.

    • @Horst: Na ja in anderen Ländern gibt’s das Sie ja schlichtweg nicht. In den Staaten ist das Äquivalent zum Sie das »Sir« bzw. Ma’am»

    • @Horst: Ja natürlich ist das vorstellbar. Ich spreche ja auch nicht von Begegnungen, sondern von zwischenmenschlichen Verhältnissen, die eine professionelle Distanz erfordern, da finde ich das siezen mehr als angebracht.

  2. Mir ist das Wichtigste, dass wir mit etwas Wohlwollen und Nachsicht aufeinander zugehen. Die allerwenigsten Menschen wollen andere beleidigen, indem sie sie duzen. Und genauso bin ich nicht entrüstet, wenn jemand mich siezt. Mir hat diese Blogparade auf jeden Fall nochmal die Augen geöffnet, dass es Menschen gibt, die dieses Thema genau anders herum empfinden als ich. Und das ist ja auch was wert, das zu wissen.

  3. Ich stimme dir zu, dass die Anrede mit dem Nachnamen respektlos ist. So möchte ich auch nicht angesprochen werden.

    Beim Bloggen duze ich aber jeden und möchte umgekehrt auch geduzt werden.

  4. In den skandinavischen Ländern wird seit Jahrzehnten jeder geduzt, außer die Mitglieder der jeweiligen Königshäuser. Von einer Infantilisierung der Gesellschaft kann man dort nicht sprechen. Ich bin ein großer Freund des Duzens und es stört mich nicht, geduzt zu werden, wenn es wechselseitig ist.

Kommentar schreiben


Hier im Blog werden bei Abgabe von Kommentaren keine IP-Adressen gespeichert! Deine E-Mail-Adresse wird NIE veröffentlicht!



🕒 3 Minuten