Staatsfunk-Fantasien und die Lust am ÖRR-Bashing

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rechte kampfrhetorik gegen oeffentlich rechtlichen rundfunk
rechte kampfrhetorik gegen oeffentlich rechtlichen rundfunk

Sophie von der Tann muss wirklich ein ganz furchtbarer Mensch sein. Seltsam! Ich halte sie aufgrund ihrer Auftritte, die ich bisher mitbekommen habe, für eine ausgesprochen sympathische Person. Logisch, dieser Eindruck ist zu oberflächlich, um ihn zur Rechtfertigung eines journalistischen Preises ins Feld führen zu können.

Hamas

Konkrete Vorwürfe lauten, dass von der Tann sich penetrant dem gerechten Kampf Israels gegen die Terroristen der Hamas entzogen hätte und ein Millionenpublikum (deutscher Dumpfbacken ohne eigene Meinung) manipuliert hat, in dem sie einseitig Partei für die Terroristen und gegen die Interessen Israels genommen hat.

Zusammengefasst ist dies der Standpunkt, den Sander (mit über 50.000 Abonnenten bei YouTube) gegenüber von der Tann und uns Konsumenten des ÖRR vertritt. Kennzeichnet dieses Bashing ihren normalen Umgang mit Andersdenkenden? Die Jüdische Allgemeine veröffentlicht Beiträge von Frau Sander, die in die gleiche Richtung zielen.

Sarah Maria Sander kämpft für die Wahrheit, für einen unabhängigen jüdischen Staat und für jüdisches Leben – und zahlt dafür einen hohen Preis. Doch sie lässt sich nicht entmutigen. Es ist beschämend, dass ihr Engagement nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr wirklich zusteht. Ich verneige mich vor dieser außergewöhnlichen Frau und bin zuversichtlich, dass sie die Anerkennung erhalten wird, die sie für ihre Arbeit so sehr verdient.
Quelle

Haben wir mit diesem Hinweis vielleicht den wunden Punkt erwischt? Ihr Engagement erhält also nicht die Aufmerksamkeit, die ihr zusteht?

Parteilichkeit

Sie tritt als dezidiert pro-israelische Journalistin und Aktivistin auf, deren Schwerpunkt die Verteidigung Israels gegen Terror und gegen verzerrte Berichterstattung ist. Netanjahu selbst ist für sie – soweit erkennbar – eher Randfigur als Projektionsfläche. Hatte sie von der Tann nicht ihre journalistische Neutralität abgesprochen bzw. sie als Aktivistin markiert?

Wer die Bilder aus Gaza vor Augen hat, könnte einen anderen Eindruck gewonnen haben. Für so viel Reflexion ist für Sander oder andere Fans israelischer Vernichtungskriege kein Raum. Sie sind überzeugt, dass Netanjahu das Richtige tut.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit belegt Israel mittlerweile Rang 112 von 180.

Gott sei Dank gibt’s Menschen, die von der Tanns Arbeit unterstützen. Daran mag man erkennen, welche Mechanismen und Methoden gegen diejenigen angewendet werden, die den Vernichtungskampf der israelischen Regierung gegen die Palästinenser (nicht nur in Gaza) NICHT unterstützen.

Angriffsfläche

Was sie über von der Tann auskübel ist mit vom Schlimmsten, was ich bisher je als Kritik an Kollegen gehört habe. Der Verriss des Menschen Sophie von der Tann ist ja auch ein Musterstück jener rechten Erzählungen, die in ihrem Kampf um die Deutungshoheit jedes Maß und jede Mitte vermissen lassen. In ihrem Endkampf gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird dieser nur noch als ideologische Maschinerie wahrgenommen.

Eine Journalistin wird zur Figur, die angeblich »Millionen Deutsche« durch den Nahostkonflikt »führt« und ihnen vorschreibt, was sie zu denken haben. Das ist kein analytischer Einstieg, das ist bereits die Anklageschrift.

Schlimmer kann man die eigene Partei, rhetorisch exzellent verpackt, die eigene Einseitigkeit nicht zelebrieren, als Frau Sarah Maria Sander es in diesem schrecklichen Video macht.

Tatsächlich wurde Sophie von der Tann gemeinsam mit Katharina Willinger für den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis vorgeschlagen – ausdrücklich wegen kritischer, differenzierter Berichterstattung aus Israel und Gaza. Der Preis wird übermorgen verliehen. Man kann von der Tanns Berichte kritisieren, einzelne Formulierungen sezieren, blinde Flecken benennen. Was der Verriss aber tut, ist etwas anderes: Er ist ein Vernichtungsversuch infamster Art. Sander behauptet, sie werde nicht für journalistische Qualität ausgezeichnet, sondern weil sie ein »Weltbild« bediene, das im ÖRR angeblich zum »moralischen Dogma« geworden sei.

Damit sind wir mitten im rechten Vokabular: Aus Pluralität wird »Dogma«, aus Redaktion wird »Apparat«, aus Debatte wird »Gehirnwäsche«. Es ist die weichere Variante von »Staatsfunk« und »Lügenpresse« – mit identischer Funktion: den ganzen Apparat zu delegitimieren. Woher kennt man diese Erzählung? Wir werden davon überrollt, nicht nur von Leuten, deren politischer Aktionsradius jeweils nur die rechte Seite des Spektrums umfasst.

Person statt Programm im Fadenkreuz

Besonders perfide: Von der Tann steht von mehreren Seiten unter Beschuss. Während die einen sie als zu israelkritisch brandmarken, feiern andere sie als angeblich einzige Stimme gegen Israel – beide Seiten benutzen sie als Projektionsfläche. Organisationen wie Reporter ohne Grenzen warnen ausdrücklich vor Einschüchterungsversuchen gegen sie und andere Korrespondentinnen.

Wer in dieser Lage noch einen Verriss nachschiebt, der ohne Textbelege, ohne Analyse einzelner Beiträge, nur mit dem Dauerrauschen von »Weltbild« und »Dogma« arbeitet, betreibt keine Medienkritik – sondern Kampagne. Medienkritik fragt: Was genau war falsch, einseitig, unvollständig? Kampagne schreit: Die da oben manipulieren uns alle.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat genug Probleme und blinde Flecken, um ihn hart, vielleicht sogar gnadenlos zu kritisieren. Aber wer Journalist:innen pauschal zur Priesterschaft eines vermeintlichen Staatsglaubens erklärt, spielt genau das Spiel, das er vorgibt zu bekämpfen: Er ersetzt mühsame Differenzierung durch einfache Feindbilder. Und die richten sich längst nicht nur gegen »den ÖRR«, sondern am Ende gegen jede Form ernsthafter Berichterstattung.

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9 Gedanken zu „Staatsfunk-Fantasien und die Lust am ÖRR-Bashing“

  1. Es gibt gut Gründe, warum man die aktuelle Kamera abschaltet.
    Wenn man die Schemata kennt, kann man zumindets dem Nachwuchs den Unterschied zwischen Nachricht und Propaganda erklären und vermitteln, warum Hofberichterstatter eben schlecht für die Demokratie sind. Zur Not auch mit Videos im Stil der Sendung mit der Maus. Wäre doch eine prima Aufgabe für die KI oder?

  2. Wenn Du so auf betreutes Denken stehst, erklären sich mir die anderen Posts von Dir hier nicht, wo Du das anprangerst.

    Das man im Politmag Haltung zeigt, geht natürlich in Ordnung. Bei anderen Formaten eben nicht und das macht natürlich nicht nur der ÖRR so, nur fällt es hier am meisten auf, weil die Propaganda auch extrem schlecht gemacht ist. Analog zur Temuwerbung.

    • @Horst Schulte: »Die Arena« war neulich auch nicht besser. Eigentlich genau das, was man von den Russen erwarten würde.

      Die Frage ist, wie lange sich Propagandaschau und der Rest noch die Waage halten. Im DLF haben sie das Mass ja schon so überzogen, dass sich sogar schon Ukrainer beschwert haben sollen.

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