Wenn Kabarett zur Kanzel wird

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oder – ein weiterer Beitrag zum Thema: Früher war alles besser …

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn eine Sendung, die einmal als befreiender Schlag gegen die verkrustete Republik wirkte, plötzlich wie ein pädagogisches Trainingslager daherkommt. Genau das ist für mich – und offenbar auch für viele andere – mit der Anstalt und der heute-show geschehen. Diese Formate haben sich, leise und kaum bemerkt, von der Bühne der Widersprüche auf die Kanzel der Gewissheiten geschlichen.

kabarett wandel
kabarett wandel

Früher stand im Kabarett die persönliche Haltung im Vordergrund. Priol war Priol, ungebändigt und fiebrig. Schramm war Schramm, ein verkappter Philosoph, der uns mit seinem brennenden Ernst förmlich durchleuchtete. Die alten Bühnenlöwen hatten Schwung, Ecken, manchmal Übermut. Und vor allem: Sie beugten sich keiner Linie. Sie waren selbst Linie. Ihre Auftritte wirkten wie unverwechselbare Fingerabdrücke — und wenn man nicht einverstanden war, konnte man wenigstens spüren, dass ein Mensch dort sprach, kein Konzept vermittelt werden sollte.

Heute dagegen scheint vieles in diesen beiden Sendungen so sorgfältig austariert, dass jede Spitze den pädagogischen Zweck schon eingebaut mitliefert. Nicht mehr der Funke zählt, sondern die Vermittlung. Nicht mehr die Abweichung, sondern die Einordnung. Man bekommt Wahrheiten serviert wie Infohäppchen: schön aufbereitet, halb ironisch, halb moralisch, aber am Ende immer mit dem Unterton: »So ist es nun einmal, das weiß man doch.«

Vielleicht ist es gerade das, was den Reiz der alten Anstalt so klar werden lässt: Damals traute man dem Publikum noch die Zumutung zu. Die Verwunderung. Die Uneindeutigkeit. Schramm drehte Schleifen, Priol explodierte in Wortgewitter, und manchmal traf das, manchmal ging es daneben. Aber es war immer echt. Die Kunst des politischen Kabaretts lebte vom Risiko, nicht von der abgesicherten Botschaft.

Wenn ich heute diese Formate einschalte, habe ich oft das Gefühl, dass es nicht mehr um die Frage geht, welche unerhörte Sichtweise eine Figur entwickelt – sondern darum, ob die Pointe am Ende auf der »richtigen« Seite landet. Das Ergebnis wirkt wie politisches Entertainment mit pädagogischer Note. Und pädagogische Unterhaltung: Das ist wie ein Wein, der beim ersten Schluck kräftig duftet, aber im Abgang nach Belehrung schmeckt.

10 Jahre «Die Anstalt», 10 Jahre mittelmäßige Zahlen


In den vergangenen Jahren versuchten Max Uthoff und Claus von Wagner mit «Die Anstalt» die großen und kleinen Geschichten der Politik und Wirtschaft aufzuarbeiten. Zahlreiche Zuschauer haben diese Storys verfolgt, allerdings war die Menge der Personen überschaubar. So ist es dann auch kein Geheimnis, dass die Jubiläumsshow zum zehnjährigen Geburtstag nur 1,87 Millionen Zuschauer holte. Sarah Bosetti und Matthias Renger, die ebenfalls zu Gast waren, sorgten für 11,2 Prozent Marktanteil. Die einstündige Sendung holte 0,31 Millionen junge Zuschauer und fuhr gute 9,4 Prozent Marktanteil ein.


Quelle (2024)

Die offene Einflussnahme drängt sich doch auf. Die Sendungen wollen führen, statt herauszufordern. Sie wollen »erklären«, statt zu irritieren. Und das ist – zumindest für mich – keine gute Entwicklung. Kabarett war nie ein Schulfach. Es war ein Ort der Befreiung. Ein Ort der Wildheit. Ein Ort, an dem Figuren wie Schramm uns nicht sagten, was wir glauben sollen, sondern zeigten, wie man überhaupt zweifelt.

Fest steht: Priol und Pelzig verlassen die Show auf dem Höhepunkt ihres eigenen Erfolges. 3,61 Millionen Zuschauer hatte die Sendung im Juni, eine satte Einschaltquote von 16,5 Prozent. Es war die erfolgreichste »Anstalt«, seit die beiden zusammen auftreten.

Quelle (2013)

Dass viele Zuschauer sich abwenden, überrascht nicht. Ein Publikum, das eine eigene Haltung hat, möchte nicht von Kabarettisten »geführt« werden. Es möchte begleitet, provoziert, angestoßen werden. Aber nicht im Sinne einer politischen Matinee, sondern im Sinne einer Einladung zum Denken.

Was bleibt?

Vielleicht muss politisches Kabarett den Mut wiederfinden, das es einst kannte: die Lust am Widerspruch. Den Charme der Überzeichnung. Die Freude an Figuren, die sich nicht in moralische Raster pressen lassen. Vielleicht muss es auch wieder Menschen hervorbringen, die wie Schramm oder Priol nicht die Rolle erfüllen, sondern sie sprengen.

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10 Gedanken zu „Wenn Kabarett zur Kanzel wird“

  1. Es scheint tatsächlich so, dass sich viele dem Mainstream beugen. Bei der Anstalt, Pirol hatte ich nicht den Eindruck. Bei Georg Schramm ist das ebenfalls schwer vorstellbar, tritt der denn überhaupt noch auf? Der Fairness halber muss natürlich auch sagen, dass einiges tatsächlich nur in jungen Jahren geht. Wenn ich Lisa Eckart sehe, denke ich immer, dass ihre Jugend sie vor der Abrisskante schützt, so nah jongliert sie sich manchmal daran entlang. 😆

  2. Hier wird wieder munter zusammengemischt.

    Das Allererste, was kulturbeflissene Menschen wissen sollten, dass das TV kein Maßtab der Kultur, sondern bestenfalls Ergänung Selbiger ist, auch wenn schon Hildebrandt die Latte ziemlich hochgesteckt hat. Und das obwohl er immer sagte, dass er eigentlich aus der Unterhaltung kommt, diese aber durchaus auch geistreich sein dürfte.

    Dann gibt es noch die Unterschiede zwischen Comedy, Varieté und Kabarett.

    Die Heute Show ging als Comedy an den Start und bestand zumindets in den Anfängen im Wesentlichen aus dem alten Frühstyxradioteam von FFN.

    Sie entrwickelte sich aufgrund der Tagesgeschehnisse und der Redaktion immer mehr zu einem Varieté mit Satireanteil. Auch weil man dem Ausland mit ähnlichen Sendungen etwas entgegensetzen wollte.

    Comedy funktioniert eher nach dem Prinzip des Witzeerzählens.
    Und das bediente die Heute Show mal gut, mal weniger gut, je nach dem persönlichen Humor gesehen.

    Wenn man aber Satire und politisches Kabarett als Maßstab nimmt, fallen die meisten Shows und damit das TV in Gänze eben durch.
    Immerhin finden sie zumindest im ÖR überhaupt noch statt.

    Dabei sollte man auch beachten das seit 80 Jahren ausschliesslich das amerikanische TV auch Vorbild für das Heimische ist. Natürlich auch für die öffentlich Rechtlichen.

    Die Kabarettkünstler haben aber immer schon eher außerhalb des TV statt gefunden. Auch wenn Deutschmann zur Wendezeit sein härtestes Programm vom WDR hat austrahlen lassen.
    Kennt jemand Dietrich Kittner? Nein? Wundert mich nicht. Der war ja auch als Kommunist verschrien, aber der Einzige, wo wirklich jeder sein Fett abbekam. Der war nun schon 1992 schon älter und hat selbst bei Techno nicht vor einer gnadenlosen Satire zurückgeschreckt. Was mich dazu veranlasste nach der Vorstellung ein Bier mit ihm zu trinken, da ich auch bekennender Fan der Antikultur bin.

    Man sollte auch die Anfänge der jetzigen Anstalt beachten. Die war ja nicht immer so. Bei seinen ersten Auftritten in den Mitternachtsspitzen bei Becker und Schmickler hat der Uthoff echt so hervorgestochen, dass ich damals schon witzelte, dass der die Sendung wohl übernimmt. Es kam dann ja anders.

    Bei Kabarettisten indes journalistische Prinzipien anzusetzen halte ich für bishaft. Kabarett funktioniert nicht neutral.

    Das SPD-Kabarettisten sich das Leben einfach machen, indem sie ihre Pointen rund um den aktuellen Vorwärts entwickeln, ist da eine andere Geschichte. Auch hier lohnt meist der Blick in die Vergangenheit.

    Florian Schröder ist bisher der Einzige, der den Deutschmann mit Ausnahme des Cellos auch so spielen konnte, dass ich glaubte, der steht gerade auf der Bühne.

    Die Grenzen der Unterhaltung verschwimmen indes immer mehr. Das liegt aber am großen Vorbild USA, die leider inzwischen auch hier als große Kabarettmeister gefeiert werden. Sie sind es nicht. Nur sind halt viele Amerikaner den platten Comedy Quatsch auch leid, seitdem sie mitbekommen haben, das da auch mehr möglich ist. In Deutschland ist es genau anders rum.

  3. Ja, die Propaganda zieht sich durch den kompletten ÖR. Kein Wunder, dass ältere Ossis von der aktuellen Kamera sprechen und meinen, dass sie dafür damals nicht auf die Straße gegangen sind.
    Der missionarische Eifer bei der Propaganda lässt sich wohl eher leicht erklären.
    Mit Kabarett hat das indes nix zu tun.
    Ein gutes Kabarett zeichnet sich auch dadurch aus, dass man Nummern mal nicht versteht oder erst hinterher einem ein Licht aufgeht.
    Eine gewisse Vorbildung ist da leider vonnöten, aber auch zu erwarten. Tutorialvideos sind kein Kabarett.
    Und ja: Der Mensch möge bitte selber denken. Leute, die einem erklären was man gefälligst zu denken hat, gibt es wie Sand am Meer. Eine typische Ausprägung einer narzisstischen Gesellschaft.

    Wohin das führt, kann man gut bei den zu viel gelobten USA sehen.
    Diesen Weg wird auch Deutschland gehen.

    Wen n in den USA ein Comedy Show eingestellt wird, ist unser ÖR ganz vorne bei den Buhschreiern dabei, selbst wenn die Gläubiger 50 Millionen vom Sender fordern. Passiert das hier, so vernehme ich da wenig. Schon gar nicht von Seiten der USA. Kann es evtl. sein das die Gag-Schreiber dort im Sender sitzen?

  4. Das Problem ist doch eher: »Was ist Meinung, Wahrheit und was ist Gewissheit?«
    Leider versuchen sie einem zu erzählen, dass Wasser trocken sei.
    Unterhaltungstechnisch kann das natürlich toll sein, aber nur als Märchen.
    Da sind andere Formate jedoch wesentlich übler. Gerade auch Nachrichten oder wenn mal wieder eine Autorin, Schauspielerin, Musikerin, Malerin, von der man vor ein paar Jahren noch nie etwas hörte oder sah plötzlich sämtliche Kultur- und Medienpreise abräumt, weil sie in ihrem aktuellen schaffen den -ismus auslebt.

    Das hat dann schon Wochenschaucharakter.

  5. Menschen, die anderen ihre Meinung aufzudrücken versuchen, hat es vermutlich immer schon gegeben.

    Nicht in dem Ausmaß. Wenn es bei der Meinung bliebe, könnte man sich noch arrangieren, aber jeder soll so leben, wie sie, so aussehen (natürlich eine Spur hässlicher), die Inneneinrichtung muss genau so sein, etc. pp., denn nur sie sind die Reinkarnation des einen Gottes.

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