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Ich lese dieser Tage wieder einiges über Blogs. Über ihre Vergangenheit, ihre Zukunft, ihre Bedeutung, ihren Niedergang, ihre Wiederauferstehung. Das Übliche also. Ein bisschen Friedhof, ein bisschen Frühling, ein bisschen Digitalromantik mit WLAN-Anschluss.
Und während ich das lese, merke ich: Mit vielen dieser Blogger fühle ich mich zugegebenermaßen nicht verbunden. Kein Vorwurf! Echt nicht. Es ist eher eine nüchterne Feststellung. Ich mache dazu auch keine Verlinkung. Wie wenn man in eine Kneipe kommt, in der alle sich seit zwanzig Jahren kennen, und man selbst steht mit seinem Bier am Tresen und denkt: Aha. Hier gibt es offenbar eine Sitzordnung, die mir niemand erklärt hat.
Das zeigt sich nicht erst bei einem Blick auf manche Blogrollen. Die Blogger, die ich „kenne“, tauchen dort gar nicht auf. Menschen, deren Texte ich lese. Leute, die seit Jahren schreiben, verlinken, widersprechen, zweifeln, erzählen. Sie kommen in dieser sichtbaren deutschen Bloghemisphäre schlicht nicht vor. Fußvolk halt. Wobei Fußvolk ein hässliches Wort ist. Aber manchmal trifft gerade das hässliche Wort den schiefen Ton einer Szene ganz gut.
Es gibt offenbar ein Blog-Oberhaus
Manche Namen sind immer da. Sie gehören zum Inventar. Wenn über Blogs gesprochen wird, sitzen sie schon auf dem Podium, bevor die Einladung verschickt wurde. Sie schreiben klug, keine Frage. Viele haben Verdienste. Das soll man gar nicht kleinreden. Ohne diese Leute wäre die deutsche Bloggeschichte ärmer.
Aber es gibt eben auch diesen leichten Geruch nach Oberhaus. Nach „wir waren schon da, als ihr noch gar nicht wusstet, was ein RSS-Feed ist“. Nach digitalem Salon, in dem man sich gegenseitig kennt, zitiert, empfiehlt und gelegentlich versichert, wie wichtig das alles einmal war.
Und dann gibt es die vielen anderen. Die ohne Szeneanschluss. Ohne re:publica-Bändchen. Ohne Erinnerungsfoto aus Berlin. Ohne Netzwerk, das ihre Texte zuverlässig weiterträgt. Die schreiben trotzdem. Nicht aus Karrieregründen, nicht für Panels, nicht für die nächste medienkulturelle Selbstvergewisserung. Sondern weil ihnen etwas unter den Nägeln brennt.
Ich muss da nicht dazugehören
Auch als Rentner hält sich mein Bedürfnis in Grenzen, nach Berlin zu fahren und mir dort erklären zu lassen, was Bloggen angeblich heute bedeutet.Das klingt jetzt böser, als es gemeint ist.
Ich habe nichts gegen Konferenzen. Menschen sollen sich treffen, reden, streiten, feiern. Daran ist nichts falsch. Aber mich zieht das nicht an. Diese Mischung aus Szenesprache, Medienbetrieb, Selbstbespiegelung und moralisch gut gebügeltem Haltungssakko hat für mich wenig Reiz.
Mir reicht der Küchentisch. Der Schreibtisch. Die Tastatur. Der Moment, in dem ein Satz endlich sitzt. Oder auch nicht sitzt, aber trotzdem raus muss, weil der Tag sonst schief im Magen liegt.
Vielleicht ist das altmodisch. Vielleicht ist es auch einfach Bloggen.
Die Mehrheit schreibt im Schatten
Was mich stört, ist nicht, dass einige sichtbarer sind als andere. Sichtbarkeit verteilt sich nie gerecht. Das war nie anders. Mich stört eher, wenn aus dieser Sichtbarkeit eine Art Deutungshoheit entsteht. Als seien die bekannten Stimmen automatisch die Blogosphäre.
Sind sie nicht.
Die Blogosphäre besteht auch aus den kleinen Seiten. Aus privaten Notizen, politischen Kommentaren, regionalen Beobachtungen, Alltagsminiaturen, Wuttexten, Erinnerungen, Linktipps, Gedankensplittern. Aus Menschen, die keine Marke sind. Die keine Bühne brauchen. Die sich nicht mit einem Namensschild durch Berlin bewegen, sondern morgens den Kaffee neben die Tastatur stellen und loslegen.
Diese Mehrheit ist weniger glamourös. Aber sie ist lebendig. Vielleicht lebendiger als manches, was sich selbst für relevant hält.
Bloggen braucht keine Aufnahmeprüfung
Ich will niemandem den Platz streitig machen. Die sogenannten Eliteblogger haben ihren Platz. Sie haben ihre Geschichte, ihre Verdienste, ihre Leser. Alles gut.
Aber daneben gibt es eben uns andere. Die nicht eingeladen werden, nicht vorkommen, nicht gemeint sind, wenn wieder einmal über „die Blogs“ gesprochen wird. Wir schreiben trotzdem. Und vermutlich ist genau das der Punkt.
Bloggen war für mich nie eine Eintrittskarte in eine Szene. Es war immer ein eigenes Zimmer im Netz. Eine kleine, widerspenstige Parzelle. Kein Palast, eher Gartenlaube. Aber meine.
Und wenn dort nicht die große Blogprominenz vorbeikommt, dann ist das zu verschmerzen. Manchmal ist es sogar angenehm. Denn am Ende zählt nicht, ob man auf der richtigen Blogrolle steht. Am Ende zählt, ob man noch etwas zu sagen hat.
Und ob man es sagt.









