
Ich habe heute abgeschnappt, dass wir einen Monat des Jahres mit dem Lesen von Datenschutzrichtlinien verplempern. Jedenfalls dann, wenn wir sie denn alle lesen würden. Selbst wenn man unterstellt, dass die Zahl hochgegriffen ist (belegen kann ich sie nicht), kann ich mir gut vorstellen, wie sich dieser Wahnsinn niederschlägt und sich dieses Beispiel in die Rubrik »total sinnlos« einreiht. Die Firmen, so die Quelle, würden sehr gezielt dafür sorgen, dass die Datenschutzrichtlinien möglichst lang und auch kompliziert verfasst sind.
Das Kalkül ist klar. Es soll nichts schiefgehen kann und die Nutzer/Verbraucher in ihrem Elend wahrscheinlich auf »weiterklicken« gehen – freilich ohne das Kleingedruckte gelesen zu haben. Mission erfüllt!
Und wer ist bei diesem Murks natürlich auch ganz vorn dabei: Richtig! Deutschland. Sind wir eigentlich die Erfinder dieses Wahnsinns? Zutrauen kann man uns das. Bestimmt sind wir ganz oben mit dabei. Was freilich kaum jemanden daran hindert, seine privaten Daten in asozialen Netzwerken großzügig zu platzieren.
Eine Recherche dazu (klick)
Die Zahlen sind real
Eine aktuelle NordVPN-Studie von Januar 2025 zeigt: Deutsche Internetnutzer müssten 70 Stunden pro Monat aufwenden, um alle Datenschutzrichtlinien der durchschnittlich 96 Websites zu lesen, die sie monatlich besuchen. Das entspricht mehr als einer ganzen Arbeitswoche – jeden Monat. Bei einem Mindestlohn von 12 Euro würde das Lesen dieser Richtlinien rund 840 Euro pro Monat kosten, wenn man jemanden dafür bezahlen würde.
Frühere Studien der Carnegie Mellon University aus 2008 bezifferten den Aufwand auf 181 bis 304 Stunden pro Jahr (etwa 25 Tage), wobei diese Zahlen noch vor der DSGVO erhoben wurden. Neuere Berechnungen sprechen sogar von bis zu 98 Tagen im Jahr.
Deutschland ist tatsächlich Spitzenreiter
Deine Vermutung stimmt: Deutschland hat im internationalen Vergleich die längsten Datenschutzrichtlinien. Während deutsche Nutzer 70 Stunden pro Monat bräuchten, sind es in Südkorea nur 31 Stunden. Die längsten Richtlinien stammen dabei meist von Facebook und Instagram.
Komplexität ist gewollt – aber nicht nur aus böser Absicht
Die Komplexität hat mehrere Ursachen. 78 Prozent der deutschen Unternehmen beklagen, dass die DSGVO Geschäftsprozesse komplizierter macht, und 77 Prozent halten sie für zu praxisfern. 86 Prozent der Datenschutz-Verantwortlichen geben zu, dass sie kaum schaffen, allen rechtlichen Entwicklungen zu folgen. Die Unternehmen wollen sich rechtlich absichern – was zu immer längeren Texten führt.
Deutschland als Erfinder? Nein, aber…
Deutschland hat den Datenschutz-Wahnsinn nicht erfunden – die ersten Studien dazu kamen 2008 aus den USA. Allerdings ist Deutschland berüchtigt für besonders strikte Umsetzung: Bei der ersten EU-Datenschutzrichtlinie 1995 hinkte Deutschland so stark hinterher, dass die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten musste. Erst 2001 wurde das BDSG angepasst. Heute sorgt die föderale Struktur in Deutschland für zusätzliche Komplexität, da 35 Prozent der Unternehmen beklagen, dass die Datenschutzregeln innerhalb Deutschlands unterschiedlich interpretiert werden.



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