Wie schnell wir vergessen, wie gut wir heute leben

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Ich bin 1953 geboren. Das klingt nach einer anderen Welt – und manchmal fühlt es sich auch so an. Als Kind gehörten Dinge zu meinem Alltag, die heute kaum noch jemand unter fünfzig kennt. Da standen draußen auf dem Hof noch Toilettenhäuschen. Samstags wurde die Zinkbadewanne aufgebaut, das Wasser auf dem Herd erhitzt und anschließend badete die ganze Familie nacheinander. Lehrer durften Ohrfeigen verteilen oder mit dem Rohrstock zuschlagen, ohne dass dies ernsthaft infrage gestellt wurde. Vieles erschien selbstverständlich, obwohl es das aus heutiger Sicht keineswegs war.

Lebensstandard Deutschland

Wenn ich noch weiter zurückblicke, bis ins Jahr 1832, als Goethe (hab‘ gerade einen Film über ihn gesehen) starb, wird der Abstand noch größer. Die meisten Menschen reisten zu Fuß oder mit der Kutsche, fließendes Wasser gab es kaum, medizinische Versorgung war Glückssache und selbst regelmäßiges Baden gehörte nicht zum Alltag. Das Leben war kurz, hart und von Entbehrungen geprägt.

Erst in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich unser Alltag mit einer Geschwindigkeit, die wohl einmalig in der Geschichte ist. Innerhalb eines Menschenlebens verschwanden Plumpsklos, Kohleöfen und Zinkbadewannen, Waschbottiche aus Stein. Einen Elektroherd hatten wir nicht, ein ganz schön großer Kohleofen stand in der Küche. Statt eines Kühlschranks gab es im Keller einen Holzverschlag, die Tür war mit einem Fliegengitter versehen – wegen der Luft.

Waschmaschinen, Zentralheizungen, Kühlschränke, Autos und später Computer und Smartphones wurden selbstverständlich. Wir leben heute länger, gesünder und bequemer als jede Generation vor uns.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir diesen Fortschritt kaum noch wahrnehmen. Unsere Lebensumstände werden eher beklagt. Wohl auch deshalb, weil es verständliche Verlustängste gibt. Aber was wäre aus der Generation unserer Eltern und Großeltern und damit aus uns geworden, hätten sie angesichts der beiden Weltkriege derart mutlos gelebt und gefühlt.

Stattdessen entsteht heute leicht das Gefühl, früher sei alles besser gewesen. War es das wirklich? Heute knottern manche darüber, wie schön die DDR war und wie toll da alles organisiert gewesen ist. Echt jetzt? „Scheiß Freiheit“, möchte ich denen entgegenrufen. Ihr habt vergessen, dass Freiheit nicht nur wirtschaftliche Chancen birgt, sondern auch die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen, (übrigens auch für die Demokratie!) abverlangt. Dass sie Esprit erfordert und ebenso auch hohe Risiken im Gepäck hat.

Die guten alten Zeiten eben. Aber wer freiwillig wieder Wasser aus dem Brunnen holen, einmal pro Woche baden oder sich in der Schule schlagen lassen möchte, dürfte schwer zu finden sein.

Auch unser gesellschaftliches Miteinander hat sich verändert. In den siebziger Jahren erschien mir der Umgang der Menschen oft entspannter. Man diskutierte heftig, aber nicht jede Meinungsverschiedenheit wurde sofort zur moralischen Grundsatzfrage. Gleichzeitig dürfen wir die Vergangenheit nicht verklären.

Frauen hatten nicht die gleichen Chancen wie heute, Homosexualität war vielerorts noch ein Tabu und Vorurteile gegenüber Minderheiten gehörten zum Alltag. Unsere Gesellschaft ist heute in vielen Bereichen offener und gerechter geworden. Dennoch scheint die Bereitschaft, andere Ansichten auszuhalten, eher abgenommen zu haben. Wir reden mehr über Toleranz – aber wir tun uns oft schwerer damit, sie im Alltag zu leben.

Bei aller Freude über den erreichten Wohlstand bleibt allerdings ein bitterer Gedanke. Fast jeder Fortschritt beruhte auf einem immer größeren Verbrauch von Kohle, Öl und Gas. Wir haben Häuser gebaut, Straßen asphaltiert, Autos gekauft und sind um die Welt geflogen. Das alles hat unser Leben angenehmer gemacht – aber eben auch den Planeten belastet. Spätestens seit den achtziger Jahren wissen wir, welche Folgen das haben wird. Trotzdem reagieren wir bis heute erschreckend halbherzig.

Vielleicht wird man in hundert Jahren weniger darüber staunen, dass wir Smartphones besaßen oder elektrisch fuhren. Vielleicht wird man sich vielmehr fragen, warum eine Generation, die so viel wusste wie keine zuvor, so lange gezögert hat, das Offensichtliche zu tun. Das wäre eine traurige Bilanz für eine Zeit, die ihren Menschen so viel Wohlstand schenkte wie keine zuvor.

Lebensbereich18321932/332032 (heute aus Sicht der Zukunft)
ToilettePlumpsklo im Hof oder MisthaufenAußentoilette in vielen Mietshäusern noch üblichFast überall moderne Sanitäranlagen
BadenZuber oder Wanne, seltenZinkbadewanne, oft einmal pro WocheTägliches Duschen selbstverständlich
ZähneKreide, Salz, PulverZahnpasta verbreitet, aber Luxus für mancheElektrische Zahnbürsten, Mundpflege selbstverständlich
SchuleNur wenige Jahre UnterrichtSchulpflicht, aber autoritärDigitalisierung, Inklusion, Ganztagsschulen
KörperstrafenSelbstverständlichOhrfeigen und Rohrstock normalVerboten, Kindeswohl im Mittelpunkt
FrauenKaum RechteWahlrecht vorhandenWeitgehende Gleichstellung (mit offenen Baustellen)
ReisenKutsche, zu FußEisenbahn, Fahrrad, erste AutosFlugzeug, ICE, E-Autos, Videokonferenzen
LichtKerzen, ÖllampenElektrisches Licht zunehmendLED, Smart Home
HeizungHolzofenKohleofenWärmepumpe, Fernwärme
MedizinKeine AntibiotikaErste Impfstoffe, aber hohe SterblichkeitHochentwickelte Medizin
KommunikationBriefeTelefon, RadioSmartphone, KI
Dieser Text wurde teilweise mit KI erstellt.
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3 Kommentare

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  1. Samstags baden, alle nacheinander, eine weiß emaillierte große Badewanne und ein Kohleofen, der Stunden vorher geheizt werden musste. Das hab ich ab 1959 erlebt (da war ich fünf), also seit meine Familie nach Hessen umgezogen ist – und es blieb für viele Jahre so, bis wir eine neue Wohnung fanden.
    Als ich im Winter 79 nach Berlin zog, waren in den allermeisten Altbauten Außentoiletten ganz normal!

    Schönes Format, inspiriert dazu, auch mit „Erinnerungen“ zu experimentieren. Der Textrebell und Wortvogel haben auch gerade Retrospektiven gebloggt!