20 Millionen Muslime? Doch so viele!
Nun wiedermal etwas zu einer Aussage, die Ulrich Reitz in einem seiner berüchtigten Focus-Videos gemacht hat. Ich kann diesen demografischen Unfug nicht widerspruchsfrei vorbeirauschen lassen. Dafür ist er einerseits zu blöd und anderseits zu gefährlich.

Inhalt
Ich weiß, für welche Klientel der Focus sich besonders ins Zeug legt. Der Zweck heiligt wohl die Mittel. Und das, obwohl der ÖRR ständig von dort (insbesondere auch von Reitz persönlich) für jede Ungenauigkeiten (Framing u.s.w.) attackiert wird.
So lief das:
Die Formulierung »20 Millionen Muslime in Deutschland« wird als Aussage des Moderators bzw. als Verweis auf ein Buch von Sascha Adamek wiedergegeben. Sie ist insofern keine Tatsachenfeststellung.
Nach aktuellen Schätzungen leben in Deutschland derzeit etwa 5,5 bis 6 Millionen Muslime, also rund 6–7 % der Bevölkerung. Die Zahl von 20 Millionen würde einen sehr starken Anstieg voraussetzen und ist entsprechend umstritten.
Reitz’ Informationen landen und verbreiten sich ganz sicher in den Hirnen, deren Eigentümer solche Zahlen nicht groß genug sein können. Die prüfen nicht, die fühlen. Sie haben Albträume vom Bevölkerungsaustausch und davon, dass ihre Frauen und Töchter Burkas tragen müssen.
Reitz spricht in seinem Video über die Gefahren des Islamismus in Deutschland. Das ist selbstverständlich ein legitimes Thema. Islamismus ist real. Islamismus ist gefährlich. Islamismus muss benannt, bekämpft und politisch ernst genommen werden. Wer das verharmlost, macht sich etwas vor.
Aber genau deshalb benötigt diese Debatte eine plausible Faktenbasis. Wer über Islamismus sprechen will, darf Muslime nicht als statistische Drohkulisse missbrauchen. Aber er macht hier keine Unterscheidung zwischen Muslimen und Islamisten und auch dazu schweigt der Islamismusexperte. Wer mit großen Zahlen hantiert, sollte rechnen können. Oder wenigstens den Taschenrechner nicht aus ideologischer Erregung gegen die Wand werfen.
Das Thema war in der vergangenen Woche auch bei Markus Lanz präsent. Sascha Adamek, Islamismus-Experte und Kollege von Reitz, war dort zu Gast und hatte einiges zu erzählen. Die Debatte selbst wurde dadurch allerdings nicht klarer. Die Damen, die sich dort in die Wolle bekamen, haben der öffentlichen Diskussion in Deutschland nach meinem Eindruck keinen Dienst erwiesen. Es blieb vieles aufgeregt, manches richtig, manches schief, einiges schlicht unbrauchbar.
Nicht „bei uns“, sondern mit uns
Dann ist da diese eine Aussage von Reitz, die mich wirklich stört. Er sagt dort, gleich zu Beginn des Videos und der eingeladene Experte lässt es unwidersprochen stehen, dass «demnächst» etwa 20 Millionen Muslime bei uns leben würden. Reitz bezieht sich allerdings auf Adameks Buch. Also wäre es blöd, wenn dieser dazu Einspruch erhoben hätte.
Die Mär vom Austausch und vom Volkstod wird von den Rechten gehegt und gepflegt. Ob Reitz sich angesichts dieser Sorgen, die von Millionen von AfD-WählerInnen geteilt werden, hätte zurückhalten können? Wohl eher nicht.
Muslime leben mit uns. Viele seit Jahrzehnten. Viele als deutsche Staatsbürger. Viele als Nachbarn, Kollegen, Ärztinnen, Handwerker, Lehrerinnen, Paketboten, Vereinsmenschen, Eltern auf Schulhöfen. Wie all die Menschen sich fühlen, wenn so ein bekannter Journalist aus seinem Elfenbeinturm solche Aussagen in Umlauf bringt?
Ich werde mal sachlich:
Die Deutsche Islamkonferenz gibt an, dass aktuell ungefähr 5,5 Millionen Musliminnen und Muslime in Deutschland leben. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt bei etwa 6,6 Prozent. Das ist eine relevante Zahl. Sie ist aber kein Freifahrtschein für rhetorische Panikfahrten.
Was an dieser Zahl nicht stimmt
Reitz’ «20 Millionen Muslime demnächst» verblüfft auf den ersten Blick. Jedenfalls, wenn man so einigermaßen die Zahlen im Kopf hat. Für die anderen sind sie groß genug, um sich zu erschrecken.
Wie soll es dazu kommen, dass »demnächst« 20 Mio. Muslime in Deutschland leben? Auch dafür haben Rechte ihre Thesen. Aber sie ist wie viele, was sie behaupten, purer Blödsinn.
Pew Research schätzte für muslimische Frauen in Deutschland eine durchschnittliche Geburtenrate von etwa 1,9 Kindern pro Frau, gegenüber etwa 1,4 bei Nicht-Musliminnen. Ja, das ist höher. Aber es liegt unter dem Bestandserhaltungsniveau von ungefähr 2,1 Kindern je Frau. Wer daraus eine demografische Lawine bastelt, rechnet nicht. Er inszeniert.
Pew hat für Deutschland auch ein Szenario ohne weitere Migration gerechnet. Danach würde die muslimische Bevölkerung von knapp 4,9 Millionen im Jahr 2016 auf etwa 6 Millionen im Jahr 2050 steigen. Hauptsächlich wegen der jüngeren Altersstruktur, nicht wegen einer angeblich explosionsartigen Geburtenrate. Das ist ein Unterschied, den man kennen sollte, bevor man vor laufender Kamera mit Millionenbeträgen um sich wirft.
Wenn man dieses Wachstum grob fortschreibt, kommt man von 5,5 Millionen auf 20 Millionen nicht «demnächst», sondern in ungefähr 218 Jahren. Also irgendwo um das Jahr 2240 herum. Und selbst das ist schon eine ziemlich wackelige Fortschreibung, weil Pew ausdrücklich davon ausgeht, dass sich Geburtenraten über Generationen eher annähern.
«Demnächst» ist also ein hübsches Wort, wenn man Stimmung machen will. Als demografische Kategorie taugt es ungefähr so viel wie Kaffeesatz im Statistischen Bundesamt.
Der Trick mit dem Hochmigrationsszenario
Die Zahl 20 Millionen taucht nur in der Nähe eines Hochmigrationsszenarios auf. Pew kam in einem solchen Szenario für Deutschland auf etwa 17,5 Millionen Muslime im Jahr 2050. Aber dieses Szenario hat eine klare Voraussetzung: Die starken Flüchtlingsbewegungen der Jahre 2014 bis 2016 würden dauerhaft weitergehen. Quellen: Pew Research – The Growth of Germany’s Muslim Population | Pew Research – Europe’s Growing Muslim Population
Genau das ist der Punkt, der in der politischen Zuspitzung gern verschwindet. Dieses Szenario ist keine Prognose im Sinne von: So wird es kommen. Es ist eine Modellrechnung nach dem Motto: Was wäre, wenn ein sehr starker Migrationsdruck dauerhaft aufrechterhalten bliebe?
Das ist ein himmelweiter Unterschied. Wer aus einem Hochmigrationsszenario eine Art demografische Gewissheit macht, führt das Publikum in die Irre. Und wer dann noch «demnächst» sagt, legt rhetorisch Brandbeschleuniger aus.
Zumal sich die politische Lage seitdem deutlich verändert hat. Die europäische Asylpolitik wurde verschärft. GEAS steht für eine andere Richtung. Viele demokratische Parteien handeln inzwischen restriktiver, als es manchen lieb sein kann. Auch aktuelle Entwicklungen deuten eher auf sinkende oder stabilisierte Flüchtlingszahlen hin als auf eine dauerhafte Wiederholung der Jahre 2014 bis 2016. Reuters berichtete im Juni 2026, Europas Flüchtlings- und Asylbewerberpopulation habe sich 2025 stabilisiert, während Asylanträge im zweiten Jahr in Folge zurückgingen.
Man muss diese Entwicklung nicht feiern. Man muss sie aber zur Kenntnis nehmen, wenn man seriös argumentieren will.
Islamismus bekämpfen heißt nicht Muslime zählen wie eine Bedrohung
Ich möchte Islamismus nicht verharmlosen. Im Gegenteil. Gerade weil Islamismus eine reale Gefahr ist, sollten wir uns weigern, die Debatte mit falschen oder schiefen Zahlen zu vergiften.
Wer Islamismus bekämpfen will, muss über Netzwerke sprechen. Über Moscheevereine, Prediger, Online-Radikalisierung, Schulen, Sicherheitsbehörden, Integration, Antisemitismus, Parallelmilieus und staatliche Versäumnisse. Über alles, was konkret ist. Über alles, was überprüfbar ist. Über alles, was politisch bearbeitet werden kann.
Aber pauschale Muslim-Zahlen als drohende Zukunftskulisse in den Raum zu stellen, hilft nicht. Es verschiebt die Debatte. Aus dem Problem Islamismus wird dann rasch der Verdacht gegen Muslime. Aus der Kritik an Ideologie wird Misstrauen gegen Menschen. Und genau da wird es gefährlich.
Denn wer «20 Millionen Muslime demnächst» sagt, erzeugt nicht Aufklärung. Er erzeugt Beklemmung. Er legt nahe, hier wachse etwas heran, das Deutschland überrollen werde. Das ist keine Analyse. Das ist politisches Geräusch.
Die Zahl 20 Millionen Muslime ist also kein Ergebnis nüchterner Demografie. Sie ist eine politische Reizfigur. Sie klingt nach Statistik, funktioniert aber wie ein Sirenenton. Wer sie nennt, ohne die Voraussetzung eines dauerhaft extrem hohen Migrationsszenarios offenzulegen, macht aus einer Modellrechnung eine Drohkulisse.
Und genau darin liegt das Problem. Man kann über Islamismus hart reden. Man muss es sogar. Aber man darf dabei nicht so tun, als seien 5,5 Millionen Muslime in Deutschland eine Art Vorhut einer unausweichlichen Übernahme. Das ist kein Beitrag zur inneren Sicherheit. Das ist publizistische Brandmalerei.
Wer vor Islamismus warnen will, soll Islamismus benennen. Wer über Migration streiten will, soll über Migration streiten. Aber wer Millionen Muslime in einen einzigen alarmistischen Zukunftsschatten stellt, betreibt keine Aufklärung. Er produziert Angst.
Adameks von Reitz vorgetragene Zahl wirkt deshalb nicht wie Analyse, sondern wie eine Nebelgranate. Sie verschiebt den Blick weg von konkreten Problemen und hin zu einem diffusen «Die werden immer mehr». Genau dieses Spiel ist gefährlich. Nicht, weil jede Sorge falsch wäre. Sondern weil falsche Zahlen echte Sorgen verursachen können und die falsche Einstellung damit fast zwangsläufig entsteht.
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