Zahlen, die nachdenklich machen müssen

8 Min. lesen

10 Kommentare

0

kiddie canvas 47
kiddie canvas 47
Inhalt

Zahlen, Zuspitzungen und das Spiel mit der Wahrnehmung

In der jüngsten Ausgabe von Markus Lanz wurden einmal mehr viele Zahlen in den Raum gestellt. Schnell, pointiert und korrekt? Mit einem Ton, der nach Klarheit klingt und doch oft nur Schlaglichter, düstere zumal, wirft. Drei Aussagen bleiben hängen. Zahlen, die geeignet sind, Stimmungen zu verdichten. Veronika Grimm aus dem Kreise der erlauchten Wirtschaftsweisen hat bereits versucht, uns dieses gefährliche Zahlenspiel näherzubringen. Was sollen wir, die Otto-Normalverbraucher, mit solchen längst utopisch anmutenden Milliarden- und Billionen-€-Werten anfangen? Ich habe erneut versucht, durchzusteigen. Mithilfe auch von KI-Recherche. Hoffentlich halten die Ergebnisse stand.

Ich hab’s mir noch einmal angetan: Das Ergebnis ist auf alle Fälle differenzierter, als es im Studio der Fall gewesen ist. Ich greife die Punkte auf, wie sie chronologisch in der Sendung Thema aufkamen.

Jeder dritte Langzeitarbeitslose ohne deutschen Pass

Diese Aussage ist faktisch korrekt. Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit, veröffentlicht unter anderem über eine parlamentarische Anfrage des René Springer von der AfD, hatten 2024 rund 33 Prozent der Langzeitarbeitslosen keinen deutschen Pass. Das sind etwa 317.000 von knapp 972.000 Menschen.

Aktuellere Zahlen aus dem November 2025 zeigen sogar: Bei über einer Million Langzeitarbeitslosen liegt der Anteil weiterhin bei rund einem Drittel. Der Anstieg ist deutlich. 2018 lag der Anteil noch bei 23 Prozent. Die Zahl stimmt. Was sie bedeutet, darüber sollte die eigentliche Debatte geführt werden. Wieviel Geld verschlingen die staatlichen Leistungen an Menschen, die u.U. nie einen Job finden – auch nicht über einen längeren Zeitraum mit Spracherwerb und Umschulung und wie sind die Milliarden von Sozialleistungen genau zu beziffern? Oder wollen wir gar nicht wissen, wie viel Geld unsere humanitäre und doch zunehmend ablehnende Haltung verschlingt?

Jeder zweite Bürgergeldempfänger ohne deutschen Pass

Zum Jahreswechsel 2024/2025 bezogen rund 5,42 Millionen Menschen Bürgergeld. Etwa 2,60 Millionen davon hatten keinen deutschen Pass. Das sind rund 48 Prozent. Statista nennt für das erste Halbjahr 2025 durchschnittlich 47,6 Prozent. »Jeder Zweite« ist also eine rhetorische Verdichtung. Treffender wäre: fast jeder Zweite. Knapp die Hälfte. Kleinkariert? Ich sage das nur angesichts der Diskussion bei Lanz.

Auch hier zeigt sich ein deutlicher Anstieg gegenüber 2021, als der Anteil noch bei etwa 36 Prozent lag. Ein wesentlicher Treiber sind die ukrainischen Kriegsflüchtlinge, die seit 2022 in großer Zahl ins System aufgenommen wurden. Man kann (vielleicht sollte man das sogar) die Zahl auch politisch bewerten. Man sollte aber sauber formulieren. Sind die Kosten in dieser angespannten durch ökonomische Disruption (mit absehbar durchschlagender Wirkung auf die Steuereinnahmen des Staates) auch nur halbwegs zu vertreten? Politiker äußern sich vermutlich lieber nicht zu solchen Sachverhalten. Deshalb nehmen sie in Kauf, dass so viele Leute gegen diese Leistungen sind, ihren Unmut äußern und AfD wählen.

300 Hamburger Bedarfsgemeinschaften mit über 8.000 Euro im Monat

Laut einem Bericht von Tichys Einblick vom August 2025 gibt es in Hamburg 309 Bedarfsgemeinschaften, die monatlich mehr als 8.000 Euro Bürgergeld erhalten (das findet sich in anderen Quellen ebenfalls). Lanz sprach von »300«. Das ist eine legitime Rundung. Die Information geht, wie leider so oft, auf eine kleine Anfrage der AfD zurück.

Darunter befinden sich 53 Asylbewerber-Haushalte und zehn Haushalte ohne Kinder. Die hohen Summen entstehen in der Regel durch viele Kinder, addierte Regelsätze und die vollständige Übernahme der – in Hamburg besonders hohen – Mietkosten. Man muss wissen, wie diese Beträge zustande kommen. Sonst entsteht der Eindruck eines pauschalen Versorgungsparadieses. Manche Leute wollen es allerdings so genau gar nicht wissen. Sie haben sich auf die Attacke auf alles und jedes versteift.

In Köln gab es gerade einen besonders aparten Fall eines Bosniers, der durch den Kölner Stadt-Anzeiger in die Öffentlichkeit kam. Die Gesetze besagen, die Ansprüche des vielfachen Vaters seien legitim bzw. nicht zu beanstanden. Immerhin. Was arme deutsche Rentner, Bürgergeld- oder Mindestlohnempfänger darüber wohl denken mögen?

Lanz‘ Zahlen sind wahr – und doch nicht die ganze Wahrheit

Alle drei Aussagen sind statistisch belegbar. Zwei sind exakt korrekt, eine ist leicht zugespitzt. Die Quellen stammen überwiegend aus parlamentarischen Anfragen – also aus politisch motivierten Kontexten. Das heißt nicht, dass die Zahlen falsch sind. Es heißt nur: Sie werden mit voller und zwar hinterfotziger Absicht in den Diskurs eingespeist.Wie immer, wenn die AfD die Hände im Spiel hat.

Der DGB weist zu Recht darauf hin, dass viele Betroffene Kriegsflüchtlinge sind. Menschen, die sich ihre Situation nicht ausgesucht haben. Und hier beginnt das eigentliche Problem. Zahlen erzeugen Bilder. Bilder erzeugen Stimmungen. Stimmungen erzeugen politische Forderungen.

Wenn wir nur hören: ein Drittel. Fast die Hälfte. 8.000 Euro im Monat. Dann arbeiten diese Zahlen in uns. Sie wirken. Dann scheint es egal zu sein, dass sie keine Biografien erklären. Was kümmert uns der einzelne Mensch, wenn er als »graue Masse« in großen Zahlen versinkt? Aber die Zahlen erklären keine Fluchtgeschichten. Sie zeigen keine Arbeitsmarktbarrieren, keine Sprachhürden, keine traumatischen Brüche.

Vermutlich ist Dobrindts Vorstoß, nachdem Migranten bereits nach 3 statt bisher 6 Monaten arbeiten »dürfen«, ein Beleg dafür, dass sich in der Politik einiges bewegt. Viele haben beanstandet, dass die Hürden zur Arbeitsaufnahme durch Migranten immer noch zu hoch seien. Andere schimpfen darüber, dass Dobrindt agiert hat, wie er es als überzeugter Konservativer nun einmal tun sollte.

Die Zahlen stimmen oder sind nah an der Wirklichkeit. Die politische Deutung ist und bleibt eine andere Frage. Dass menschliche Schicksale in solchen Diskussionen kaum noch eine Rolle spielen, macht mürbe und härtet gleichzeitig ab gegen das Leid anderer.

Der Haushaltsposten Arbeit und Soziales ist die dominierende Position im Bundeshaushalt. Frau Löhr von der FAZ rechnet vor: Allein für Arbeit und Soziales wären über 220 Milliarden Euro veranschlagt. Ist zwar falsch! aber weiter im Text. Gleichzeitig steigen die Verteidigungsausgaben deutlich an. Das stimmt. Aber nicht in der Größenordnung, die Löhr nannte (150 Mrd. €), und die Zinslast frisst sich wieder spürbar ins Budget. Allerdings mit 37–40 Mrd., nicht 60–70 Mrd.

»Das heißt, dreiviertel unserer gesamten Ausgaben werden auf diese drei Blöcke entfallen.«

Löhr, FAZ, in der Sendung

Also:

  • 220 Mrd. Soziales
  • 150 Mrd. Rüstung
  • 60–70 Mrd. Zinsen = ca. 430–440 Milliarden

Wer etwas recherchiert, sieht: Es stimmt, dass die großen Blöcke Sozialstaat, Rente, Sicherheit und Schuldendienst wirken, wie Löhr es ausführte. Die Spielräume für andere wichtige Bereiche verengen sich somit zunehmend. Das kann jeder verstehen.

Allerdings sage ich, die Zahlen sollten wenigstens halbwegs korrekt sein, auch wenn sie im entspannten Studioumfeld in behaglicher Atmosphäre gesagt werden. Sonst passt Lanz ja immer auf wie ein Schießhund, damit er Politiker wegen vermeintlicher Unwissenheit vorführen kann. Natürlich haben immer alle herzlich über diese »Versager« gelacht! Nur die Journalisten kommen mit all ihren Ausrutschern immer eine Spur zu gut weg. Frau Löhr hat für mich einen schlechten Job gemacht, wie ich überhaupt den Eindruck habe, dass sie zu denen zählt, die den Sozialstaat am liebsten schleifen würden. Nie ein gutes Wort für das Land, immer nur negative Bestandsaufnahmen und Ausblicke.

Hier die aktuellen Daten des aktuellen Haushalts:

BereichBetrag 2026Veränderung ggü. 2025
Arbeit & Soziales (Einzelplan gesamt)197,4 Mrd. €+7,1 Mrd. €
davon: Bundeszuschuss Rentenversicherung127,8 Mrd. €+5,3 Mrd. €
davon: Bürgergeld28,1 Mrd. €-1,5 Mrd. €
Verteidigung (Kernhaushalt)82,7 Mrd. €+20,4 Mrd. €
Verkehr & Infrastruktur27,9 Mrd. €
Zinsen (Schuldendienst)~37–40 Mrd. €steigend
Quelle: https://www.dihk.de/de/newsroom/bund-plant-fuer-2026-mit-ausgaben-von-525-milliarden-euro-156322
PositionBetrag 2026
Einzelplan 11 gesamt197,4 Mrd. €
davon: allgemeiner Bundeszuschuss Rentenversicherung64,4 Mrd. €
davon: zusätzlicher Bundeszuschuss (Mehrwertsteueranteil)33,7 Mrd. €
davon: Bundesmittel für Mütterrente19,7 Mrd. €
Rentenzuschüsse gesamt~127,8 Mrd. €
davon: Bürgergeld28,1 Mrd. €
BlockBetragAnteil am Haushalt
Arbeit & Soziales (EP 11)197,4 Mrd. €~37,6%
Verteidigung (EP 14, inkl. sicherheitsrelevant)82,7 Mrd. €~15,8%
Zinsen/Schuldendienst~37–40 Mrd. €~7,5%
Verkehr & Infrastruktur27,9 Mrd. €~5,3%

Ich frage mich trotz aller Überlegungen am Rande: Was wäre eigentlich realistisch einzusparen? Die Rente mit 63, die Mütterrente streichen? Das sind vermutlich nicht mehr als 10-15 Mrd. €.

Leistungen beim Bürgergeld kürzen? Da war doch was! Dabei sind sich Politiker (AfD natürlich nicht) inzwischen ziemlich einig. Die Einsparungen werden gemessen an dem, was erforderlich wäre, Peanuts sein. Darüber wurde monatelang gestritten. Die entstandenen Verletzungen der Betroffenen, der Leistungsempfänger, standen nie im Fokus. Profilneurosen überlagerten alles (aufseiten der Union). Wie sich die besonders Lauten wohlfühlen würden, während die anderen Gegenstand dauernder Unterstellungen und Vorhaltungen gewesen sind.

Und was genau meinen eigentlich diejenigen, die pauschal »bei den Ausländern« sparen wollen – sehr wohl wissend, dass viele Leistungen rechtlich gebunden sind und die großen Summen im Rentensystem liegen? Vielleicht wäre es heilsam, die Energie einmal nicht auf symbolische Empörung zu richten, sondern auf die nüchterne Frage, welche Reformen tatsächlich tragfähig und gesellschaftlich in dieser Gemengelage durchsetzbar wären. Abgesehen davon fehlen in solchen Rechnungen stets die Beträge, die Migranten zum Gemeinwesen durch ihre eigene Arbeitsleistung beisteuern. Denn auch sie zahlen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge.

8 Min. lesen

0

Bisher 242 Mal aufgerufen9 mal davon heute

1504 Wörter

10 Gedanken zu „Zahlen, die nachdenklich machen müssen“

  1. Die haben sich die richtigen Lehrmeister ausgesucht. Nämlich unsere Kleptokraten aus der ersten Reihe der Verschmelzung von Wirtschaft und Politik, die seit knapp 3 Dekaden ihre Clans via Cum Ex, ihren Stiftungen und ihren NGOS fürstlich unterhalten.

    Der Unterschied ist, dass die Beschuldigten zumindest das Geld noch fließen lassen, vulgo ausgeben und damit eben auch einen Beitrag leisten, dass der Laden läuft.
    Unsere Kleptokraten tun das nicht! Die haben Investitionsziele, in denen Deutschland eine eher untergeordnete Rolle einnimmt.Vulgo: Die Kohle ist weg und kommt auch nicht wieder her.

  2. @Horst Ja. Ich meine mit die Beschuldigten die Einreisenden, die die Statistik nennt.
    Ich mag an unserem System wahrlich kaum was, jedoch den Rechtsgrundsatz in dubio pro reo finde ich prima.
    Natürlich geht der Spaß der Kleptokraten schon länger, es werden immerhin vordemokratische Seilschaften bedient, aber die Gesetzeslage brauchte noch etwas Zeit. An Cum Ex hatte man vor 500 Jahren noch nicht denken können. Die Sozialgesetzgebung beruht immer noch auf der Agenda 2010. Mit dem alten System aus Sozial- und Arbeitslosengeld ist das kaum zu vergleichen.

    Diese Leute (ich könnte jetzt schreiben, im Wesentlichen bestehend aus Trickbetrügern, Menschenhändlern und Kinderfickerringen, aber das wäre viel zu ungenau) werden aber jedes Mal aufs Neue – o h n e Not – in die höchsten Ämter und Würden gewählt. Wenn man so ein reiches Land ist, dann kann man die paar Schmarotzer auch gut und gerne aushalten.

    Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Remo Klan und der Regierung?
    Nun, der Remo Klan kann einem Schutz garantieren.

    Ich warte ja jetzt noch auf die Eilmeldung von den Tagesthemen, dass Herr Merz in Peking seinen Pickert nicht kriegt.

    Der Erste, der mit KI ein Fußballturnier der reichsten Mannschaften dieser Erde faked und damit Geld verdient, bekommt ein handgeklöppelten Orden »Guter Mensch« von mir.

  3. Ich bin ja schon gespannt auf Deine Sichtweise, wenn sie Dir demnächst die Rente kürzen, aber nicht die vom Merz oder der Faeser. Aber es ist ja für einen guten Zweck, denn der antirussische Feldzug muss ja finanziert werden.

  4. Alle Achtung, Horst! Da hast du dir richtig viel Arbeit gemacht mit der Recherche, KI hin oder her! Danke für die aufschlussreichen Zahlen.
    »zehn Haushalte ohne Kinder« mit 8000,-/Monat? Da müssen dann aber Pflegebedürftige dabei gewesen sein… (die Quelle ist unter Zahlschranke).

    Wie auch immer: Wenn man die menschliche Seite all der Empfänger von Sozialleistungen betrachtet, ist es – abgesehen von klaren Missbrauchsfällen – meist eher zu wenig als zuviel. Völlig anders stellt sich das dar, betrachtet man die Gesamtausgaben, die einzelnen Posten und im Vergleich die Steuereinnahmen und Schulden. Dass die 2.Sicht der Dinge oft als »unmenschlich« gelabelt wird, finde ich falsch, denn es ist durchaus ein Denken ans Gemeinwohl, wenn man nicht nur die menschliche Bedürftigkeit, sondern auch die Leistungsfähigkeit des Staats insgesamt bedenkt.

    Dass Politiker/innen lieber Geld verteilen, das sich nicht haben, um ihrem Wahlvolk zu gefallen, ist in Zeiten wie diesen eine echte Sünde (z.B. Mütterrente: macht im Einzelfall nur wenige Euro aus!). Die langen emotional geladenen Debatten übers Bürgergeld sind wirklich lachhaft angesichts der eher marginalen, möglichen Einsparungen. Viel Getöse um fast nichts!

    Bei alledem vermisse ich wirklich sehr irgendwelche Debatten um die kommende massive Arbeitslosigkeit (Büro-Jobs) durch KI. Was da in den nächsten Jahren auf uns zu kommt, scheint die Politik lieber zu ignorieren: es könnte die Bevölkerung verunsichern… und dieses Jahr ist ja Wahljahr (endlich mal Landtagswahlen zusammen zu legen wäre auch ein hilfreiche Reform, aber das wollen sie einfach nicht!)

    • @Horst Schulte: …und ich denke drüber nach, meine Steuerberaterin zu ersetzen (selber machen mit KI-Hilfe), die mich mehr als eine Monatsrente (Minirente 550,-) kostet. In diesem Fall wäre das allerdings für die Betroffene eine Entlastung, denn sie hat eher zuviel Arbeit als zu wenig und Steuerfachkräfte sind echt schwer zu finden!

Kommentar schreiben


Hier im Blog werden bei Abgabe von Kommentaren keine IP-Adressen gespeichert! Deine E-Mail-Adresse wird NIE veröffentlicht!



🕒 8 Minuten