
Die Recherche von CORRECTIV.Schweiz über gefälschte Medienbeiträge aus KI-Systemen muss natürlich (und nicht zum ersten Mal) nachdenklich machen. ChatGPT schnitt dabei nicht besonders gut ab. Täuschend echte Meldungen im Stil bekannter Zeitungen und Sender ließen sich offenbar viel zu einfach erzeugen. Das ist ein Problem. Wenn eine KI nicht nur irgendeinen Unsinn schreibt, sondern Logo, Gestaltung und Glaubwürdigkeit eines existierenden Mediums gleich mitliefert, sollte sie eine Grenze ziehen.
Nur: Während wir darüber diskutieren, was ChatGPT, Gemini oder Copilot alles verhindern müssten, begegnet mir eine sehr ähnliche Form der Täuschung längst an anderer Stelle. Und zwar dort, wo Millionen Menschen ihre Nachrichten und Empfehlungen bekommen: bei Google.
Ein Arzt, der von nichts weiß
Wer Google Discover auf dem Smartphone nutzt, dürfte solche Anzeigen oder Beiträge schon gesehen haben. Eckart von Hirschhausen schaut einen freundlich und vertrauenerweckend an. Dazu irgendeine sensationelle Geschichte: Abnehmen, Blutdruck, Entgiftung, Diabetes, Schmerzen – endlich habe der bekannte Arzt eine Methode entdeckt, von der angeblich niemand erfahren solle.
Medfakes mit Promis: So läuft der Betrug mit dubiosen Mitteln | Apotheken Umschau
Das Problem ist nur: Hirschhausen hat damit nichts zu tun.
Sein Gesicht, seine Stimme und Ausschnitte aus Fernsehsendungen werden seit Jahren missbraucht, um dubiose Produkte zu verkaufen. Im Mai 2026 sagte Hirschhausen, im Internet kursierten inzwischen mehr als 2.000 betrügerische Anzeigen mit seinem Gesicht und seiner Stimme. Die Apotheken Umschau berichtet über vermeintliche Medikamente und Mittel gegen Kreislaufprobleme, Übergewicht, Schmerzen und Potenzprobleme. Hirschhausen selbst warnt, Menschen verlören dadurch Geld – und manche sogar ihre Gesundheit.
Das ist keine theoretische Gefahr einer zukünftigen KI-Welt. Das passiert längst.
Vertrauen ist die eigentliche Beute
Die Methode funktioniert aus demselben Grund wie eine gefälschte Tagesschau-Kachel: Sie leiht sich Vertrauen.
Der Betrüger muss mich nicht davon überzeugen, dass irgendein unbekannter Verkäufer ein medizinisches Wunder entdeckt hat. Er setzt mir Eckart von Hirschhausen vor die Nase. Ein Arzt, den Millionen Menschen aus dem Fernsehen kennen. Ein sympathisches Gesicht, eine vertraute Stimme – fertig ist der Vertrauensvorschuss.
Die Verbraucherzentrale warnt seit Jahren vor solchen Konstruktionen. Bereits 2024 dokumentierte sie Nahrungsergänzungsmittel mit angeblichen Empfehlungen von Hirschhausen und anderen Prominenten. Im Februar 2026 warnte die Verbraucherzentrale Niedersachsen erneut vor einer Fake-Werbung, die Hirschhausen die Empfehlung eines angeblichen Medikaments unterschob.
Damit bekommt die Sache eine andere Dimension. Eine erfundene politische Nachricht kann die Öffentlichkeit täuschen. Ein erfundener medizinischer Rat kann darüber hinaus Menschen dazu bringen, Geld auszugeben, Medikamente abzusetzen oder auf fragwürdige Präparate zu vertrauen.
Und Google?
Hier beginnt für mich der Widerspruch.
Google hat nämlich Regeln. Für Discover sind unter anderem irreführende Praktiken, manipulierte Medien und problematische medizinische Inhalte verboten. Für Werbung im Discover-Feed untersagt Google ausdrücklich falsche oder übertriebene Gesundheitsversprechen. Auch die Vorspiegelung einer Verbindung zu einer Person, Marke oder Organisation, die tatsächlich nicht besteht, verstößt gegen die eigenen Werberichtlinien.
Auf dem Papier klingt das ausgezeichnet.
In der Praxis sehe ich seit langer Zeit immer wieder genau solche Inhalte. Ich kann selbstverständlich nicht beurteilen, wie viele Google herausfiltert und wie viele durchrutschen. Aber offensichtlich sind es genügend, dass Hirschhausen und Verbraucherschützer seit Jahren öffentlich davor warnen müssen.
Und da reicht mir der Hinweis auf kriminelle Anbieter irgendwann nicht mehr.
Wer eine Plattform betreibt, Inhalte algorithmisch auswählt, Werbung verkauft und damit Geld verdient, trägt auch Verantwortung für das, was dort massenhaft verbreitet wird. Das gilt für Facebook und Instagram genauso wie für Google. Man kann nicht einerseits von KI-Unternehmen perfekte Sicherungssysteme verlangen und andererseits hinnehmen, dass bekannte Betrugsmaschen über Jahre immer wieder auf großen Plattformen auftauchen.
Nicht die Technik ist allein das Problem
Deshalb würde ich die Diskussion über KI gern etwas breiter führen.
Natürlich müssen ChatGPT und andere Systeme verhindern, dass sich mit wenigen Worten perfekte Fälschungen realer Medien oder Personen herstellen lassen. Gerade deshalb finde ich die CORRECTIV-Recherche wichtig. Ich möchte allerdings auch keine KI, die bei jeder politischen Illustration oder harmlosen Bildidee erschrocken die Hände hebt. Sicherheit sollte dort greifen, wo aus Kreativität Täuschung wird.
Aber selbst das beste Sicherheitssystem wird Fälschungen niemals vollständig verhindern. Irgendjemand wird immer ein Werkzeug finden, mit dem sie sich herstellen lassen.
Entscheidend ist deshalb auch die zweite Hälfte der Kette: Wer verbreitet sie?
Bei den falschen Hirschhausen-Anzeigen lässt sich beobachten, wohin wir kommen, wenn diese Frage vernachlässigt wird. Das Gesicht eines Menschen wird gestohlen, sein Ruf benutzt und das Vertrauen anderer zu Geld gemacht. Die technischen Möglichkeiten dafür werden immer besser.
Umso merkwürdiger wäre es, ausgerechnet von den großen Plattformen weiterhin weniger zu verlangen.
Wenn Google weiß, was dort passiert, eigene Regeln dagegen besitzt und trotzdem immer wieder dieselben Maschen durchkommen, liegt das Problem jedenfalls nicht nur bei denen, die solche Fälschungen herstellen.
Es liegt auch bei denen, die ihnen eine Bühne geben.
Ernüchternd ist die Tatsache, wie viele Menschen solchen Betrügern auf den Leim gehen oder – bezogen auf die politische Ebene – schrecklichen Unsinn nicht nur lesen und vielleicht sogar ein Stück weit überdenken. Dass sie aber nichts daran hindert, trotz etwaigen Hinterfragens die „Weisheiten“ weiterzuverbreiten (weils zum Narrativ passt), ist eigentlich inakzeptabel. Aber gegen Dummheit ist eben kein Kraut gewachsen. Da hilft auch keine KI.
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