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Es war »nur« Theater. Und doch war es offenbar mehr. Im Schauspielhaus Bochum wurde die deutsche Premiere von »Catarina, oder die Schönheit des Faschistenmords« von Tiago Rodrigues aufgeführt. Am Ende hält ein Schauspieler in der Rolle eines rechtsextremen Parteifunktionärs einen langen, provokanten Monolog. Er spricht von einer düsteren Zukunft. Von Macht. Von »Die Zukunft gehört uns«.
Und dann fliegen Orangen. Zuschauer buhen, brüllen, zwei stürmen die Bühne. Ein versuchter Übergriff auf einen Schauspieler, der – das muss man sich in Erinnerung rufen – schlicht seinen Text spricht. Fiktion. Rolle. Theater.
Das Ganze ist inzwischen sogar international Thema, etwa hier:
Far-right character’s monologue prompts violent scenes at German theatre | Germany | The Guardian
Man reibt sich die Augen.
Kindheit, Bambi und der unsichtbare Jäger
Mich hat das an meine eigene Kindheit erinnert. Ich war fünf oder sechs, als ich im Kino »Bambi« sah. Die Mutter stirbt. Ein Schuss. Kein Bild vom Täter. Nur dieser eine Knall – und das Entsetzen.
Ich war wütend. Richtig wütend. Auf den Jäger. Ich hätte ihn am liebsten zur Rede gestellt. Dass er nur eine Figur war, dass es ein Zeichentrickfilm war – das spielte in meinem kindlichen Empfinden keine Rolle. Die Emotion war stärker als die Einordnung.
Aber ich war ein Kind.
Erwachsene im Theater sollten unterscheiden können zwischen Rolle und Person, zwischen Bühne und Wirklichkeit. Wenn sie es nicht mehr können oder nicht mehr wollen, ist etwas ins Rutschen geraten.
Wenn Moral zur körperlichen Reaktion wird
Natürlich provoziert dieses Stück. Natürlich ist der Monolog am Ende eine Zumutung. Genau das ist ja der Sinn. Theater soll stören, reizen, in Unruhe versetzen. Sonst bleibt es Dekoration.
Aber wer auf die Bühne stürmt, weil ihm das Gesagte moralisch unerträglich erscheint, der verlässt den Raum der Kunst. Und ein Stück weit auch den Raum der Demokratie.
Es wirkt wie ein Kurzschluss: Man hört etwas Unerträgliches – also greift man ein. Man will das Böse stoppen. Dass dieses »Böse« gerade gespielt wird, um es sichtbar zu machen, geht im Moment der Erregung unter.
Ist das Polarisierung?
Wir reden ständig von Polarisierung. Von aufgeheizten Debatten. Von Fronten. Vielleicht ist das hier ein Symptom.
Wenn selbst ein Theaterpublikum, das man eher für reflektiert halten würde, nicht mehr aushält, dass eine extremistische Figur ihre Gedanken ausbreitet, dann stellt sich eine unangenehme Frage: Wie stabil ist unsere Streitkultur noch?
Wir empören uns – oft zu Recht – über autoritäre Tendenzen, über faschistoide Parolen, über Einschüchterung. Aber was bedeutet es, wenn vermeintlich »die Guten« anfangen, Kunst mit körperlichem Druck zu beantworten?
Eine Besucherin schrieb sinngemäß, es sei beängstigend, wenn angeblich antifaschistische Theatergänger die Bühne stürmen. Das habe selbst einen autoritären Zug.
Der Satz sitzt.
Vance, Europa und unsere Nerven
Vor einem Jahr mahnte der US-Vizepräsident Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz Europa, seine demokratischen Prinzipien ernst zu nehmen – auch dann, wenn es unbequem wird. Man muss seine politischen Positionen nicht teilen, um zu verstehen, was der Kern solcher Mahnungen ist: Demokratie heißt aushalten.
Aushalten, dass jemand etwas sagt, das man verabscheut. Aushalten, dass eine Figur im Theater das Grauen in freundlichem Ton vorträgt. Aushalten, ohne zur Orange zu greifen. Ich rede fast schon wie Martenstein. Sorry!
Das heißt nicht, alles gleichgültig hinzunehmen. Aber es heißt, zwischen Kunst und Agitation zu unterscheiden. Zwischen Darstellung und Propaganda. Zwischen Schauspieler und Ideologe.
Wenn wir diese Unterscheidung verlieren, wird es dünn. Sehr dünn.
Warum ich darüber schreibe
Ich schreibe das nicht, um irgendwen zu belehren. Mich beschäftigt schlicht, wie schnell Emotionen heute in Handlung umschlagen. Wie schmal der Grat geworden ist zwischen moralischer Empörung und tatsächlichem Übergriff. Mir fallen die Übergriffe auf Notärzte und Rettungspersonal oder Feuerwehrleute und Polizisten ein.
Vielleicht ist es eine Überforderung. Vielleicht sind die Themen zu nah an unserer politischen Realität. Vielleicht sind die Nerven blank.
Aber ich hoffe sehr, dass das kein Vorbote einer neuen Normalität ist.
Theater darf erschrecken. Es darf wütend machen. Es darf Angst erzeugen. Aber es muss möglich bleiben, dass ein Schauspieler seinen Text zu Ende spricht – selbst dann, wenn der letzte Satz lautet: »Die Zukunft gehört uns.«
Gerade dann.
Der link funzt nicht.
abgesehen davon: Ich muss an Klaus kinski zuückdenken, an seine Interaktion mit dem theaterpublikum.
@Gerhard: Danke für den Hinweis. Jetzt aber… 🙂