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Wenn man sich durch den Correctiv-Text über Julia Klöckner liest, hat man irgendwann das Gefühl, in zwei Geschichten gleichzeitig zu stecken: In der einen sitzt eine Bundestagspräsidentin mit Labradoodle im Arm, in der anderen eine strategische Netzwerkerin, die – so der Tenor – schleichend an der Brandmauer zur AfD sägt. Dazwischen steht Correctiv selbst als moralische Instanz, Daten in der Hand, Urteile im Gepäck. Genau dieses Rollenverständnis lohnt einen zweiten, etwas misstrauischen Blick.
Klöckner zwischen Ella und Empörung
Correctiv hat für die Recherche rund 3.100 Social-Media-Posts von Klöckner ausgewertet, davon 1.200 in der heißen Phase des letzten Bundestagswahlkampfs. Mehr als 80 davon stammen von »rechtskonservativen bis rechtspopulistischen« Accounts, von Nius-Redakteuren über ÖRR-Blog bis hin zu Medien, die Correctiv in diese Ecke rückt. Das ist eine Menge Arbeit, und es ist richtig, sich anzuschauen, wie eine Bundestagspräsidentin kommuniziert. Aber aus Zahlen werden erst Deutungen – und genau dort wird es heikel.
Denn Correctiv definiert den Repost sehr eindeutig: Wer teilt, würdigt, wer würdigt, positioniert sich. Retweet gleich Bekenntnis. Das mag manchmal stimmen, aber es ist eben nicht zwangsläufig so. Politikerinnen teilen auch, um sich abzuarbeiten, um Empörung zu spiegeln, um sich auf Debatten vorzubereiten – oder schlicht, weil es ins eigene Narrativ passt, ohne dass das Gesamtpaket des Absenders mitgekauft wird. Die Grenze zwischen »Ich finde diesen einen Punkt interessant« und »Ich stehe im Geiste neben diesem Medium« ist unscharf. Correctiv macht sie schärfer, als sie ist.
Wenn aus Zahlen Erzählungen werden
»Auffällig oft« klingt dramatisch, ist aber eine Frage der Bezugsgröße. 80+ fragwürdige Quellen auf 1.200 Posts sind etwas anderes als 80+ auf 200. Und es ist wiederum etwas anderes, ob man nur reine Hundebilder und Geburtstagsgrüße mitrechnet oder nur explizit politische Beiträge. Diese Differenzierung fehlt. Die Aussage, Klöckner rücke an den »rechtskonservativen Rand der Union«, hängt in der Luft, weil die Methodik nicht transparent zu Ende erzählt wird. Es bleibt beim »Glaubt uns, wir haben das durchgezählt«.
Ein zweiter Punkt betrifft das Labeling. Cicero, BILD, Schwäbische Zeitung, Nius, ÖRR-Blog – sie landen in einem Bedeutungsfeld zwischen »sehr konservativ« und »rechtspopulistisch«. Dass Nius oder bestimmte ÖRR-Blog-Auftritte berechtigte Kritik provozieren, steht außer Frage. Aber es macht einen Unterschied, ob man von knalligem Konservatismus, populistischem Journalismus oder proto-autoritärem Projekt spricht. Wer alles, was rechts von der eigenen Komfortzone ist, in einen Sack packt, bekommt zwar ein klares Feindbild – aber ein unscharfes Bild der Realität.
Die überhöhte Schlüsselfigur
Gleichzeitig überhöht Correctiv die Person Klöckner. Sie erscheint fast als Hebel für das »gesamte politische System«, als Schlüsselfigur in allen Fragen rund um Brandmauer, AfD und Zukunft der CDU. Dass sie Einfluss hat, bestreiten wohl die wenigsten. Aber die Christdemokratie besteht nicht nur aus einem Berliner Dreieck aus Merz, Spahn, Linnemann plus Klöckner. Es gibt Landesverbände, Ministerpräsidenten, Basis, Parteitage, innerparteiliche Flügel. Die Erzählung der einen Strippenzieherin ist griffig – aber politisch verkürzt.
Vieles in dem Artikel basiert auf anonymen Quellen: »hochrangige CDUler« hätten gesagt, Klöckner habe Merz »maßgeblich überzeugt«, den Migrationsplan mit Hilfe der AfD durchzuziehen. Das kann so gewesen sein. Es kann aber auch Teil innerparteilicher Rechenspiele und nachträglicher Schuldverlagerung sein. Wenn man aus solchen Zitaten die Geschichte einer Frau baut, die im Hintergrund an der Brandmauer sägt, dann bewegt man sich im Übergang vom Belegbaren zum (durchaus gut informierten) Polit-Klatsch. Für investigativen Journalismus ist das ein schmaler Grat.
ÖRR-Kritik und rechter Kulturkampf
Besonders sensibel ist der Umgang mit der ÖRR-Kritik. Klöckner teilt Beiträge, in denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk hart angegangen wird, sie stellt den Rundfunkbeitrag infrage, empört sich über Merz-als-Nosferatu-Satire, zitiert den ÖRR-Blog, der tatsächlich mit zugespitzten, aus dem Kontext gerissenen Clips arbeitet. Ja, dort wird Wut bewusst produziert, und ja, diese Wut findet sich in rechten Echokammern besonders wohl. Aber daraus einen fast nahtlosen Übergang von Medienkritik zu Rechtspopulismus zu zeichnen, trägt ein Problem in sich: Wer Korrekturen an ARD und ZDF für nötig hält, gerät schnell in Verdacht, Teil des rechten Kulturkampfs zu sein. Genau diese Gleichsetzung ist demokratietheoretisch gefährlich – weil sie legitime Kritik am ÖRR mit der Abrissbirne der AfD in einen Topf kippt.
Guilt by association – das Netz um R21 & Co.
Und dann ist da noch die Ebene der Netzwerke. Klöckner kennt Andreas Rödder und Kristina Schröder, war mit Rödder im Schattenkabinett, besucht private Feiern, teilt R21-Inhalte, tritt bei der INSM auf. Daraus wird ein dichtes Netz gezeichnet, in dem wirtschaftsliberale Lobbyarbeit, konservative Denkfabriken und rechtspopulistische Diskurse ineinanderfließen. Vieles daran ist politisch legitim kritisierbar. Aber man sollte unterscheiden zwischen: »Das Netzwerk hat eine bestimmte Ideologie« und »jeder, der dort auftaucht, steht automatisch auf derselben Stufe wie der radikalste Knoten«. Sonst landet man bei einer moralischen Sippenhaft, die man bei anderen Lagern zu Recht beklagen würde.
Spannend ist auch, wie Correctiv die Vergangenheit Klöckners liest: Plan A2, Islamgesetz, Migrationsthemen – das ergibt in der Erzählung eine Gerade hin zu einer »rechtskonservativen Agenda«, die nun im Merz-Lager reüssiert. Man kann das so deuten, das Muster ist da. Man kann es aber auch als klassische Konservativen-Strategie der letzten Jahre lesen: sich nach rechts abgrenzen, aber ein Stück weit immer hinterherlaufen, in der Hoffnung, die eigenen Wähler nicht an die AfD zu verlieren. Eine problematische Strategie, keine Frage – aber nicht automatisch identisch mit dem, was man üblicherweise »rechtspopulistisch« nennt.
Brandmauer, Ost-Lagen und reale Dilemmata
Und natürlich steht über allem die Brandmauer-Frage. Correctiv positioniert sich klar: AfD ist völkisch, rechtsextrem, demokratiefeindlich, jede Zusammenarbeit wäre selbstzerstörerisch. Dass diese Linie inhaltlich gut begründbar ist, heißt aber nicht, dass die Diskussion damit erledigt wäre. Die ostdeutschen Landesverbände der CDU stehen vor einem Dilemma: Was tun, wenn die AfD stärkste Kraft wird, Linke und Grüne als Partner nicht gewollt sind und die SPD schwach ist? Minderheitsregierung, Tolerierung, Duldung, Juniorpartnerschaft – diese Szenarien sind unschön, aber real. Wer über Klöckners Reposts urteilt, sollte dieses institutionelle Dilemma wenigstens erwähnen.
Gerade vor diesem Hintergrund wäre eine nüchterne, transparentere Einordnung hilfreich: Was ist gesicherte Information, was Informanten-Story, was normative Setzung? Und wo beginnt das, was man bei anderen gern beklagt – Haltungsjournalismus?
Correctiv im Staatslicht
Besonders eigenartig wirkt die Konstruktion an einer Stelle: Correctiv kritisiert sehr scharf die finanzielle und politische Einbettung anderer Akteure – von Denkfabriken über Lobbyverbände bis hin zu geförderten Projekten wie R21. Gleichzeitig ist Correctiv selbst nicht im luftleeren Raum unterwegs. Auf der eigenen Transparenzseite ist nachzulesen, welche Stiftungen, privaten Spender und auch staatlichen Stellen das Haus finanzieren. Unter anderem kommen Mittel von Einrichtungen wie der Bundeszentrale für politische Bildung oder aus öffentlichen Töpfen – zweckgebunden, aber eben: staatlich.
Dass ein Medium, das selbst staatlich mitgetragen wird, zugleich mit großer Geste auf die Förderung politisch anders orientierter Medien, Denkfabriken und Projekte zeigt und sie als Gefahr für die Demokratie markiert, hat zumindest eine ironische Note. Es riecht nach doppeltem Maß: Eigene Gelder sind »unabhängige Förderung«, fremde Gelder sind »problematische Einflussnahme«.
Das heißt nicht: Correctiv soll die Klappe halten, sobald es um Geldflüsse zu anderen Medien geht. Im Gegenteil – genau solche Recherchen braucht man. Aber es heißt: Wer in diesem Feld unterwegs ist, sollte die eigene Position offen mitdenken. Correctiv ist keine neutrale Messstation außerhalb des Systems, sondern selbst Teil einer geförderten Landschaft: Spenden, Stiftungen, öffentliche Mittel, Plattform-Verträge. Von dort aus anderen vorzuwerfen, sie seien durch ihre Finanzquellen politisch schief und gefährlich, hat immer eine Prise Doppelstandard im Beigeschmack.
Was von der Recherche bleibt
Unterm Strich bleibt: Der Correctiv-Artikel zeigt einiges, was politisch und moralisch zu diskutieren ist. Ja, Julia Klöckner bewegt sich in Netzwerken, die eher rechts als mittig sind. Ja, sie teilt Inhalte von Accounts, bei denen einem demokratischen Bauch mulmig werden darf. Aber Correctiv erzählt aus diesen Puzzleteilen eine sehr eindeutige Geschichte: vom Hündchen-Content zur Hardlinerin, von der Denkfabrik zur Brandmauer-Erosion, von Reposts zur rechten Agenda. Die Leerstellen – Deutungsspielräume, Zahlenkontext, eigene Rolle – treten dabei in den Hintergrund.
Vielleicht wäre ein bisschen mehr Selbstrelativierung hilfreich. Ein Satz wie: »Auch wir sind in Strukturen eingebunden, die unseren Blick prägen« würde die Recherche nicht schwächen, sondern glaubwürdiger machen. Denn am Ende gilt: Wer andere mit Flutlicht beleuchtet, sollte sich wenigstens eine Handlampe ins eigene Gesicht halten. Alles andere wirkt schnell wie das, was Correctiv selbst zu bekämpfen beansprucht: eine Form von Haltungsjournalismus, die sich ihrer eigenen Haltung zu sicher ist.
Die sollen sich einfach etwas beeilen. Mit der Neuauszählung der Stimmen zur letzten Bundestagswahl. Dann ist die Klöckner draußen und die Wagenknecht drinnen und dann sind schon zwei Probleme wieder abgehakt.
@Juri Nello: Ich nenne das, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. 😋🤓😝☠️