Man muss doch wissen, wovon man redet, sagt Lanz

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Diesmal war die SPD dran – in Person von Generalsekretär Klüssendorf. Markus Lanz liest seine Fragen grundsätzlich vom Spickzettel ab, den ihm vermutlich die Redaktion erstellt hat. Von seinen Gästen auf dem heißen Stuhl, links neben ihm, verlangt er (und die geneigten Zuschauer der jeweils »anderen« politischen Seite) die korrekten Antworten. In diesem Fall gab’s wieder etwas für die versammelte rechte Presse. Ob Welt, Focus, Berliner Zeitung – jedenfalls diese Art von Elend.

Wehe, man hat die Antworten nicht parat, und wehe, es handelt sich um SPD, Grüne oder Linke. Wir erleben das immer wieder bei Lanz. Er genießt es, Menschen vorzuführen. Allerdings trifft es alle Parteien gleichermaßen. Das darf man wohl feststellen. Wenn man dann die Memes am nächsten Tag durchgeht, wird darin vor allem die Unwissenheit (Faktenarmut) der Spitzenpolitiker thematisiert, die in der Sendung als integraler Hauptbestandteil dieses Elends »auseinandergenommen« wurden.

Da heißt es dann:

Davon gibt’s zig mehr.

Das sind für mich rechte Hetzer, die schnell auf den Zug aufspringen, den große rechte Medien (Welt, Focus) mit wenig mehr Substanz angeschoben haben.

Im Fall Klüssendorf ging es um Sozialausgaben. Lanz wollte konkrete Zahlen hören. Ich glaube, Klüssendorf, bekam einen roten Kopf, weil er kommen sah, was andere vor ihm auch ständig erleben.

Der SPD-Generalsekretär argumentierte strukturell, sprach über Verteilung, über Belastung von Arbeitnehmern, über die soziale Balance im System. Er dachte politisch, nicht buchhalterisch. Doch das Studio belohnt keine Systemperspektive, sondern Präzision im Detail. Wer eine Kennziffer nicht parat hat, wirkt unvorbereitet. Wer relativiert, wirkt ausweichend. Politik wird in diesem Moment zum Wissensquiz. Das ist journalistisch vielleicht legitim – aber es setzt einen Maßstab, der selbst nicht neutral ist. Denn er privilegiert einen technokratischen Politikstil, in dem Zahlen als Ausweis von Kompetenz gelten, während normative Argumente schnell wie Nebel erscheinen. Franz-Josef Strauß, werden viele ältere (Rechte) sagen, wäre so etwas nie passiert. Und vielleicht stimmt das sogar.

Natürlich sollte ein Generalsekretär zentrale Größenordnungen kennen. Das gehört zum Handwerk. Doch aus einer Unsicherheit bei Detailfragen lässt sich keine politische Gesamtunfähigkeit ableiten. Genau das aber geschieht im öffentlichen Echo. Aus dem Zögern wird ein Beweis. Aus dem fehlenden Prozentwert eine Schlagzeile. Die Dramaturgie ist immer ähnlich: Lanz hakt nach, wiederholt, spitzt zu. Der Druck steigt, der Gast verteidigt sich, das Publikum spürt die Spannung. Und danach heißt es: entlarvt.

Dabei rückt die eigentliche Debatte in den Hintergrund. Wie hoch sollen Sozialausgaben sein? Welche Funktionen erfüllt der Sozialstaat? Wo liegen strukturelle Probleme, wo politische Prioritäten? Diese Fragen verschwinden hinter der Frage, ob jemand eine Zahl korrekt zitieren konnte. Wir diskutieren Performanz statt Politik. Das ist vielleicht das eigentliche Dilemma solcher Formate: Sie erzeugen Schärfe, aber selten Tiefe. Lanz ist kein neutraler Plauderer, sondern Konfrontator. Das ist sein Markenzeichen, sein Erfolgsrezept. Man kann das als notwendige Härte feiern oder als unnötige Zuspitzung kritisieren. Ich frage mich nur, ob wir auf diese Weise klüger werden – oder ob wir lediglich dabei zusehen, wie Politik in Echtzeit auf ihre Schlagfertigkeit reduziert wird. Vor allem glaube ich daran, dass dieses Format mit diesen wahnsinnig unterhaltsamen und gleichzeitig so irrelevanten Inhalten unserer Demokratie einen Bärendienst erweist.

Inhaltlich werden diese Politikschreihälse meistens nicht. Aber werten tun sie alle. Ich natürlich auch.

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4 Gedanken zu „Man muss doch wissen, wovon man redet, sagt Lanz“

  1. Ich frage mich nur, ob wir auf diese Weise klüger werden 

    Nein, werden wir nicht.
    Die letzten zwei Sendungen schaltete ich bald ab.
    Was ich möchte ist, Experten zu hören, Hintergrundinformationen zu bekommen.
    Die bekommt man ab und an in politischen Talkshows.

  2. Du hast ja so recht! Und auch ich hätte gerne Debatten zu den von dir gestellten Fragen! Denn ich finde die (bisher unwidersprochene) Info, dass planungstechnisch 2029 der gesamte Bundeshaushalt nur für den Sozialetat, die Verteidigung und die Schuldenzinsen reichen soll – sonst nichts!

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