Ich höre lieber Zweifel als Gewissheiten

Politische Podcasts gibt es reichlich. Besonders schätze ich den ZDF-Podcast „Der Trump Effekt“. Nicht weil dort die Wahrheit verkündet würde, sondern weil Eigendorf, Röller und Theveßen etwas beherrschen, das im politischen Betrieb seltener wird: erklären, streiten und Zweifel aushalten.

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So sehr mir Gewissheit und Optimismus in unseren gegenwärtigen Debatten fehlen, so entschieden widerspreche ich dem inzwischen fast schon routinierten Abgesang auf unsere Demokratie und auf Deutschland insgesamt. Ich kann diesen düsteren Gewissheiten weder Verständnis noch Zustimmung entgegenbringen.

Wenn Journalisten tun, als wüssten sie, wie die Welt zu retten ist

Ich höre ziemlich viele politische Diskussionen. Vielleicht zu viele. Podcasts haben dabei einen Vorteil gegenüber den üblichen Fernsehformaten: Menschen dürfen einen Gedanken tatsächlich einmal zu Ende bringen. Niemand muss nach 40 Sekunden abbrechen, weil der Moderator den gerade geäußerten Gedanken nicht spannend genug findet oder bereits mit dem nächsten Thema wedelt oder (bei privaten Medien) die Werbepause naht.

der Podcast: Der Trump Effekt – auslandsjournal

Einen Podcast verfolge ich besonders gern: den ZDF-Podcast Der Trump-Effekt aus der Redaktion des Auslandsjournals. Seit März 2025 diskutieren dort Katrin Eigendorf, Ulf Röller und Elmar Theveßen über Trump, Amerika, Europa, Russland, China, die Ukraine und inzwischen eigentlich über fast alles, was die internationale Politik durcheinanderwirbelt. Das ZDF beschreibt das Format selbst als Versuch, die durch Trumps Präsidentschaft ausgelösten globalen Veränderungen einzuordnen. Die drei bringen dafür ziemlich unterschiedliche Erfahrungshorizonte mit: Eigendorf als internationale Sonderkorrespondentin und langjährige Berichterstatterin aus Kriegs- und Krisengebieten, Röller als Brüssel-Korrespondent und früherer China-Korrespondent und Theveßen als Leiter des Washingtoner Studios.

Youtube Video
Die aktuelle Folge

Das Format scheint sein Publikum gefunden zu haben. Und das, obwohl insbesondere der Name Elmar Theveßen bei der aufkommenden Rechten wie dem besonders auffälligen Organ der Rechtspflege, Herr Steinhöfel, kübelweise abschätzige Ansichten gegen ihn verbreitet. Bei Apple Podcasts kommt es derzeit auf 4,7 von fünf Sternen bei knapp 600 Bewertungen. Einzelne Videoausgaben erreichen auf YouTube sechsstellige Abrufzahlen. Eine Folge über den Krieg gegen Iran lag beispielsweise bei mehr als 250.000 Aufrufen. Belastbare Zahlen über die gesamte Reichweite über alle Plattformen hinweg veröffentlicht das ZDF allerdings nicht. Es ist schwierig, valide Zahlen zu finden.

Das Format zu den festen Größen und rangiert regelmäßig weit vorne – oft in den Top 10 der Kategorie Politik.

Mich überzeugt ausgerechnet das Nichtwissen

Warum höre ich diesen Podcast gern?

Vielleicht aus einem etwas paradoxen Grund. Ich habe bei Eigendorf, Röller und Theveßen vergleichsweise selten das Gefühl, drei Menschen zuzuhören, die morgens aufgestanden sind und seitdem wissen, wie die Welt gerettet werden muss. Das klingt zunächst nach keinem besonders großen Kompliment. Ich meine es aber als eines.

Denn dieses Gefühl beschleicht mich bei politischen Diskussionen inzwischen erstaunlich häufig. Journalisten, Kommentatoren und natürlich Politiker erklären uns mit großer Bestimmtheit, was Deutschland, Europa oder „der Westen“ jetzt tun müsse. Der Konjunktiv ist offenbar aus der Mode gekommen. Es muss nur endlich dies geschehen, jenes beendet und selbstverständlich etwas Drittes grundlegend reformiert werden.

Und dann? Dann wird alles besser. Manchmal sitze ich vor solchen Diskussionen und denke: Donnerwetter. Wenn es so einfach ist, warum sind wir eigentlich in diesem Schlamassel?

Die erstaunliche Sicherheit mancher Kommentatoren

Das betrifft keineswegs nur eine politische Richtung. Auch in Medien, deren grundsätzliche politische Orientierung mir näher liegt, begegnet mir diese eigentümliche Gewissheit.

Besonders bizarr wird sie allerdings bei manchen rechten Podcasts und YouTube-Formaten. Dort ist die Welt häufig von geradezu bestechender Einfachheit. Die Grenzen schließen. Die EU zurechtstutzen. Migration beenden. Die Energiewende zurückdrehen. Russland anders behandeln. Die öffentlich-rechtlichen Medien abschaffen oder zumindest radikal umbauen. NGOs nicht mehr finanzieren. Die Regierung austauschen. Und wenn das alles erledigt ist, kehren offenbar Vernunft, Wohlstand, innere Sicherheit und gesellschaftlicher Frieden zurück. Der erfolgreichste Podcast im Land wartet (für mich) mit einer Provokation nach der anderen auf. Aktuell gab mein „Lieblingsschweizer“, Herr Köppel von der Weltwoche Ben die Ehre. Ich möchte im Strahl kotzen. Und diesen Mann höre ich mir nicht an. Bei Höcke oder dem russischen Botschafter, dessen Name ich vergessen habe, habe ich mir das Ganze angehört. Ich will wissen, was diese Leute reden.

Eine Gesellschaft besteht aus Millionen Menschen mit widersprüchlichen Interessen. Deutschland steckt in Europa, Europa in einer Weltwirtschaft, diese wiederum in geopolitischen Abhängigkeiten. Jede politische Entscheidung erzeugt Gewinner und Verlierer. Fast jede Lösung schafft neue Probleme. So komplex die Welt auch ist, die Rechten kennen die Antwort. Die Rückbesinnung auf die Nation ist die grotesk-dünne Antwort, die sie geben und glauben damit Fortschritt zu erreichen. Ein echter Witz, der diese Welt erneut ins Unglück stürzen wird. Auch in Europa. Denn an solchen Vorstellungen wird die Idee eines vereinigten Europas endgültig scheitern.

Wer behauptet, er kenne trotzdem die einfache Lösung, sollte mein Misstrauen eigentlich stärker wecken als jemand, der sagt: Ich weiß es nicht.

Zweifel sind keine Schwäche

Vielleicht ist das ein Grund, weshalb mir der Trump-Effekt gefällt. Auch dort werden selbstverständlich Positionen vertreten. Manchmal ziemlich entschieden. Und selbstverständlich kann man Eigendorf, Röller oder Theveßen widersprechen. Das tue ich auch.

Aber die drei widersprechen sich eben ebenfalls. Das ist wichtig.

Man hört Menschen mit erheblicher journalistischer Erfahrung beim Nachdenken zu. Eigendorf betrachtet manches anders als Theveßen, Röller setzt andere Akzente. Einer wirft eine These in den Raum, der andere relativiert sie. Nicht jede Frage endet mit einer fertigen Antwort.

In einer Zeit, in der Gewissheit zur politischen Handelsware geworden ist, empfinde ich genau das als angenehm.

Journalismus sollte uns schließlich nicht sagen, was wir denken sollen. Er sollte uns möglichst viel von dem liefern, was wir wissen müssen, um selbst denken zu können.

Erklären ist etwas anderes als regieren

Wer jahrelang Politik beobachtet, entwickelt zwangsläufig Vorstellungen davon, was falsch läuft. Dagegen ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Problematisch wird es erst, wenn aus Analyse unmerklich Politikberatung und aus Politikberatung Gewissheit wird.

Vielleicht brauchen wir weniger Propheten

Damit komme ich zu etwas, das weit über diesen einen Podcast hinausgeht.

Wir erleben eine Zeit gewaltiger Verunsicherung. Krieg, Migration, wirtschaftlicher Strukturwandel, Demografie, Klimawandel, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, der Aufstieg Chinas, der mögliche Rückzug Amerikas aus seiner bisherigen Rolle – und mittendrin ein Europa, das selbst noch nicht recht weiß, was es eigentlich sein möchte. Und das nach all den Jahren und immer wieder gegebenen Versprechen auf Reformen der Institution. Wir erinnern uns noch an die Brexit-Zeit und die gegebenen Versprechen. Was ist daraus geworden?

Vielleicht benötigen wir weniger Journalisten, Experten und Propheten und mehr Leute, die vernünftig erklären können, warum eine Sache so kompliziert ist. Sagt einer, der einen Blog hat und, wenn auch vergeblich, zu diesem ganzen Wirrwarr seinen symbolischen Beitrag leistet.

Der Satz „Das wissen wir noch nicht“ ist keine journalistische Niederlage.

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