Zwischen Anhängerschaft und Verehrung

Man muss kein Genie sein, um zu spüren, wie sehr sich alles verschoben hat. Nicht mit einem Knall. Es mutet sich vielmehr an wie ein kaum wahrnehmbares Kippen der Gewichte, die für eine gewisse Balance in der Demokratie lebenswichtig sind. Politik, so scheint es, ist längst nicht mehr nur der Ort von Argumenten, Programmen und Auseinandersetzungen. Sie ist zur Bühne geworden – und auf dieser Bühne stehen nicht Ideen im Rampenlicht, sondern Menschen und deren Anhängerschaft.

politik marke personenkult usa Anhängerschaft
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Von der Zustimmung und Anhängerschaft zur Verehrung

Es ist eine Entwicklung, die sich nicht auf ein Land oder eine Partei beschränkt. Doch nirgendwo wird sie so unverblümt sichtbar wie im Amerika Donald Trumps. Trump und Florida scheinen diesbezüglich eine Einheit zu sein – eine, die unheimlich ist und die wir Europäer kaum nachvollziehen können.

Der Mann ist längst keine Politikerfigur ($) mehr im klassischen Sinne. Er ist ein Phänomen, eine Projektion, ein Mythos, den seine Anhänger aktiv miterschaffen – und den sie mit einer Inbrunst verteidigen, die religiösen Bewegungen näher steht als politischen Parteien.

Aus Zustimmung wird Bindung. Aus Bindung wird Loyalität. Und irgendwann steht da etwas, das mit nüchterner politischer Haltung nichts mehr zu tun hat. Wenn Anhänger seinen Namen auf die Brust tätowieren, seine Aussagen ungeprüft für wahr halten und jeden Widerspruch als Angriff empfinden, dann hat man den Bereich der Politik verlassen – und den der Verehrung betreten. Das ist kein Randphänomen. Das ist Mainstream in Teilen der amerikanischen Gesellschaft. Als ich die Szene im Fernsehen sah, in der irgendwelche komischen Leute Trump im Oval Office die Hand auf die Schulter legten und Gebete murmelten, war das so befremdlich, dass ich diese Szene wohl nie im Leben vergessen werde. Das steht sinnbildlich für das, was ich meine. Inzwischen hat er sich sogar persönlich als Jesus geoutet. „Ein Missverständnis“, sagt Trump.

Ein Kult entsteht nicht zufällig

Der Übergang ist fließend, aber er ist kein Zufall. Niemand wird sich bewusst entschlossen haben, von heute auf morgen Heldenverehrung zu betreiben. Doch Trumps Team weiß sehr genau, was es tut. Diese Loyalität wird gezielt genährt – durch Wiederholung, durch die ständige Präsenz eines Namens, eines Gesichts, einer Erzählung, die den Anhängern sagt: Ihr seid die Vergessenen, ich bin euer Rächer. Symbole entstehen, Orte werden aufgeladen, Worte bekommen eine eigene Schwerkraft. Das Ganze wächst zu einem Gesamtkunstwerk der Manipulation. Trump ist der dazu passende Name – und sein Talent liegt weniger in der Politik als in der Inszenierung.

Kult als Schutzschild für Korruption

Es wäre jedoch naiv, diesen Kult isoliert von seinen materiellen Grundlagen zu betrachten. Denn Personenkult hat stets auch eine ökonomische Seite – und im Fall Trump ist diese Seite besonders deutlich und besonders beunruhigend. Gegen den Präsidenten, seine Söhne, seine Schwiegerkinder und seine Tochter Ivanka wurden schwerwiegende Korruptionsvorwürfe erhoben. Die Trump Organization wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Trumps Immobiliengeschäfte, seine fragwürdigen Verbindungen zu ausländischen Geldgebern und die schamlose Vermischung von Staatsamt und privatem Geschäftsinteresse während seiner ersten Amtszeit machten deutlich: Hier regiert jemand nicht für das Land, sondern für seinen Clan.

Wenn Namen zu Marken werden, wenn Aufmerksamkeit in Wert übersetzt wird, dann ist Korruption keine Ausnahme mehr – sie wird zum System. Sichtbarkeit wird zur Währung. Zustimmung wird zum Kapital. Die Antwort auf die Frage „Wer profitiert hier eigentlich wovon?“ ist erschreckend eindeutig: eine Familie, die politische Macht konsequent zur Vermehrung privaten Reichtums nutzt. Und der Personenkult leistet dabei wertvolle Dienste: Er immunisiert gegen Kritik, er rahmt Korruptionsvorwürfe als „politische Verfolgung“ um und bindet die Loyalität der Anhänger nicht an Werte, sondern an eine Person. Ermittlungen werden als Hexenjagd bezeichnet. Zeugen werden diskreditiert. Und die Masse jubelt.

Wenn Demokratie zur Kulisse wird

Es wäre zu einfach, das nur als Auswuchs einer einzelnen politischen Richtung zu betrachten. Die Mechanismen dahinter sind universell – Medienlogik, soziale Netzwerke, das menschliche Bedürfnis nach klaren Figuren in einer unübersichtlichen Welt. Der Mensch sucht Orientierung. Und oft findet er sie leichter in Personen als in komplexen Programmen. Das ist verständlich. Aber es ist auch gefährlich.

Denn wo Politik zur Projektionsfläche wird, verliert sie an Bodenhaftung. Kritik wird persönlich genommen. Widerspruch wirkt wie Verrat. Und der Raum für das, was Demokratie eigentlich ausmacht – den offenen Streit um die bessere Lösung – wird systematisch verengt. Schlimmer noch: Wenn Korruption im Schutzmantel des Kultes operiert, verlieren demokratische Kontrollmechanismen ihre Wirksamkeit. Was bleibt, ist die Kulisse einer Demokratie – mit einem Herrscher, der vor allem sich selbst regiert.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem wir innehalten sollten. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem klaren Blick. Wie viel Nähe verträgt Politik? Wie viel Distanz braucht sie? Und wann kippt Unterstützung in blinde Gefolgschaft – die Mächtigen erlaubt, ungestraft zu tun, was sie wollen?

Die Antworten darauf sind nicht einfach. Aber die Fragen zu stellen, ist ein Anfang und für viele Amis irgendwie vollkommen überfällig.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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2 Kommentare zu „Zwischen Anhängerschaft und Verehrung“

  1. Eine Ständegesellschaft wird natürlich von Adel, Geldadel und Klerus verwaltet. Da ändert auch keine Demokratur des Feudalismus etwas. Das ist aber kein neues Phänomen.
    In der demokratischen Presse sind vorne auf den Titelseiten nicht nur die Popsternchen, sondern natürlich Adel und Klerus. Das ist nicht Unterhaltung, sondern Programm.

    Man sieht die Sachen bloß offensichtlicher, da sich die Kommunikation und die Darbietung des Wissens geändert haben.

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